Reise

Arbeiten im Ferienparadies Malediven Schuften, wenn andere urlauben

Hussain arbeitet im Diva Maldives Ressort im Empfangsteam.

Hussain arbeitet im Diva Maldives Ressort im Empfangsteam.

Das türkisblaue Wasser funkelt in der warmen Sonne, und meterhohe Palmen strecken sich über den weißen Strand: Die Malediven sind eines der beliebtesten Urlaubsziele der Welt. Mehr als 600.000 Besucher kommen jährlich auf die Inselgruppe im Indischen Ozean, um Korallenriffe und einsame Strände zu genießen. Der Tourismus ist daher zu einer der wichtigsten Einnahmequellen für die Malediven geworden. Denn während die Touristen entspannen, arbeiten im Urlaubsparadies unzählige Männer und Frauen rund um die Uhr für das Wohl der Besucher.

Einer von ihnen ist Hussain Ishan. Der 28-Jährige stammt eigentlich aus der Hauptstadt Malé, seine ganze Familie wohnt dort. Doch während früher der Fischfang für den Lebensunterhalt der meisten Malediver sorgte, gehen die Erträge seit Jahren stetig zurück. Viele junge Männer wie Hussain verlassen deswegen ihre Heimatinseln und heuern in einem der zahlreichen Urlaubsresorts an.

Einheimischen- und Touristeninseln

Anlegeplatz für Wasserflugzeuge.

Anlegeplatz für Wasserflugzeuge.

Die Republik Malediven besteht aus etwa 1190 Koralleninseln, die streng aufgeteilt sind nach Einheimischen- und Touristeninseln. Nur die bis dahin unbewohnten Inseln können für Hotelanlagen bebaut werden. So soll ein Aufprall der Kulturen verhindert werden, also dass traditionell orientierte Malediver und allzu liberal urlaubende Besucher im Alltag unvorhergesehen zusammentreffen. Das hat jedoch auch zur Folge, dass die Einheimischen, die in der Tourismusbranche arbeiten wollen, oft Hunderte Kilometer von ihrem Zuhause entfernt arbeiten und leben.

Deswegen sieht auch Hussain seine Familie nur sehr selten. Seit mehr als einem Jahr arbeitet er im Diva Maldives Resort im südlich von Malé gelegenen Ari Atoll. Jede Woche hat sechs Arbeitstage, doch Hussain und die meisten seiner Kollegen nehmen selbst den freien Tag nur selten in Anspruch. Stattdessen arbeiten sie monatelang durch und sparen sich die freie Zeit an. Ein paar Mal im Jahr können sie dann für rund eine Woche am Stück freinehmen und die lange Heimreise antreten.

Probleme hat der 28-jährige Hussain damit aber nicht. Im Gegenteil, er freut sich über seinen Job. Schließlich sind die Stellen in den Touristenanlagen hart umkämpft, und Hussain muss mit seinem Lohn auch noch seine Mutter und seine Schwiegereltern unterstützen. Da passt es sich gut, dass er in dem Resort nichts für Unterkunft und Verpflegung bezahlen muss. Außerdem ist er auf der Urlaubsinsel nicht nur ein einfacher Hilfsarbeiter, sondern hat eine wichtige Position im Empfangsteam: Hussain begrüßt die meisten Gäste bei ihrer Anreise, regelt die Formalitäten, nimmt Wünsche der Urlauber entgegen und kümmert sich am Ende um das Auschecken.

Die Hälfte muss einheimisch sein

Nicht alle Arbeiter in der Tourismusbranche haben so viel Glück. Von der Regierung wurde zwar schon vor Jahren festgelegt, dass mindestens 50 Prozent aller Angestellten in den Resorts Einheimische sein müssen, damit können nicht zu viele ausländische Helfer ins Land geholt werden. Denn diese würden Jobs wegnehmen, die von der maledivischen Bevölkerung dringend gebraucht werden.

Diese Quote wird zumindest offiziell eingehalten, doch welche Jobs genau die Einheimischen bekommen, ist damit nicht festgelegt. Deswegen werden die verantwortungsvollen Aufgaben wie die Leitung eines Bereichs oder gar der gesamten Urlaubsanlage meist ausländischen Fachkräften zugeteilt. Die Malediver dagegen arbeiten meist in einfacheren und schlechter bezahlten Bereichen: Zimmerservice, Barkeeper, Kellner, Gärtner oder Verkäufer im Souvenirladen. Während man in den Führungspositionen mehr als 3000 US-Dollar pro Monat verdienen kann, bekommen einige Arbeiter gerade einmal ein paar hundert US-Dollar Lohn.

Hinzu kommt, dass die Tourismusbranche der Malediven fest in der Hand von Männern ist. Es sind nämlich meist junge Malediver, die mit 18, 19 oder 20 Jahren ihre Familien verlassen und ihr Glück im Tourismus suchen. Maledivische Frauen dagegen arbeiten selten in einem der Resorts. Immerhin ist die Gesellschaft der Republik muslimisch.

Arbeitende Frauen sind Ausnahme

Arlene Bayot-Borresen ist eine der wenigen Frauen im Team.

Arlene Bayot-Borresen ist eine der wenigen Frauen im Team.

Arbeitende Frauen sind da nicht gern gesehen, schon gar nicht weit entfernt vom Schutz der Familie. Eine Ausnahme sind die Frauen, die streng verhüllt und in kleinen Gruppen jeden Tag gemeinsam zu einer Nachbarinsel fahren, um dort - durch Büsche vor den Blicken von Touristen geschützt - das Laub zusammenzufegen. Deswegen gibt es in der Tourismusbranche fast keine Frauen. Hussain beispielsweise hat in seinem Urlaubsressort rund 400 Kollegen, davon gerade einmal 32 Frauen - von denen die meisten zudem aus anderen asiatischen Ländern kommen.

Darunter ist auch Arlene Bayot-Borresen. Die 36-Jährige hat auf den Philippinen drei Kinder, arbeitet aber dennoch im tausende Kilometer entfernten Diva Maldives Resort als Köchin, um ein bisschen Geld dazuzuverdienen. "Es ist schon seltsam, wenn ich aus meiner Wohnung trete und im Mitarbeiterbereich fast nur Männer sehe", erzählt Arlene schmunzelnd. In der Küche ist die zierliche Mutter sogar die einzige Frau unter Männern. Probleme hat sie damit aber nicht, wie sie sagt. "Ich werde von den Kollegen vielleicht mal einen Moment länger angeguckt, einfach, weil ich eine der wenigen Frauen hier bin, aber das finde ich nicht einschüchternd."

Stattdessen genießt die ans Leben in der Großstadt Manila gewöhnte Köchin ihre malerische Arbeitsumgebung: Wenn sie aus dem Fenster der Restaurantküche schaut, sieht sie zwischen den Palmen das Meer. Abends, nach Feierabend, geht sie die paar hundert Meter zu Fuß nach Hause, während sie den weißen Sand auf dem Weg genießt. "Ich freue mich wirklich jeden Tag über diesen Job und kann es nicht fassen, dass ich da arbeiten kann, wo andere Urlaub machen - und dafür noch viel Geld bezahlen!" Außerdem sieht sie ihren Mann und ihre Kinder regelmäßig. Die Familie telefoniert nämlich über das Internet, so dass Arlene ihre Jungs und ihre Tochter dabei mit Hilfe einer kleinen Kamera auf dem Computer weiterhin wie aus der Nähe beobachten kann.

Ein Drittel des BIP aus dem Tourismus

Am Anfang des Tourismus standen einfache, palmwedelgedeckte Hütten.

Am Anfang des Tourismus standen einfache, palmwedelgedeckte Hütten.

Auch wenn ein Teil des Geldes wie das von Arlene nicht auf den Malediven bleibt, so gewinnt der Tourismus für die Republik immer mehr an Bedeutung. Schon jetzt wachsen die Besucherzahlen stetig, schon jetzt machen die Touristeneinnahmen rund 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Damit das aber noch mehr wird, soll demnächst eine öffentliche Universität eingerichtet werden, die die einheimischen Arbeitskräfte vor Ort speziell für die Tourismusbranche ausgebildet. Dann könnten Führungspositionen auch von qualifizierten Maledivern übernommen werden, so die Hoffnung der Menschen.

Die an Handel mit vielen Nationen gewöhnten Malediver entdeckten den Tourismus als Einnahmequelle erst Anfang der 1970er Jahre. Damals wurden auf zwei Inseln einfache, aus Palmenwedeln hergestellte Hütten errichtet. Luxus wie Süßwasser, Pools oder gar Klimaanlagen gab es noch nicht. Doch in den folgenden Jahrzehnten krempelte die Reiseindustrie die Republik maßgeblich um, auf vielen Inseln wuchsen Ferienanlagen aus dem Inselboden.

Mittlerweile sorgt der Tourismus aber nicht nur für den Lebensunterhalt vieler Familien, sondern sichert dem Land auch in anderen Bereichen einen gewissen Standard: Malaria und Tuberkulose wurden ausgerottet und die Lebenserwartung stieg auf durchschnittlich 64 Jahre. Außerdem gibt es auf allen bewohnten Inseln Schulen, die Alphabetisierungsrate liegt bei rund 98 Prozent.

Jedes Fleckchen bebaut

Von den Problemen in der Hauptstadt Male bekommen die Urlauber an den Palmenstränden meist wenig mit.

Von den Problemen in der Hauptstadt Male bekommen die Urlauber an den Palmenstränden meist wenig mit.

So gut ist es allerdings nicht überall auf den Malediven. Die Hauptstadt Malé, die Touristen meist nur beim Anflug auf die Nachbarinsel sehen, quillt aus allen Nähten. Jeder Zentimeter der nur zwei Quadratkilometer großen Insel im Zentrum der Inselkette ist bebaut. Damit soll sie die am dichtesten besiedelte Stadt der Welt sein. Tatsächlich lebt dort fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung, knapp 100.000 Menschen, auf engstem Raum zusammen. Da sich in Malé außerdem viele Nationalitäten treffen, die nicht immer wirklich gut miteinander auskommen, ist für ausreichend sozialen Sprengstoff gesorgt. Hinzu kommen ein florierender Drogenhandel und horrende Mieten bei verhältnismäßig geringen Einkommen.

Auch diese Seite der Malediven kennt Hussain Ishan gut. Schließlich leben seine Mutter und seine Geschwister weiter in Malé. "Das Leben dort ist sehr schwierig", sagt er. "Während es in den Malediven sonst sehr friedlich und entspannt zugeht, ist es in Malé ziemlich anstrengend." Auch wenn der neue, Ende des vergangenen Jahres gewählte Präsident Mohamed Nasheed große Pläne für die Zukunft seines Landes hat, werden sich die Menschen in Malé sicher noch einige Zeit mit den ersehnten Veränderungen gedulden müssen.

Deswegen zieht es auch Hussain nicht allzu häufig in seine Heimatstadt. Während andere Arbeiter in anderen Ländern es kaum erwarten können, nach Feierabend endlich ihren Arbeitsplatz verlassen zu können, bleibt Hussain gerne in der Nähe. Denn er weiß nicht nur die finanziellen Chancen des Jobs zu schätzen. Immerhin kann er so jeden Tag einen langen weißen Sandstrand, schattenspendende Palmen und das erfrischende Meer genießen, das bis zum Horizont reicht.

Quelle: ntv.de, Aliki Nassoufis, dpa

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