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Sachsen-AnhaltNeues Forschungsprojekt: Wie lebten meine Vorfahren?

30.11.2025, 04:01 Uhr
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Die Universität Halle hat Zehntausende Daten aus Kirchenbüchern ausgewertet. Das Material hilft der Forschung - und Hunderten Hobby-Genealogen bei der Suche nach ihren Familiengeschichten.

Halle (dpa/sa) - Forscherinnen und Forscher der Universität in Halle ermöglichen mit neuen Erkenntnissen eine Reise in vergangenen Welten. Neue historisch genealogische Forschung bietet Einblicke in die Sozial- und Bevölkerungsgeschichte im 18. und 19. Jahrhundert; Interessierte können so unter anderem nach ihren Vorfahren suchen. "Das ist eine Win-win-Situation: Wissenschaft und private Interessen treffen sich zu einem gemeinsamen Anliegen", sagte die Historikerin und Projektleiterin Katrin Moeller der Deutschen Presse-Agentur.

Die genealogische Nachfrage sei groß, so Moeller. Auf einer Webseite können Interessierte kostenlos nach Informationen über ihre Verwandten aus früherer Zeit suchen. Möglich macht das die Zusammenarbeit der Uni mit dem Verein für Computergenealogie. Er zählt über 4.000 Mitglieder, viele von ihnen sammeln nicht nur eigene Daten, sondern nutzen auch die von der Universität aufbereiteten Daten, um Familiengeschichten nachzuvollziehen.

Tausende Daten digitalisiert

Bislang wurden Kirchenbücher aus dem 17. bis 19. Jahrhundert der Mariengemeinde und der St.-Georgen-Gemeinde in Halle digitalisiert. Insgesamt liegen rund 80.000 Datensätze aus Geburts-, Heirats- und Sterberegistern und weitere 70.000 bis 80.000 Datensätze zu Taufpaten vor. Vielfach wurden in den Büchern auch Beruf, besondere Lebensumstände - wie Erbschaftsprobleme oder die Heirat von Frauen, die von einem anderen Mann schwanger waren - verzeichnet.

Derzeit arbeitet Moeller mit Studierenden und interessierten Genealogen in einem öffentlichen Seminar daran, auch aus solchen Massendaten Biografien zu entwickeln. Dabei geht es nicht um bekannte Persönlichkeiten, sondern um Biografien zu jedermann. "Das Material ist so dicht, dass etwa bei historischen Schulklassenfotos des 19. Jahrhunderts für rund zwei Drittel der abgebildeten Kinder Lebenswege rekonstruiert werden könnten - also welche Berufe sie ergriffen, ob sie Familien gründeten oder in andere Städte zogen", sagte die Wissenschaftlerin.

Sterberegister belegt Krisen und Epidemien

Zudem ergab die Analyse der Sterberegister für das 18. Jahrhundert deutliche Ausschläge bei Krisen: Während die durchschnittliche Lebenserwartung - ohne Kindersterblichkeit gerechnet - etwa 50 Jahre betrug, starb jedes zweite Kind im ersten Lebensjahr. Rechne man diese frühen Todesfälle ein, sinke die rechnerische Lebenserwartung auf rund 25 Jahre.

Die Daten belegten zudem markante Belastungsphasen: die Hungerkrisen von 1761 bis 1763 und 1772, die letzte Pestwelle von 1682, eine Typhusepidemie in der wirtschaftlich angespannten ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sowie die großen Cholera-Epidemien von 1832, 1849 und 1866. Auch Einbrüche der Lebenserwartung um 1670 und 1730 lassen sich in den Registern ablesen. "Die Forschung gibt Aufschluss darüber, wie Menschen mit Krisenzeiten umgegangen sind", erklärte Moeller.

Künstliche Intelligenz ermöglicht weitergehende Analyse

Auch neue Technologien spielen bei dem Projekt eine Rolle. Die Daten ließen sich inzwischen mit KI-gestützten Werkzeugen auswerten, etwa um biografische Skizzen aus großen Datensammlungen zu generieren.

Fortgeschritten ist das Citizen-Science-Projekt "Hallische Heiratsgeschichten". Von den rund 2.900 Heiratseinträgen aus dem 19. Jahrhundert seien bereits 94,9 Prozent digital erfasst. Ziel ist es, Heiratsnetzwerke, soziale Mobilität und verwandtschaftliche Verbindungen im Halle des 19. Jahrhunderts sichtbar zu machen. Alle Daten sollen zukünftig der breiten genealogischen Nutzung zur Verfügung stehen, da sie in die Datenbanken des Vereins für Computergenealogie integriert werden.

Quelle: dpa

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