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"Sollte generell ein Verbrechen sein" Warum verjährt Kindesmissbrauch?

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Tatort Odenwaldschule: "Wenn man als Gesellschaft Missbrauch ächten will, sollte die Strafverjährung ausgeweitet werden."

dpa

Es wird gefordert, Kindesmissbrauch endlich als Verbrechen zu ahnden. Was bei einem Missbrauchsverdacht zu tun ist und wie die Folgen für die Opfer sind, beantwortet n-tv.de.

Wann verjährt sexueller Missbrauch?

Das hängt von der Schwere der Tat ab. Schwerer Kindesmissbrauch, dazu zählt etwa der Beischlaf mit Unter-14-Jährigen, verjährt derzeit nach 20 Jahren. Die Verjährungsfrist beginnt erst mit dem 18. Lebensjahr. Damit soll es den unmündigen Opfern ermöglicht werden, später als Volljährige selbst Anzeige erstatten zu können. Der einfache sexuelle Kindesmissbrauch mit bis zu zehn Jahren Haft verjährt auch nach zehn Jahren. Sind die Opfer zwischen 14 und 18 Jahre alt und werden, wie bei den derzeitigen Fällen, etwa von einem Lehrer missbraucht, denen sie zur "Ausbildung anvertraut" sind, liegt sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen vor. Die mögliche Strafe dafür beträgt bis zu fünf Jahre und die Verjährungsfrist drei Jahre.

Ist es sinnvoll, die Verjährungsfrist für Missbrauch zu verlängern?

Beratungsstellen und Opferverbände unterstützen die Forderung, betonen jedoch zugleich, dass es nicht das größte Problem bei der Verfolgung von Missbrauch ist. "Es kann nicht sein, dass das Opfer sein Leben lang unter den Folgen des Missbrauchs leidet, der Täter aber nicht", sagt Helmut Rüster, Sprecher der Opferhilfe Weißer Ring mit Blick auf die Verjährungsfristen. Damit sei der Täter quasi besser gestellt als das Opfer, weil er nur eine Zeit lang Konsequenzen befürchten müsse. Auch der Hamburger Psychologe Oliver Bienia spricht sich für eine Abschaffung oder Verlängerung der Fristen aus.

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Bildungsministerin Schavan will die Verjährungsfristen verlängern.

(Foto: AP)

Bienia arbeitet für den Verein Dunkelziffer, der in der Hansestadt Hilfe für sexuell missbrauchte Kinder anbietet. "Wenn man als Gesellschaft Missbrauch ächten will, sollte die Strafverjährung ausgeweitet werden", sagt der Psychologe. Zumal Opfer meist Zeit bräuchten, um sich Tat wie Täter stellen zu können. Allerdings ist es fraglich, in wie weit Missbrauch noch nach 20 Jahren nachweisbar ist. Die einzigen Beweise sind meist die Aussagen der Opfer, mögliche DNA-Spuren sind dann längst verwischt. Bienia empfiehlt deshalb, die Aussagen von Opfern möglichst früh polizeilich festzuhalten, am besten per Video, damit die Kinder für eine Aussage auch nicht immer wieder in die traumatischen Erfahrungen eintauchen müssen.

Was wäre denn wichtiger, als die Verjährungsfristen zu verlängern?

Aus Missbrauch ein echtes Verbrechen zu machen. Weißer Ring wie auch die Beratungsstelle Dunkelziffer kritisieren, dass im Strafrecht der Missbrauch juristisch als Vergehen, nicht als Verbrechen eingestuft wird. Für Verbrechen gilt – mit Ausnahmen nach unten – die Mindeststrafe von einem Jahr. Für Vergehen gilt – mit Ausnahmen nach oben – eine Strafe unter einem Jahr Gefängnis. Ein Raub, etwa ein Handtaschendiebstahl, wird beispielsweise als Verbrechen geahndet, die meisten Formen des Missbrauchs als Vergehen. Das hat Folgen für die Höhe der Strafe und damit für die Verjährungsfristen. "Missbrauch sollte generell ein Verbrechen sein", sagt Rüster vom Weißen Ring.

Wieso tauchen ausgerechnet in Einrichtungen der Katholischen Kirche derzeit so viele Fälle auf?

Das hat nach Einschätzung des Hamburger Psychologen Bienia nur wenig mit der Katholischen Kirche oder dem Zölibat zu tun. Vielmehr spielten Hierarchien und Abhängigkeiten eine große Rolle. Sexuelle Gewalt kann Bienia zufolge in jeder Institution vorkommen. Bei der Kirche sei es nur besonders fatal, weil man dort eigentlich einen besondern Schutz vermute: "Überall, wo Kinder sind, sind auch Menschen, die nicht nur gute Absichten mit den Kindern haben", sagt Bienia. Allerdings spielen die Strukturen der Kirche eine gewisse Rolle. "Je geschlossener eine Institution ist desto günstiger ist sie für Täter", sagt der Psychologe. Eine Kirche also, die wenig an Aufklärung, Transparenz und Strafen interessiert ist, macht es Verbrechern leichter, sich zu verstecken.

Ein zweiter Punkt ist die Nähe zu potenziellen Opfern, die in solchen Einrichtungen möglich ist. "Wenn Menschen ein sexuelles Interesse an Kindern haben, suchen sie sich auch einen entsprechenden Beruf", erklärt Bienia. Deshalb sind Täter gerade auch in pädagogischen Institutionen zu finden.

Wie lassen sich potenzielle Missbrauchstäter erkennen?

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"Je geschlossener eine Institution ist desto günstiger ist sie für Täter": Jugendliche im Kloster Ettal.

(Foto: REUTERS)

Das ist äußerst schwierig, weil es kaum Kriterien gibt, solche Menschen herauszufiltern. Zu unterschiedlich sind die Merkmale jedes einzelnen Täters und seiner Vorgehensweise. Zudem ist Missbrauch ein sehr sensibles Thema, bei dem allein schon der Verdacht ausreicht, um einen Menschen dauerhaft in Verruf zu bringen. Trotzdem kann man in entsprechenden Berufen bei Kollegen genauer hinsehen. "Die meisten Täter stellen mit ihren Opfern eine enge Vertrauensbasis her und kompensieren das, was die Kinder bei ihren Eltern nicht bekommen", sagt Psychologe Bienia. So entwickelten sie Geheimnisse mit den Kindern und bauten darauf ein Abhängigkeitsverhältnis auf, versuchten ihre Opfer von den anderen Kindern zu isolieren. Die Täter haben Bienia zufolge eine hohe Motivation, um das, was in ihren Köpfen an Fantasien vorhanden ist, Realität werden zu lassen – investieren Mühe, Zeit und Geld. Viele Täter hätten zudem kinderpsychologische Kenntnisse, um ihre Opfer leichter zu gewinnen.

Bienia empfiehlt, bei einem Verdacht mit anderen Kollegen zu sprechen und sich auch an Beratungsstellen zu wenden. Bei Dunkelziffer melden sich Eltern oder Kollegen genau mit solchen Fragen. Sollte sich aus dem anfänglichen Verdacht das Profil eines möglichen Täters entwickeln, sollte auch die Leitung der Institution einbezogen werden.

Woran kann ich erkennen, ob ein Kind missbraucht wurde?

Es gibt keine eindeutigen Hinweise für einen Missbrauch. Plötzliche Verhaltensänderungen oder nicht erklärbare Auffälligkeiten können ein Hinweis sein, allerdings immer auch andere Ursachen haben. Altersunangemessenes sexuelles Verhalten ist nach Ansicht von Fachleuten aber ein ernstzunehmender Hinweis. Grundsätzlich sollte aber jeder Verdacht auf sexuellen Missbrauch ernst genommen werden, insbesondere, wenn Mädchen oder Jungen ihn selbst äußern. Die Aussage des Kindes ist oft das einzige Beweismittel.

Wie sollte man bei einem Verdacht auf Missbrauch reagieren?

Mit Bedacht und ohne die Kinder zu überfordern. Missbrauch kann verschiedenste Gefühle wie Ohnmacht, Ekel, Trauer, Wut, Angst und Hilflosigkeit auslösen. Die Opfer brauchen vor allem eine Vertrauensperson, an die sie sich wenden können. "Opfer wollen ernst genommen werden", erklärt Rüster vom Weißen Ring.

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Missbrauchstäter suchen die Nähe zu möglichen Opfern.

(Foto: REUTERS)

Eltern, Angehörige oder Vertrauenspersonen sollten das Gespräch mit Kindern suchen, wenn sich deren Verhalten auffällig ändert. Außerdem sollte Kontakt mit Experten bei einer Beratungsstelle aufgenommen werden. Die meisten Einrichtungen arbeiten vertraulich und bieten auch anonyme Beratungen an.

Warum fällt es Kindern so schwer, über Missbrauch zu sprechen?

Eine Mischung aus Schuldgefühlen und Unsicherheit kann die Ursache sein. Missbrauchsopfer fühlen sich oft allein gelassen, denken, dass sie die einzigen mit diesem Problem sind. Zudem können sie Angst haben, unglaubwürdig zu sein. Oder sie wissen nicht, wer ihnen helfen kann. Bei Missbrauch handelt es sich zudem um intimste persönliche Erfahrungen, die oftmals von einer Vertrauensperson begangen wurden und mit Drohungen verbunden sind. "Opfer spüren eine Mitverantwortung für den Missbrauch", sagt Rüster vom Weißen Ring. Das Gefühl, selbst zu der Tat beigetragen zu haben, lasse die Opfer über Jahre nicht mehr los: Meist versuchen die Täter, den Kindern einzureden, sie hätten es selbst gewollt. Besonders wichtig ist für Kinder zudem, welche Folge ihre Aussage hat. "Ein Opfer sagt nichts, wenn es das Gefühl hat, dass nichts passiert", erklärt Bienia, wenn dem Täter etwa als Konsequenz nur die Versetzung drohe. Zumal dann die Sorge um andere Kinder als mögliche Opfer eine Rolle spielt: "Opfer wollen meist die Schuld für andere tragen, sie schützen, weil sie das Gefühl haben, dass sie es besser aushalten können", sagt Bienia.

Spielt das Geschlecht der Opfer eine besondere Rolle?

Mädchen wie Jungen sind meist von Missbrauch betroffen, bevor ihre sexuelle Entwicklung abgeschlossen ist. Das seien dann oft Phasen, in denen auch die sexuelle Orientierung noch gar nicht klar ist, erklärt Psychologe Bienia. "Viele Jungs befürchten, nach einem Missbrauch durch einen Mann als homosexuell zu gelten." Das sei noch immer ein Stigma unter Jugendlichen – trotz aller gesellschaftlichen Fortschritte. "Sie fragen sich: Muss ich schwul sein, weil mich ein Mann sexuell erregt hat?", so Bienia. Da bei Jungen eine Erektion auch durch eine rein mechanische Stimulierung hervorgerufen werden könne, sei sie selbst bei Missbrauch möglich und verstöre die Opfer.

Wie viele Kinder werden Opfer sexueller Gewalt?

Die Kriminalstatistik geht von etwa 15.000 Kindern unter 14 Jahren aus, die von sexueller Gewalt betroffen sind. Nach Schätzungen von Beratungsstellen muss aber mit einer zehn- bis fünfzehn Mal höheren Dunkelziffer gerechnet werden. In den meisten Fällen stammen die Täter aus dem direkten Umfeld der Opfer, nur in etwa 25 Prozent der Fälle handelt es sich um fremde Täter. Betroffen von Missbrauch sind alle sozialen Schichten.

Mit welchen Folgen haben die Opfer sexuellen Missbrauchs zu kämpfen?

"Der Missbrauch ist eine traumatische Erfahrung, die an den Grundfesten der Persönlichkeit rüttelt", sagt Psychologe Bienia. Wenn es sich wie bei den derzeit diskutierten Fällen um lang andauernden Missbrauch handelt, der ritualisiert in der Familie, Schule oder anderen Institutionen praktiziert wird, erlitten die Kinder die schwersten Schäden durch die Enttäuschung und den Vertrauensmissbrauch. "Es wird bei ihnen verwischt, was richtig und was falsch ist", erklärt Bienia. Der Vertrauensverlust könne eine dauerhafte Beziehungsunfähigkeit zur Folge haben.

Vor allem, wenn die Tat nicht aufgearbeitet wird, kann aus dem Missbrauch "ein Geheimnis werden, das immer größer wird", erklärt Bienia. Die Folgen: "Beziehungen scheitern, die Sexualität kann versiegen und es können psychosomatische Krankheiten auftreten". Wenn die Opfer nicht gehört werden oder sich jemandem anvertrauen, droht zudem die soziale Isolation: Denn die Kinder haben mit einer Erfahrung zu kämpfen, die sonst keiner in ihrem Umfeld kennt, die sie mit niemandem teilen können. "Das führt zu einer Veränderung des Verhaltens und möglicherweise zu einem Ausschluss aus der Gruppe", sagt Bienia.

Zudem leide das Opfer doppelt, erklärt Rüster vom Weißen Ring. Zum einen direkt unter den Tatfolgen, zum anderen indirekt unter dem, was mit dem Täter passiert – oder eben gerade nicht. Bleibt eine Strafe aus, könne das Trauma des Opfers noch verstärkt werden.

Werden Missbrauchsopfer später selbst zu Tätern?

"Es gibt keine wissenschaftliche Studie, die das belegt", sagt Psychologe Bienia. Zwar hätten die allermeisten Täter selbst gewalttätige oder traumatische Erfahrungen erlebt. "Aber nicht alle Opfer werden Täter." Die meisten Täter seien zudem früh auffällig gewesen, etwa durch extreme Gewalt im Kindesalter. Wenn solche Anzeichen nicht frühzeitig beachtet würden, lernten die Täter, ihr Verhalten zu tarnen und sich anzupassen, tauchten damit unter.

Quelle: n-tv.de

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