Panorama

Das ethische Experiment des Raphael Fellmer Wie man ohne Geld leben kann

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Raphael Fellmer arbeitet, aber nicht für Lohn.

(Foto: raphaelfellmer.de/Patrick Lipke)

Wie wäre es, wenn das Leben nichts kosten würde? Keine Miete oder Rate, keine Rechnung vom Telefonanbieter, im Supermarkt oder im Klamottenladen. Was nach einer Utopie klingt, ist durchaus möglich.

Wenn Raphael Fellmer das Haus verlässt, hat er alles Mögliche dabei, aber nie ein Portemonnaie. Der Mann ist nicht etwa besonders vergesslich, er befindet sich vielmehr im Geldstreik. Das ist seit vier Jahren seine Antwort auf die finanziellen "Scheinsicherheiten unserer Gesellschaft", wie Fellmer sie nennt. Damit meint er nicht nur Bargeld, sondern auch Kreditkarten und überhaupt Eigentum.

Wie ein geldfreies Leben konkret aussieht, kann man sich bei Fellmer und seiner Familie ansehen. Denn der 30-Jährige erwartet gerade gemeinsam mit seiner Frau das zweite Kind. Seit Kurzem lebt die Familie mit im Haus einer ihnen bis dahin unbekannten Berliner Arztfamilie und zahlt dort weder Miete, noch Strom-, Wasser- oder Telefonkosten. Zuvor hatte er bereits mietfrei bei Bekannten in Kleinmachnow und im Martin-Niemöller-Friedenszentrum in Berlin-Dahlem gewohnt. Als dort saniert werden musste, meldete sich die Arztfamilie, die selbst drei Kinder hat. Die Krankenversicherung wird vom Kindergeld bezahlt. Lebensmittel hat Fellmer lange "containert", also nachts aus den Mülltonnen der Supermärkte geholt. Schon damals bezeichnete er diese Form der Nahrungsbeschaffung als "Lebensmittelrettung", erzählt er im Gespräch mit n-tv.de. Die meisten der Kleidungsstücke und Möbel sind gefunden oder von irgendjemandem, der sie selbst nicht mehr brauchte, geschenkt. Der Rest stammt aus Umsonstläden oder aus der Rubrik "zu verschenken" bei Kleinanzeigenportalen.

Auf so manch praktisches Problem, bei dem man vielleicht Geld brauchen könnte, ist Fellmer einfach vorbereitet. Da gehe es ihm nicht anders als anderen Menschen, die sich daran gewöhnt hätten, mit wenig Geld auszukommen. "Wenn man Hunger bekommt, kann man ein Brot in der Tasche haben, anstatt zum nächsten Bäcker zu rennen und sich etwas zu kaufen. Wasser gibt es kostenlos überall aus der Leitung." Reisen könne man auch als Tramper oder Couchsurfer.

Erkenntnis einer langen Reise

Auslöser von Fellmers Weg war eine Reise, die ihn geplant innerhalb von drei Monaten nach Mexiko führen sollte. Auch wenn Fellmer für die Reise ein ganzes Jahr brauchte, machte er in diesen Monaten doch die Erfahrung, "dass ohne Geld viel mehr möglich ist, als viele denken". Warum die meisten Menschen sich trotzdem damit schwer tun, dafür hat Fellmer eine einfache Erklärung: "Es geht mit 1000 Euro, es geht aber auch mit 2000 Euro, auf der Überfluss-Konsum-Leiter steigen wir schnell nach oben. Das Herabsteigen fällt uns allen viel schwerer. Die größere Wohnung, das eigene Auto, der eigene Drucker, mein eigenes Werkzeug, in all diesen Dingen drückt sich auch unsere Ich-bezogene Gesellschaft aus."

Mit seinem Lebensstil will Fellmer deshalb gar nicht so sehr anregen, ebenfalls in den Geldstreik zu treten. Ihm gehe es eher darum, ein "Fragezeichen oder ein Ausrufungszeichen gegen die Überfluss- und Verschwendergesellschaft zu setzen, in der wir leben". Entscheidend seien für ihn nicht so sehr die 2 Euro, die ein Blumenkohl vielleicht koste, sondern die Tatsache, "dass ein Blumenkohl, der noch essbar ist, weggeworfen wird".

Er versuche, auch weggeworfenes Essen noch zu wertschätzen und damit gleichzeitig die Aufmerksamkeit für das Problem und den ideellen Wert der Nahrung zu erhöhen. Inzwischen hat er mit Lebensmittelretten.de und foodsharing.de Plattformen mitinitiiert, um Lebensmittel, die auch die Tafeln nicht mehr verteilen würden, von Supermärkten abzuholen, damit sie doch noch gegessen werden. Auch das Teilen von zu viel oder falsch Eingekauftem ist damit möglich. 

Bewusst nehmen und geben

Die gleiche Überlegung könne man aber auch auf Wohnraum oder Kleidung anwenden. "Indem ich Dinge vor der Vernichtung rette oder vor dem Leerstand oder vor dem Rumstehen, bedeutet das, dass die Ressourcen besser genutzt werden. Wir wollen zeigen, dass mehr Ressourcen da sind und mehr Menschen, die bereit sind zu teilen."

Immer wieder wird Fellmer gefragt, ob er denn mit seinem Lebensstil nicht auf Kosten anderer und damit irgendwie als Schmarotzer lebe. Doch die Frage, die viele vielleicht peinlich berühren würde, bringt Fellmer nicht mehr in Verlegenheit. "Unsere Gesellschaft ist sowieso parasitär, wir bedienen uns an Tieren, Pflanzen und Ressourcen." Er versuche jedoch, sich diese "Nehmerhaltung" bewusst zu machen und sie gleichzeitig so gering wie möglich zu halten. Bei seiner Art zu leben falle die Abhängigkeit voneinander einfach nur besonders auf. 

In der "Geldgesellschaft", wie Fellmer sie nennt, hätten viele Menschen gefühlt ein Recht darauf, alles zu bekommen. Sie haben schließlich dafür gearbeitet. Der Konsum stehe jedoch in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Hunger in der Welt und dem Klimawandel. "Da kann ich eine klare Verbindung herstellen, indem ich nicht mit dem Zeigefinger auf die anderen zeige, sondern bei mir selbst anfange."

Auch naiv findet der Familienvater, Webseiteninitiator und inzwischen auch Buchautor, seine Weltsicht keineswegs. "Ich glaube, es wäre naiv zu glauben, dass das jetzige monetäre System auf Dauer überlebensfähig ist." Denn auf einem endlichen Planeten sei unendliches Wachstum "einfach nicht möglich". Wenn jeder das begüterte Leben der westlichen Länder führen wolle, werde das irgendwann schiefgehen.

Sein Buch "Glücklich ohne Geld!" kann man deshalb nicht nur kaufen, sondern auch umsonst downloaden. Geschrieben hat er es ehrenamtlich. Auch damit sieht er sich als Teil einer größeren Bewegung - es gebe ja schon heute Millionen Menschen, die Dinge machen, die nicht in Geld bemessen werden. Er nennt die vielen Ehrenamtlichen, aber auch Mütter und Väter, die Kinder erziehen. "Es wäre doch schön, wenn wir nicht alles aus finanziellem Interesse machen würden, sondern weil wir uns sinnvoll in der Gesellschaft einbringen wollen."

Quelle: ntv.de