Politik

Ernste Lage in Saporischschja "Wenn alles versagt, haben wir einen Fukushima-Fall"

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Die Lage im Atomkraftwerk in Saporischschja ist wegen der russischen Besatzung bedrohlich und unübersichtlich.

(Foto: dpa)

Wie eine tickende Zeitbombe wirkt das von russischen Truppen besetzte Atomkraftwerk Saporischschja, die Anlage steht seit Wochen unter Beschuss. Ein Expertenteam reist nun in das gefährliche Gebiet, um Schäden zu inspizieren und einen Eindruck von der Lage zu gewinnen. Was von der IAEA-Mission zu erwarten ist und wie nah Europa einer weiteren nuklearen Katastrophe ist, erklärt Expertin Anna Veronika Wendland im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Das von russischen Truppen besetzte ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja ist das größte in Europa. Seit Wochen steht es unter Beschuss, die Lage wirkt bedrohlich. Vergangene Woche hatten sich zwei Reaktoren notabgeschaltet, weil die Stromversorgung zeitweise ausfiel. Wie groß ist die Gefahr für einen nuklearen Unfall durch die Kämpfe?

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Dr. Anna Veronika Wendland ist Osteuropa- und Technikhistorikerin in Marburg. Sie hat längere Zeit mit einem Forschungsprojekt im Kernkraftwerk Rivne, einer ukrainischen Schwesteranlage des KKW Saporischschja, gearbeitet.

Anna Veronika Wendland: Da muss man differenzieren. Es war eine Reaktorschnellabschaltung, das ist richtig. Das passiert beispielsweise, wenn Grenzwerte des Reaktorschutzsystems überschritten werden. Jedoch wurde die Anlage laut der Betreiberin des Atomkraftwerks nicht komplett von der externen Stromversorgung getrennt. Sie wurde noch weiterhin von einer Leitung versorgt, was bedeutet, dass sie noch nicht vom Notstrom versorgt wurde. Das passiert erst, wenn alle Netzverbindungen gekappt sind. Dann müssen die Notstromaggregate die Versorgung übernehmen.

Was kann passieren, wenn die Stromnetzverbindung komplett abbricht?

Dann kommt es zu einem Notstromfall. Wenn die Anlage aus Volllast in diesen Notstromfall rauscht, sieht das schon sehr dramatisch aus, weil mit verschärftem Tempo Druck und Temperatur im Reaktorsystem reduziert werden müssen. Da wird dann auch Frischdampf über dem Dach abgeblasen. Danach ist der Druck dann so weit runter, dass die Nachkühlpumpen übernehmen können, die wesentlich weniger Strom ziehen als die großen Hauptkühlmittel- und Speisewasserpumpen, die man bei einem regulären Abfahren erstmal weiterlaufen ließe. Im Notstromfall wird der Strombedarf für die Nachkühlkette durch Notstromaggregate produziert. Jeder der sechs Blöcke in Saporischschja hat dafür drei Dieselgeneratoren zur Verfügung. Es reicht allerdings schon einer, um die Nachkühlung des Blocks zu organisieren.

Das klingt, als müsste sehr viel passieren, bevor es zu einer nuklearen Katastrophe kommt. Oder entsteht da ein falscher Eindruck?

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Die sechs Reaktorblöcke sind auf Satellitenaufnahmen gut zu sehen.

(Foto: Satellite image ©2022 Maxar Technologies.)

Diese Bewertung ist immer eine Gratwanderung. Zunächst muss man die Dinge so benennen, wie sie sind. Saporischschja stand technisch nie kurz vor dem Super-GAU, wie einige behaupten. Gleichzeitig darf man die Situation auch nicht verharmlosen. Der ganze Zustand der Anlage, die Besetzung durch russische Soldaten, die auf dem Betriebsgelände Kriegsgerät lagern, die von dort aus auf die Ukrainer schießen und nach Angaben einer Menschenrechtsorganisation sogar Mitarbeiter des AKWs foltern und Terror verbreiten, ist völlig unhaltbar. Allein, dass das Personal unter einem solchen Druck arbeiten muss, bedeutet, dass es zu Fehlern kommen könnte. Wichtig ist aber dennoch festzuhalten, dass zwischen einem Stromausfall und einer Kernschmelze noch sehr viele Barrieren liegen.

Wie gut sind die Reaktoren vor einer Kernschmelze geschützt?

Grundsätzlich gibt es in Saporischschja mehrsträngige Sicherheitsvorkehrungen. Es ist recht robust angelegt, auch was die Notstromversorgung angeht. Doch auch wenn für den Kraftwerksbetrieb wichtige Nebenanlagen beschossen werden, wie es zum Beispiel der Fall war, als eine der beiden Stickstoff-Sauerstoff-Stationen durch Beschuss beschädigt wurde, ist das immer eine Beeinträchtigung. Das sind alles Systeme, die gebraucht werden, um den regulären Reaktorbetrieb oder das geordnete Abfahren der Anlage in den Nachkühlbetrieb sicherzustellen. Bei zwei oder drei Zufallstreffern passiert noch nicht so viel. Gefährlich wird es, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen oder die Reaktoren gezielt unter Dauerbeschuss stehen. Das halten sie nicht lange aus.

Wäre es dann nicht sicherer, wenn man die Anlage abschaltet, um sie vor Angriffen zu schützen?

Das hat die Betreiberfirma Energoatom teilweise auch gemacht. Von insgesamt sechs Blöcken wurden zumindest Block eins und zwei in den langfristigen Stillstand versetzt. Von den anderen vier Blöcken sehen wir zwei laufen - vermutlich, damit das Stromnetz nicht zusammenbricht. Würde das passieren, hat auch das Kernkraftwerk ein Notstromproblem. Ich vermute, dass sie die Anlagen laufen lassen, um die Stabilität der Stromversorgung aufrechtzuerhalten. Gäbe es diese Abhängigkeit nicht, wäre es sicherer, wenn man die Anlagen abschaltet.

Warum?

Mit einer vorsorglichen Reaktorabschaltung gewinnt man wertvolle Zeit, denn je mehr Zeit nach Abschaltung vergeht, desto geringer wird die Nachzerfallswärme, die aus dem Reaktorkern abgeführt werden muss. Sie ist direkt nach der Abschaltung sehr hoch und sinkt dann rasch. Man verschafft sich so eine Verlängerung der Zeit, bis es zu einer Kernschmelze käme, wenn alle Nachkühlsysteme ausfielen.

Was wäre das Schlimmste, was in Saporischschja passieren könnte?

Das schlimmste Szenario, das realistisch erscheint, ist die Abschneidung von der Stromversorgung. Wenn dann auch noch alle drei Notstromdiesel eines Blocks versagen würden und die Aggregate der Nachbarblöcke nicht aushelfen könnten, oder wenn den Notstromdieseln der Treibstoff ausginge, hätten wir am Ende dieser Ereigniskette ein Szenario wie in Fukushima. In Fukushima fiel die Notstromversorgung aus, weil Dieselgeneratoren und Schaltanlagen von einem Tsunami überflutet wurden. Es kam zu einem totalen Stromausfall, und die Anlagen konnten nicht mehr gekühlt werden. Wenn also am Ende alles versagt, haben wir einen Fukushima-Fall.

Was würde das für Europa bedeuten?

Deutschland und Westeuropa hätten nichts Ernstes zu befürchten. Das Maximum, was uns drohen würde, konnten wir sehr gut nach Tschernobyl beobachten. Kommt es zu einem Fukushima-Fall, hängt viel von den Wetterverhältnissen ab. Da ist die Frage, wie schnell und wohin werden die radioaktiven Stoffe verteilt. Katastrophal ist das immer nur für die Menschen in unmittelbarer Umgebung der Anlagen. Wir wissen von Fukushima, dass im Umkreis von 20 bis 40 Kilometern evakuiert werden musste.

Was wäre eine schlechte oder eine gute Wetterlage?

Schlechte Wetterbedingungen sind immer, wenn es während der Freisetzung regnet. Dann werden die Radionuklide aus der Luft ausgewaschen und gehen in unmittelbarer Nähe der Anlage konzentriert nieder. Dann haben die Menschen im direkten Umkreis ein echtes Problem, weil es dann zu hohen Kontaminationen, insbesondere durch radioaktive Isotope von Cäsium, Strontium und Jod kommt. Das lässt sich gut im Fall von Tschernobyl sehen: Die Karten der Bodenbelastung mit Cäsium-137 zeigen, dass die Kontamination häufig fleckenartig verteilt ist, was mit den Niederschlägen in der Zeit nach dem Unglück zu tun hatte. Auch die Windrichtung hat einen starken Einfluss darauf, in welche Richtung sich die Strahlung verteilt. Es macht also einen Unterschied, ob es windiges, sonniges Wetter ist oder ob es Dauerregen gibt. Letzteres ist zu dieser Jahreszeit in Saporischschja jedoch selten.

Ein Expertenteam der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) ist gerade auf dem Weg nach Saporischschja. Was bedeutet dieser Besuch und was werden die Experten dort tun?

Der Besuch ist ein sehr positives Zeichen. Allein die Tatsache, dass internationale Akteure vor Ort sind, ist schon ein Schutz für die Anlage. Dann kommt es darauf an, ob die Experten in der Lage sind, alle sechs Blöcke zu inspizieren, und ob sie Zugang zu den relevanten Anlagen bekommen. Normalerweise wird das mit der Betreiberfirma abgesprochen, jetzt haben die russischen Besatzer das letzte Wort. Das könnte nicht nur die Bewegungsfreiheit, sondern auch die Sprechfreiheit der Inspekteure stark einschränken.

Wie laufen solche Inspektionen normalerweise ab?

Das kommt immer auf das Ziel der Inspektion an. In diesem Fall ist die Mission, festzustellen, in welchem Zustand die Anlage derzeit ist und welche Schäden angerichtet wurden. Die Experten müssen, um ihre Mission erfüllen zu können, sich frei in der Anlage bewegen können und zu Orten gehen, an denen es zum Beispiel Einschläge von Granaten gegeben hat. Die Schäden müssen dann protokolliert, fotografiert und bewertet werden. Wichtig ist, herauszufinden, ob die beschädigten Systeme noch funktionsfähig sind. Das wäre der normale Verlauf. Sehr wichtig wären auch Gespräche mit der Belegschaft im geschützten Raum, damit die Mitglieder der Betriebsschichten frei sprechen können. Ich befürchte, dass die Russen das behindern werden.

Wie lange wird das in etwa dauern?

Das wissen wir noch nicht. Es ist ein riesiges Kraftwerk, und die Einschläge sind flächenmäßig weit voneinander entfernt. Wenn man davon ausgeht, dass eine Gruppe von etwa zehn Inspekteuren kommt, bräuchte man eigentlich zwei Wochen, um genau zu gucken, was da passiert ist, und um Gespräche mit den Mitarbeitern zu führen. Danach wäre das Übliche, dass die IAEA einen Bericht verfasst und die Ergebnisse analysiert. Wahrscheinlich wird es auch eine Pressekonferenz geben. Dann wird sich zeigen, inwieweit die Inspekteure etwas herausfinden konnten.

Wer kümmert sich um die Sicherheit der IAEA-Mitarbeiter in diesen zwei Wochen?

Das ist eine logistische und militärische Herausforderung. Die Frage ist, über welche Richtung die Inspekteure einreisen und wie sich die Kriegsparteien einigen. Dem Vernehmen nach geschieht das nun von ukrainisch kontrolliertem Gebiet aus. Für die Ukrainer ist das wichtig, weil eine Anreise über Moskau als indirekte Anerkennung der Besetzung durch die IAEA verstanden werden könnte. Die jeweilige Seite, über deren kontrolliertes Territorium die Inspekteure einreisen, ist für ihre Sicherheit verantwortlich. Das ist natürlich äußerst gefährlich, weil in dem Bereich die Frontlinie verläuft und es zu Beschuss kommt. Das ist von den Sicherheitsanforderungen ähnlich wie die Reise hoher Politiker nach Kiew im Frühjahr, die mit der ständigen Bedrohung von Raketeneinschlägen einherging.

Mit Anna Veronika Wendland sprach Vivian Micks

Quelle: ntv.de

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