Michael Jung könnte nach seinen unzähligen sportlichen Höhenflügen längst Lobeshymnen auf sich selbst singen. Doch stattdessen redet der viermalige Olympiasieger, von vielen schon als bester Vielseitigkeitsreiter der Geschichte auserkoren, lieber über seinen vierbeinigen Partner. Gerade erst hatte dieser ihn in Aachen zum umjubelten zweiten Weltmeistertitel seiner Karriere getragen - dieses Pferd, betonte Jung, "ist eine Legende."
Chipmunk, so heißt sein "unglaublicher" Goldstar. Nie ist Jung es müde, von den Heldentaten des 18 Jahre alten Wallachs zu erzählen. "Wie er zuhört und wie viele Nerven er hat, obwohl er auch aufgeregt ist", schwärmte der 44-Jährige, "das ist gigantisch." Er sei "so dankbar, dass ich so ein Pferd reiten kann."

Außenseiter-Pferd rennt an allen vorbei in die Geschichte
Gemeinsam verzauberte das Duo über drei Teilprüfungen das begeisterte Publikum, das Großevent in der Soers sei "nochmal das i-Tüpfelchen", freute sich Jung: Dort "mit zwei Medaillen wieder heimfahren" zu können? "Das ist im Moment auch noch ein bisschen unwirklich", erklärte er. Besagtes Edelmetall baumelte ihm bei diesen Worten um den Hals - und strafte seine Worte Lügen.
WM-Trauma besiegt
Denn fährt Rekordmann Jung zu Weltmeisterschaften, dann kommt er immer mit mindestens einer Medaille heim. Insgesamt sechs Stück hat er seit seinem großen Premierentitel im Einzel bei den Weltreiterspielen 2010 in Lexington, wo seine Karriere furios an Fahrt aufnahm, schon gesammelt. Nie ging Jung, Medaillensammler der Superlative, bei einer WM-Teilnahme leer aus.
Und dennoch bleibt Jung ein Reiter, der trotz aller Erfolge nach dem letzten Hindernis den Kopf wendet, um auf die Anzeigetafel zu schauen und sich zu vergewissern: Habe ich wirklich gewonnen? "Ich musste noch einmal gucken, ob es tatsächlich stimmt", erzählte der frischgebackene Champion auch in Aachen: "Sprachlos" sei er nach dem Triumph, zu größeren Ausschweifungen ließ er sich nicht hin.
Vielleicht ist es Jungs Erfolgsrezept, dass er des Siegens einfach nicht müde wird. Mit seinem legendären Sam, seinem "besten Freund", wurde Jung 2012 als erster und bisher letzter Vielseitigkeitsreiter amtierender EM-, WM-, und Olympiasieger in der Einzelwertung. Als einziger gewann er drei Einzeltitel bei den Sommerspielen.
Mit schier unerschütterlicher Ruhe trotzt Jung so auch Rückschlägen. Wie beispielsweise dem vor vier Jahren, als sein Traum vom Einzelgold mit Chipmunk bei der WM in Italien dramatisch am letzten Hindernis geplatzt war. Zwei Jahre später siegten die beiden in Paris, in Aachen arbeitete er das kleine Trauma mit seinem Erfolgspartner nun vollends auf.
Über dessen Karriereende sei "viel geredet und spekuliert" worden, erklärte Jung, aber "es gibt noch keine Pläne." Die gemeinsame Reise geht wohl vorerst weiter - eine Legende braucht schließlich die andere.

