Politik

Traumata bei Soldaten "Wer kämpfen muss, ist stärker belastet"

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Patrouille nahe Faisabad.

(Foto: picture alliance / dpa)

Dreieinhalb Jahre dauert es im Durchschnitt, bis ein Soldat sich nach einem belastenden Erlebnis nach Therapiemöglichkeiten erkundigt. 730 Bundeswehr-Soldaten waren 2010 wegen eines Posttraumatischen Belastungssyndroms in Behandlung. Für die Zukunft erwartet Oberstarzt Peter Zimmermann noch mehr Patienten: "Wenn Sie mehr Leute in Auslandseinsätze schicken, kriegen Sie natürlich auch mehr mit psychischen Problemen wieder."

n-tv.de: Das Afghanistan-Mandat wird bereits zum zehnten Mal verlängert. Erwarten Sie angesichts zunehmender Auslandseinsätze der Bundeswehr mehr traumatisierte Soldaten?

Peter Zimmermann: Wenn Sie mehr Leute in Auslandseinsätze schicken, kriegen Sie natürlich auch mehr mit psychischen Problemen wieder. Wenn Sie Leute in stärker belastende Auslandseinsätze schicken, wo mehr gekämpft wird, dann kriegen Sie auch mehr mit psychischen Problemen wieder. Wenn Sie in einer Armee Aufklärungsarbeit leisten und Soldaten klarmachen, dass eine psychische Erkrankung nichts Schlimmes, sondern etwas Behandelbares ist, dann kriegen Sie zwar nicht mehr Fälle, aber mehr Patienten. Was wir im Moment wissen, ist, dass wir in den Bundeswehrkrankenhäusern in den letzten Jahren immer mehr Patienten bekommen haben, die unter dem sogenannten Posttraumatischen Belastungssyndrom, PTBS, leiden. Im Jahr 2008 hatten wir noch 245 PTBS-Fälle in den Bundeswehrkrankenhäusern. Im Jahr darauf waren es schon 466, im Jahr 2010 knapp 730.

Oberfeldarzt Dr. Peter Zimmermann ist Leitender Arzt der Psychiatrie und Psychotherapie des Bundeswehrkrankenhauses in Berlin.

Oberstarzt Peter Zimmermann ist Leitender Arzt der Psychiatrie und Psychotherapie des Bundeswehrkrankenhauses in Berlin.

Das Thema Psychotherapie ist kein Tabuthema mehr in der Bundeswehr?

Nein. Die Akzeptanz ist größer geworden und mehr Soldaten trauen sich in Behandlung. Neulich habe ich ein Präventionsseminar gehalten bei einer Gruppe hoch belasteter Soldaten, die aus dem Einsatz zurückgekommen waren, aber noch keine Patienten sind. Eigentlich hatte ich erwartet, dass beim Thema Psychotherapie ein Spruch kommt wie "Ein harter Mann macht das nicht", aber die Reaktion war überraschend für mich. Die Soldaten sagten unisono: "Psychotherapie gehört dazu." Und das, obwohl sie zu denen gehören, die man im Allgemeinen als die harten Jungs bezeichnet.

Haben psychotherapeutische Behandlungen keine Auswirkungen auf ihre weitere Karriere?

Nein, langfristig nicht. Allerdings hält sich die Bundeswehr während einer psychotherapeutischen Behandlung zurück, wenn es beispielsweise darum geht, Berufssoldat zu werden oder in einen Auslandseinsatz zu gehen. Da sagt man: "Schließe bitte deine Psychotherapie erstmal ab". Wenn aber eine Psychotherapie weit fortgeschritten ist und gut läuft, dann gibt es keinerlei Probleme, weder für einen erneuten Auslandseinsatz noch für weitere Karrierestufen. Was Vorgesetzte angeht, gibt es jedoch immer noch Ausnahmen. So mancher glaubt tatsächlich: "Der hat Psychotherapie gemacht, der hat eine Schwäche." Aber auf dieses Phänomen stoßen Sie in einer großen Firma auch.

Wie zeigt es sich denn, wenn ein Soldat traumatisiert ist?

Soldaten, die unter dem Posttraumatischem Belastungssyndrom leiden, zeigen verschiedene Symptome. Das wichtigste sind die so genannten Intrusionen, sich aufdrängende Erinnerungen. Sie sitzen zum Beispiel bei der Arbeit und hören das Klackern des Computers, und plötzlich haben sie das Gefühl, das Klackern der Tastatur verändert sich immer mehr in das Rattern eines Maschinengewehres. In dem Moment entstehen dann die Bilder vor ihrem inneren Auge, wie sie im Gefecht waren und geschossen haben. Sie hören die Geräusche, sie riechen das Schwarzpulver, sie fühlen plötzlich diese Angst wieder, die sie damals erlebt haben. Manchmal tauchen diese Erinnerungen auch in der Nacht als Alptraum auf. Wenn dies häufiger geschieht, kostet das viel Kraft, die gerne an anderen Stellen eingespart wird, zum Beispiel bei den sozialen Kontakten. Wenn man aber Kontakte vermeidet, setzt sich eine Negativspirale in Gang und man sägt sich den wichtigsten Ast, der einen noch stützen könnte, selber ab. Denn ein gutes soziales Umfeld ist etwas, was einen negativen Krankheitsverlauf verhindern oder wenigstens abschwächen kann. Ein weiteres Anzeichen von PTBS ist das so genannte Hyperarousel, ein Zustand des Angespanntseins, Erregtseins, Reizbarseins. Oft wird er begleitet von Schlafstörungen, er kann auch mit Gewalt einhergehen.

Wie äußert sich das?

In der Bundeswehr haben wir das Problem Gottseidank noch nicht so sehr, aber die amerikanische Armee hat große Probleme mit häuslicher Gewalt von Soldaten gegen Frauen und Kinder. Meiner Einschätzung nach hängt dies auch mit den sehr langen Einsatzzeiten der US-Soldaten zusammen. Sie sind oft über ein Jahr nur mit ihren Kameraden zusammen gewesen, haben gekämpft, haben ein im Prinzip sehr rohes Leben geführt und müssen dann plötzlich wieder Familienvater sein und Konflikte schlichten. Damit sind sie dann überfordert.

Wie behandeln Sie die traumatisierten Soldaten?

Als erste Phase in einer Trauma-Therapie stellt man Sicherheit her. Wir bringen dem Patienten Entspannungstechniken bei, gucken, wie er das soziale Umfeld wieder besser ins Boot holt. In der zweiten Phase schauen wir uns die belastenden Bilder noch einmal gemeinsam an. Dann erzählt der Soldat beispielsweise, wie er in Kundus im Bunker saß und es um ihn herum pfiff. Wie er dachte, im nächsten Moment zu sterben. Und wie er jetzt noch Angst am ganzen Körper spürt. Durch diese Gespräche intensivieren sich die Erinnerungen zunächst, aber oft schon in derselben Sitzung flaut der Druck der Bilder ab und der Patient wird ruhiger. Statt des Gefühls der Hilflosigkeit sieht er jetzt, dass er in Sicherheit ist. Am Ende der Sitzung oder nach zwei, drei Tagen sagt er dann: "Ich kann mich nach wie vor dran erinnern, aber es drückt jetzt nicht mehr ganz so." Oft genug muss man Szenen mehrmals angucken. So arbeitet man sich durch so eine Trauma-Landschaft allmählich durch.

Wie hoch sind die Erfolgschancen?

In über 80 Prozent der Fälle gelingt es, die Symptome so deutlich zu bessern, dass die Patienten eigentlich wieder normal am Leben teilnehmen können. Viele fragen allerdings nach Heilung. Eine Heilung in dem Sinne ist schwierig zu definieren, denn niemand wird nach einer Trauma-Therapie so sein wie vorher. Oft bleibt eine Narbe, die noch ein bisschen weh tut. Oft bleiben auch Veränderungen, die man nicht mehr als krankhaft bezeichnet, sondern als Reifung. Die Patienten sagen dann: "Ich lerne jetzt mehr Dinge wertzuschätzen hier in diesem Land, als ich sie vorher wertschätzen konnte." Aber klar ist: Eine Veränderung bleibt, eine Restsymptomatik bleibt leider auch oft.

Kehren viele Soldaten nach der Therapie zur Arbeit zurück?

Das ist unser Ziel. Es gibt aber auch Patienten, die den Weg nicht mehr zurück finden. In solchen Fällen kann man ein Dienstunfähigkeitsverfahren einleiten und die Bundeswehr vorzeitig verlassen. Es gibt einige Konfliktfälle, in denen die Patienten unbedingt dabeibleiben wollen und denen wir sagen müssen: "Es tut uns leid, aber es geht einfach nicht." Und umgekehrt gibt es den Fall, dass Soldaten unbedingt rauswollen, aber auch das nicht geht, weil die Symptome zu leicht sind.

Wann kommen Patienten in der Regel zu Ihnen?

Wo wir es bislang feststellen konnten, dauerte es im Schnitt dreieinhalb Jahre zwischen dem schädigenden Ereignis und dem ersten Schreiben einer E-Mail. Das ist relativ lang und macht deutlich, wie wichtig Aufklärungsarbeit ist. Nach meiner Einschätzung sind die Heilungschancen eher besser, wenn man früher kommt.

Wieso dauert es so lange, bis sich Soldaten bei Ihnen melden?

Es gibt sicher einige, die ein Härteideal haben und sagen: "So etwas darf ich nicht haben, das ist eine Schwäche." Dann gibt es andere, die vielleicht Konsequenzen befürchten, einen Karriereknick - was ich für objektiv nicht gerechtfertigt halte. Ein weiterer Punkt ist, dass viele Zerstörungen kompensierbar sind. Wenn jemand ein gutes Umfeld hat, viel Sport treibt, dienstlich geschätzt wird, ist es möglich, dass die Symptome zwar schwelend vorhanden sind, aber nicht so drücken. Doch irgendwann wird die Haut dünner. Sei es, dass die Betroffenen einfach älter werden, sei es, dass es zu Eheproblemen kommt, dass vielleicht jemand stirbt oder es im Dienst Konflikte gibt. Durch die verminderte Widerstandskraft haben die traumwertigen Symptome dann mehr Chancen, nach oben durchzubrechen, bis die Patienten sagen: "Jetzt wird es zu viel, jetzt komme ich."

Sollte mehr präventiv getan werden, bevor man Soldaten ins Ausland schickt?

Ja. Allerdings bereiten wir unsere Soldaten sehr gründlich auf die Auslandseinsätze vor, gründlicher als andere Armeen. Das führt zu einer vermehrten Handlungssicherheit, die wiederum die Psyche stärkt. Viele sagen, dass zum Beispiel die amerikanische Armee deutlich mehr jüngere und schlechter ausgebildete Leute in die Einsätze schickt und dass sie deswegen auch höhere Raten an psychischen Zerstörungen haben. Auch entwickeln wir gerade ein Programm mit persönlichen Trainern, die vor dem Auslandseinsatz die Soldaten auf bestimmte Dinge vorbereiten. Wir wissen aber noch nicht genau, was gut wirkt, und sind im Moment in unserem Psychotraumazentrum dabei, das zu entwickeln und zu erforschen. Jedenfalls gibt es Entwicklungsmöglichkeiten, wie man die Soldaten noch besser vor dem Einsatz trainiert. Das betrifft besonders die potenziell Hochbelasteten - also Menschen, die meist außerhalb der Lager in Kampfhandlungen verstrickt werden: Kampftruppen, Sanitäter, Feldjäger oder Kampfmittelbeseitiger.

Reichen denn die begleitenden Maßnahmen vor Ort aus?

Aus meiner Sicht ja. Ich war selbst schon drei Mal im Auslandseinsatz und hatte 2003 kurz nach dem Busattentat im Schnitt ein bis drei deutsche Soldaten und Patienten pro Tag. Da ist man als Psychiater nicht wirklich überfordert. Jetzt ist es ein bisschen mehr geworden, von Überlastung hat mir aber noch keiner etwas erzählt. Schließlich ist nicht nur ein Psychiater unten vor Ort, sondern auch zwei bis drei Psychologen sowie zwei Militärpfarrer, die sehr viel mit den Soldaten reden und eine Krisenintervention machen.

Ist es ein Problem, dass die Deutschen jetzt auch zunehmend in Kampfhandlungen verwickelt werden?

Klar, wer kämpfen muss, hat einen höheren Belastungslevel als Menschen, die im Lager sitzen. Deswegen führen mehr Kampfhandlungen meiner Ansicht nach auch dazu, dass wir jetzt mehr behandlungsbedürftige psychische Störungen haben und auch weiter haben werden. Es ist wahrscheinlich nur ein leichter Effekt, aber es ist ein Effekt. Wir machen schon die Erfahrung, dass man hier in den Therapien mit Menschen, die kämpfen oder sogar auch töten mussten, anders umgehen muss als mit Menschen, die Opfer eines Attentats waren. Bei Menschen, die töten mussten, ist das Thema Schuld ein ganz anderes.

Ist es für die Soldaten auch problematisch, dass ihr Einsatz in Deutschland nicht auf große Zustimmung in der Bevölkerung stößt?

Ja. Das beschäftigt die Soldaten, und das halte ich persönlich auch für wirklich ungerecht. Da begeben sich Menschen in Lebensgefahr - und sie begeben sich zum großen Teil nicht wegen des Geldes dorthin, sondern weil es ihr Beruf ist und zum Teil auch aus einem Idealismus heraus - und fühlen sich hier im Lande nicht verstanden und nicht gewertschätzt. Es ist ein Problem, wenn dann zu dem eigentlichen Krankheitsbild PTBS noch die Enttäuschung über die mangelnde Akzeptanz in der Bevölkerung kommt.

Gibt es denn Schwierigkeiten für viele bei der Rückkehr ins normale Leben?

Die meisten kehren wieder ins normale Leben zurück, viele sogar spontan. Allerdings gibt es schon viele Soldaten, die nach einem Auslandseinsatz eine gewisse Zeit brauchen, bis sie hier innerlich wieder ankommen. Die sich in den ersten drei Monaten in Deutschland fremd fühlen, angespannt, reizbar sind, Schlafstörungen haben. Das ist eine völlig normale Umstellungsreaktion. Die klingt dann aber bei vielen, bei über 80 Prozent, innerhalb eines Jahres, meist innerhalb der ersten drei Monate spontan ab, auch ohne Therapie. Besonders wichtig ist dabei ein gutes soziales Umfeld.

Wie wirkt sich der Spardruck, unter dem die Bundeswehr steht, bei Ihren Behandlungen aus?

Wir spüren als Psychotraumazentrum den Spardruck nicht. Das Schöne an der Medizin der Bundeswehr ist, dass wir den Soldaten noch eine Menge bieten können und nicht so aufs Geld schauen müssen. Wir sind zum Beispiel von unseren Liegezeiten überhaupt nicht limitiert. Wenn wir einen Patienten hier sechs Monate behandeln müssen, dann behandeln wir ihn eben so lange.

Mit Peter Zimmermann sprach Gudula Hörr

Quelle: ntv.de