Erst ging Tadej Pogacar Arm in Arm mit den Teamkollegen auf seine Tour d'Honneur und winkte stolz ins Publikum, dann schaltete der Radstar wieder in den Angriffsmodus.
Der Prestigesieg auf den Champs Élysées in Paris blieb dem Weltmeister aber verwehrt, den holte sich Klassiker-Rivale Mathieu van der Poel nach einem atemberaubenden Kletter-Spektakel in Monmartre. Für Pogacar allenfalls ein kleiner Schönheitsfehler vor seiner großen Krönung im Schatten des Arc de Triomphe.
Gnadenloser "Menschenfresser"
Mit dem fünften Gesamtsieg bei der Frankreich-Rundfahrt hat Pogacar Radsport-Geschichte geschrieben. Fortan gehört er dem exquisiten Kreis der Fünffach-Sieger mit der belgischen Ikone Eddy Merckx, den beiden Franzosen Jacques Anquetil und Bernard Hinault sowie dem Spanier Miguel Indurain an. Dem Amerikaner Lance Armstrong wurden alle sieben Triumphe im Nachhinein wegen Dopings aberkannt.
Der "Menschenfresser", wie das renommierte Tour-Organ "L'Équipe" Pogacar bewundernd beschrieb, hat die Tour auf den 3245 Kilometern von Barcelona nach Paris wieder einmal beherrscht. Fünf Etappensiege, über sechs Minuten Vorsprung im Gesamtklassement auf den zweitplatzierten Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel und famose Kletterrekorde in den Alpen und Pyrenäen. Pogacar fuhr wieder einmal in einer eigenen Liga. Ihm zu folgen sei eine "Mission impossible" gewesen, gestand Evenepoel ein.
Laut Merckx ist ein Ende der Regentschaft Pogacars noch lange nicht in Sicht. "Ich glaube nicht, dass er sich damit begnügen wird, mit mir und den anderen Champions gleichzuziehen. Bald wird er unseren Rekord an Tour-Siegen brechen", sagte der 81 Jahre alte Belgier der "Gazzetta dello Sport".
"Es kommt auf Details an"
Erklärungen für seine Dominanz hat Pogacar kaum. "Ich habe nicht das Gefühl, dass ich seit 2024 wesentlich stärker geworden bin. Aber ich habe mehr Erfahrung; kleine Dinge verbessern sich nach wie vor. Es kommt auf die Details an", sagte der slowenische Ausnahmekönner.
Seine Krönungsfahrt am Sonntag musste kurzfristig umgestaltet werden. Wegen der heftigen Waldbrände bei Bordeaux wurde die letzte Etappe verkürzt und komplett in Paris ausgetragen. Das Innenministerium hatte einen Teil der für die letzte Etappe eingeteilten Sicherheitskräfte abgezogen, um die Einsatzkräfte in den betroffenen Gebieten zu verstärken. So wurde der Startort Thoiry gestrichen, stattdessen gab es in Paris 88,7 statt 133 Kilometer.
Dazu wurden die Zeiten vor dem Spektakel mit drei Überquerungen des Montmartre-Hügels eingefroren, somit bestand keine Gefahr mehr von Zeitverlusten. Max Kanter sorgte mit dem vierten Platz noch für einen deutschen Achtungserfolg.
Deutsches Warten geht weiter
Trotzdem endete wieder eine Tour ohne deutschen Etappensieg. Der letzte Erfolg liegt bereits fünf Jahre zurück, als Pogacar-Helfer Nils Politt in Nimes triumphierte.
Die Rekordsieger der Tour de France
Dazu kam der verhängnisvolle Sturz des Vorjahresdritten Florian Lipowitz, der im Einzelzeitfahren einen Schlüsselbeinbruch erlitt. Der Bergspezialist musste sich das Tour-Finale daheim anschauen. "Mir geht es den Umständen entsprechend ganz gut. Die OP ist gut verlaufen. Ich bin jetzt schon wieder daheim und fokussiere mich auf die Erholung", sagte Lipowitz, der während der Schlussetappe am Sonntag in der ARD telefonisch zugeschaltet wurde.
