Politik

Karl Lauterbach im Interview "Öffnungsschritte werden größtenteils nie kommen"

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Karl Lauterbach glaubt, zu den vorgesehenen Öffnungsschritten werde es nie kommen.

(Foto: imago images/Future Image)

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ist wegen der Bund-Länder-Beschlüsse besorgt: Lockerungen, bevor Schnelltests verfügbar sind, würden zu einem "schnellen Anstieg der Fallzahlen" führen. Bis zu 14.000 Leben retten könnte das Ausreizen der Impfintervalle, sagt er im ntv-Interview.

ntv: Bund und Länder haben sich auf Lockerungen geeinigt. Steuern wir so direkt wieder auf den nächsten Lockdown zu?

Karl Lauterbach: Ich glaube, dass die dritte Welle so nicht abzuwenden ist, in die wir ja schon hineingeraten sind. Aber die Signale sind ja ganz klar vom Beschluss gestern: Es soll Lockerungen geben, und die dagegen wirkenden Antigentests kommen erst sehr viel später. Die Öffnungsschritte, die in dem Papier drin sind, werden zum größten Teil nie umgesetzt, weil die Voraussetzungen dafür - entweder stabile oder gar sinkende Fallzahlen - nie erreicht werden.

Sind weitere Lockerungen zu Ostern drin?

Darüber zu spekulieren, macht keinen Sinn. Aber ich glaube nicht, dass wir in den nächsten vier Wochen sinkende Fallzahlen oder gar nur stabile Fallzahlen sehen werden. Wir müssen darauf hoffen, dass endlich diese Antigenschnelltests in ausreichender Stückzahl zur Verfügung stehen. So könnten wir Schulen und Betriebe sicherer machen und auch den R-Wert senken. Das würde die dritte Welle richtig abbremsen.

Die Schnelltests sind aber zum Start der Öffnungen noch gar nicht da. Ist das nicht eigentlich die falsche Reihenfolge?

Ja, denn wir öffnen jetzt und werden einen schnellen Anstieg der Fallzahlen sehen. Leider. Und danach müssen wir schauen, dass wir das durch die Antigentests wieder gebremst bekommen. Aber das wird dann natürlich schwierig sein. Und es gibt auch noch das Problem, dass die Antigentests möglicherweise nicht schnell genug organisiert werden können, weil sie ins Ausland oder in den freien Markt verkauft werden. Sicher ist die Strategie somit noch nicht.

Ab Samstag wollen die Discounter Selbsttests verkaufen. Wie lässt sich sicherstellen, dass sich die Menschen bei positiven Ergebnissen richtig verhalten?

Das kann man nicht sicherstellen, in der Tat! Das ist eine Gefahr. Hier kann man nur an die Vernunft der Leute appellieren. Wir müssen Testungen durchführen, die dokumentiert werden. Die im Falle einer positiven Testung dazu führen, dass das Gesundheitsamt informiert wird.

Auch beim Impfen soll jetzt Tempo gemacht werden. So sollen jetzt die Zweitdosen nicht mehr aufgehoben werden, und auch der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung soll verlängert werden. Was bringt das aus Ihrer Sicht?

Das bringt tatsächlich viel. Wenn wir die Impfintervalle strecken, dann ergeben Berechnungen von Dirk Brockmann, Ben Meier, Michael Hermann und mir, dass man damit in dieser dritten Welle, die jetzt anläuft, zwischen 8000 und 14.000 Todesfälle verhindern kann. Die Menschen unterschätzen, wie viele Menschen in der Gefahr leben, in der dritten Welle schwer zu erkranken. Es sterben derzeit pro Tag etwa 400 Leute. Wenn die dritte Welle erstmal ins Rollen kommt, dann haben wir noch ganz andere Sterbezahlen.

Die Hausärzte sollen nun in die Impfpläne einbezogen werden. Sollte man in dem Zusammenhang auch die Impf-Priorisierung etwas lockern?

Nein, die sollte auf gar keinen Fall angefasst werden. Wir müssen die Menschen zuerst impfen, die das höchste Risiko haben, sonst haben wir sehr viele Todesfälle. Was gar nicht geht, ist, dass die Hausärzte selbst überlegen, wen sie gerne impfen würden. Das darf nicht sein, es muss streng nach der Impf-Priorisierung vorgehen, insbesondere nach den Altersgrenzen.

US-Präsident Biden sagt, bis Ende Mai stehe genügend Impfstoff für alle erwachsenen Amerikaner zur Verfügung. Wann sind wir mit den Impfungen durch?

Dafür müsste man viel mehr Impfstoff haben. Die EU hat so eingekauft, dass wir erst Mitte bis Ende September die gesamte impfwillige Bevölkerung mit einem Impfstoff versorgen können. In Amerika geht das deutlich schneller.

Quelle: ntv.de, jog

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