Politik

Wenn Polinnen in Deutschland welken ... Die wahre Exotik liegt in Warschau

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Polen ist mehr als der Papst und seine Reliquien.

(Foto: AP)

Vor genau 20 Jahren unterzeichneten Berlin und Warschau den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag. Was es tatsächlich mit den Beziehungen beider Länder auf sich hat, erklärt Steffen Möller im Gespräch mit n-tv.de. Möller kommt aus Wuppertal, ist Kabarettist - und in Polen ein Star. Dort erklärt er, dass es nicht böse gemeint ist, wenn ein Deutscher seiner polnischen Kollegin nach drei Jahren bestenfalls "Hauptsache gesund!" zuruft. Im Gespräch mit n-tv.de erzählt er, was an Polen liebenswert ist.

n-tv.de: Her Möller, Sie leben seit vielen Jahren in Polen. Da mussten Sie sicher schon jede Menge Polenwitze über sich ergehen lassen. Wann haben Sie Ihren letzten Polenwitz erzählt?

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Die Klischees von Polen sind langlebig.

(Foto: REUTERS)

Steffen Möller: Ich zitiere Polenwitze aus archivarischen Gründen, um zu zeigen, wie vergangen und wie veraltet sie sind. Als ich im Jahr 1993 zum ersten Mal nach Polen gefahren bin, sah die Welt ganz anders aus. Damals hat man mich noch gefragt: "Was willst Du denn in Asien?" Heute fragt das niemand mehr in Wuppertal, denn da ist die Arbeitslosigkeit inzwischen höher als in Warschau.

Dennoch scheinen sich die Klischees lange zu halten.

Sicherlich, Klischees überleben die Realität manchmal mehr als 20 Jahre. Das sehe ich überall. Aber da kann ich nur sagen: Dann müsst Ihr mal nach Warschau kommen! Ich kenne niemanden, der von Polen nach Hause gefahren ist und noch weiter die alten Witze erzählt hat.

Was hat sich denn am meisten in den letzten Jahren in Polen verändert?

Alles. Es fängt an bei dem Stadtbild von Warschau. Wenn ich aus dem Fenster gucke, sehe ich am Horizont drei Wolkenkratzer, durch die Stadt rollen niegelnagelneue Busse, die Straßen sind pikobello frisch asphaltiert. Es gibt ein neues Schulsystem, eine stabile Regierung, der Zloty ist eine der stabilsten Währungen Europas. Polen hatte 2009 als einziges EU-Land ein positives Wirtschaftswachstum. Vergleichen Sie einfach mal die Kunden eines Ikea in Warschau mit denen von Ikea in Berlin am Südkreuz, dann haben Sie das Gefühl, Sie sind in Deutschland in einem Entwicklungsland.

Polnischer Abzählreim (sinnfrei)

Trumf trumf misia bela
Misia kasia komfacela
Misia A misia B
Misia kasia komface

Doch leben Sie wohl kaum wegen der beeindruckenden Ikea-Läden in Polen?

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Der Neubau des UEFA-Fußball-Stadions in Warschau.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nein, es ging mir um die Exotik - aber um eine schaumgebremste Version. Also nicht direkt Kambodscha, dafür bin ich nicht mutig genug, sondern Polen, gleich um die Ecke, sogar mit Ikea, aber trotzdem fremd. Für uns Deutsche ist Polen sicherlich das exotischste unserer Nachbarländer. Es ist eben doch eine ganz andere Welt, eine andere Kultur, eine andere Sprache, wo man am Anfang ziemliche Probleme hat. Trotzdem überwiegt bei den Deutschen immer das Erstaunen: Guck mal, ist doch fast wie bei uns, Parfümerie Douglas, H&M - aber diese Milchbar da, was ist das denn?

 Was gefällt Ihnen denn so an dieser Exotik?

Polen ist kein atemberaubendes Land wie Italien oder die Schweiz, wohin man fährt und sofort umfällt. Polen ist zu zwei Dritteln flach, die Landschaft ist ziemlich eintönig. Tatra-Gebirge oder Kaschubien sind wunderschön - trotzdem glaube ich, das Reizvollste in Polen ist unsichtbar: die Mentalität und die Sprache. Die Sprache ist für mich ein geheimnisvolles logisches Schachspiel, das ich jeden Tag so spiele, als wenn ich gegen mich selber Schach spiele. Mit sieben Fällen, elf Verbgruppen, vielen Ausnahmen. Und von der Mentalität bekomme ich nicht genug, da bin ich süchtig nach. Es gibt immer neue Rätsel, die ich lösen muss.

Und doch führen die unterschiedlichen Mentalitäten auch immer wieder zu Schwierigkeiten zwischen Deutschen und Polen.

Das stimmt. Ich kann Ihnen ein Beispiel für einen deutsch-polnischen Mentalitätskonflikt geben: Polen kommen nach Deutschland und wundern sich, dass sie kein Deutscher nach Hause einlädt. Eine polnische Ärztin, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt und hier eine Praxis aufgebaut hat, hat mir einmal erzählt, dass sie einem deutschen Kollegen einen Kredit organisiert hat. Und was ist geschehen? Der Mann hat den Kredit genommen, hat sich herzlich bedankt, hat sie aber in den acht Jahren seither nicht ein einziges Mal nach Hause eingeladen. Darüber könnte sie noch immer weinen. Von dieser Art von interkulturellen Konflikten gibt es viele.

Wie erklären Sie denn den Polen die deutsche Seele?

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Laster stauen sich vor dem deutsch-polnischen Grenzübergang bei Görlitz.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Na, indem ich halt immer klarzumachen versuche, dass keine böse Absicht dahinter steckt. Der Deutsche lädt nicht nach Hause ein, weil wir strikt zwischen Arbeit und Privat trennen. Genauso ist es nicht böse gemeint, wenn ein deutscher Mann keine Komplimente macht, sondern drei Jahre neben seiner polnischen Kollegin herarbeitet und höchstens einmal zu ihr sagt: "Hauptsache gesund!" Eine Polin wartet eben auf Komplimente, und wenn sie die nicht bekommt, dann welkt sie. Und wenn Polinnen durch deutsche Einkaufszentren gehen und nicht ein einziges Mal angeguckt werden, dann fühlen sie sich durchsichtig und glauben jedesmal, es stecke böser Wille dahinter. Da kann ich nur sagen: Es tut mir leid, wir sind so erzogen worden, Blicke oder Komplimente sind bei uns eine sexuelle Belästigung. Dabei würde es schon reichen, wenn man ihr drei Mal täglich sagt: "Super Schuhe!" Naja, zum Glück gibt es ja auch Nachteile in Polen, so ist das schließlich nicht.

Zum Beispiel?

Es gibt in Polen keine vernünftige Kritikkultur. Wenn Sie die Zeitungen aufschlagen, werden Sie feststellen, dass in diesem Land zwar kritisiert wird, aber leider oft unter der Gürtellinie. Es ist Wahnsinn, wie hier Konflikte ausgetragen werden, auch innerhalb der Parteien. Alle Zeitungen, selbst seriöse Zeitungen, sind voll von Beleidigungen. Jeden Tag gibt es Richtigstellungen, die durch die Gerichte erzwungen wurden. Da haben wir doch eine wesentlich harmonischere Kultur in Deutschland.

Was aber in Polen so wohl kaum anerkannt wird …

Die Polen haben sicher ein positiveres Bild von Deutschland als früher, wenn auch kein emotionales. Lieben tun sie uns nicht. Und wenn ein polnischer Schüler die Wahl zwischen Spanisch, Italienisch und Deutsch hat, dann wird er Deutsch als dritte Sprache wählen. Zum Glück gibt es aber diese Wahl meist noch nicht, und deswegen ist Polen noch immer das Land mit den meisten Deutschlernern innerhalb der EU. Etwa 80.000 Schüler haben dieses Jahr Deutsch als Abitur-Fach gehabt.

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Bundeskanzler Helmut Kohl und Polens Ministerpräsident Jan Krzysztof Bielecki bei der Unterzeichung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags am 17. Juni 1991. Der Vertrag schrieb unter anderem die Unantastbarkeit der Grenzen fest.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Ist das Bild der Deutschen denn noch immer vom Krieg geprägt?

Am Horizont ja. Aber im Vordergrund steht, dass man Deutschland nur als Wirtschaftsmacht wahrnimmt und nicht über Kultur oder gar über Einzelpersonen. Wir haben es in den letzten 20 Jahren nicht geschafft, emotionale Bindungen zu erzeugen. Wir haben nicht massenwirksam positive Klischees setzen können. Vielleicht gibt es ein paar Ausnahmen wie die WM und Tokio Hotel. Auch Rammstein ist sehr beliebt, aber die empfindet man eben doch als Satire-Nazis.

Denken Sie, dass die Deutschen irgendwann in Polen geliebt werden?

Nein, das glaube ich nicht. Je mehr ich in Europa herumkomme, desto mehr habe ich den Eindruck: Niemand liebt uns. Man respektiert uns höchstens. Das hat aber nicht unbedingt mit der Geschichte zu tun, sondern geht großen Ländern immer so mit den kleineren Nachbarn. Fragen Sie mal einen Kolumbianer, was er von Brasilien hält.

Aber Sie haben es doch in Polen zu einigem Ruhm gebracht, obwohl Sie Deutscher sind. Wie haben Sie das geschafft?

In erster Linie dadurch, dass ich Polnisch gelernt habe. In zweiter Linie, weil ich ein wirklicher Polenfan bin. Das mögen die Leute natürlich. Und vielleicht in dritter Linie dadurch, dass ich vermutlich schon pränatal ein kleiner Pole war, charaktermäßig. Diese Wahlverwandtschaft bemerken die Leute. Ich kann zum Beispiel auch nicht so gut planen, ich improvisiere lieber und ich habe auch immer bei der Zusammenarbeit mit deutschen Redaktionen Probleme, weil ich nicht schon vier Wochen vorher meine Texte bis aufs Komma ausgefeilt habe. Das ist mit Sicherheit ein Problem im deutsch-polnischen Dialog, dass die Polen nicht länger planen können als zwei Wochen und die Deutschen mindestens zwei Monate vorher planen müssen. Das hat schon auf beiden Seiten viel Wut und Aggression hervorgerufen.

Dennoch versuchen Sie seit Jahren unverdrossen, Polen und Deutsche einander näher zu bringen. Was stimmt Sie da optimistisch?

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Steffen Möller lebt als Kabarettist in Polen und erklärt in Filmen und Büchern die polnische Seele.

(Foto: Martin Pudenz)

Zum Glück gibt es die ganzen zwischenmenschlichen Beziehungen, die zwischen Deutschland und Polen sehr stark sind. Viel stärker, als in den Medien erwähnt. Polen und Polinnen sind die beliebtesten Ehepartner der Deutschen. Schon seit Jahren hält sich das. Es wachsen Hunderttausende deutsch-polnische Kinder heran und es werden immer mehr. Es gibt jetzt auch in Berlin schon zwei polnisch-deutsche Kindergärten.

Dennoch kommen nur die wenigsten Berliner auf die Idee, nach Polen zu fahren …

Ich glaube, 50 Prozent der Deutschen waren noch kein einziges Mal in Polen. Dabei sind es nur 550 km mit dem Zug von Berlin nach Warschau, weniger als von Berlin nach Köln. Die meisten Menschen sind aber wohl so strukturiert, das sie immer dahin wollen, wo Image, Prestige und Reichtum herrschen. Sie schauen dahin, wo Geld und Macht sitzen, zum Beispiel nach Paris oder Amerika. Keine Frage: Polen ist viel ärmer als Deutschland. Man verdient in Polen etwa viermal weniger als bei uns. Leider sind die Preise in den Geschäften trotzdem fast genauso hoch, teilweise höher. Ich versuche meinen Bekannten halt klarzumachen: Vielleicht ist es ja gerade da aufregender, vielleicht sind die Menschen gerade da interessanter, wo sie weniger Geld haben.

Mit Steffen Möller sprach Gudula Hörr

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Quelle: n-tv.de

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