Das Thema Glücksspiel im Allgemeinen und Sportwetten im Speziellen ist ein zweischneidiges Schwert im Profisport. Das gilt besonders für die National Football League. Auf der einen Seite hat die wohl größte Sportliga der Welt vor nicht allzu langer Zeit klargestellt, dass Wetten auf Football kategorisch untersagt sind und entsprechende Vergehen mit teils drakonischen Strafen belegt werden.
Auf der anderen Seite ist die Liga jedoch bereits im Jahr 2021 eine Partnerschaft mit Fan Duel, Draft Kings und Caesars Entertainment als "offizielle Sportwett-Partner" der Liga eingegangen. Alle drei Unternehmen dürfen Statistiken von Spielern für Wetten einsetzen. Sprich: Die Liga profitiert finanziell vom immer weiter wachsenden Sportwetten-Markt, auch wenn sie bislang im Gegensatz zur NBA oder MLB noch nicht den Schritt gegangen ist, auch noch Kooperationen mit Prediction-Markets einzugehen. Doch das scheint nur eine Frage der Zeit.
Was hat all das nun mit College-Quarterback Brendan Sorsby zu tun? Folgendes: Er hat zugegeben, dass er tausende von Wetten auf College- und Profi-Spiele im Wert von mindestens 90.000 Dollar platziert hatte, als er 2022 noch Spieler der University of Indiana war. Er wettete sogar auf Spiele seiner Hoosiers - besteht aber darauf, das es keine Partien waren, an denen er selbst beteiligt war. Ein Umstand, der die Sache keinesfalls besser macht. Als das herauskam, sperrte ihn die College-Sport-Dachgesellschaft NCAA sowie die Big 12 Conference, sodass er nach zwei Jahren Indiana und zwei weiteren Jahren als Quarterback von Cincinnati in der kommenden Saison nicht mehr für sein nunmehr drittes College, Texas Tech, hätte spielen können.
Sorsby erwirkt einstweilige Verfügung
Sorsby reichte Klage ein und erreichte vor Gericht zunächst eine einstweilige Verfügung, durch die er spielberechtigt gewesen wäre. Er wurde sogar von den Red Raiders als Stamm-Quarterback für die neue Saison eingeplant, was nicht unbedingt auf Gegenliebe bei der Konkurrenz und der generellen (College-)Sportwelt stieß. Vorbei wäre das Thema aber nicht gewesen, da die Dachverbände vor diversen Gerichten dagegen vorzugehen gedachten, entsprechende Anträge wurden ebenfalls in dieser Woche eingereicht.
Wohl auch aufgrund dieser unsicheren Situation beschloss Sorsby nun, doch nicht für Texas Tech zu spielen und vielmehr sein Glück in der NFL zu versuchen. In einem Statement von Milliardär Cody Campbell, der als Chairman der "Schulregenten" und Mäzen des Footballprogramms fungiert, heißt es: "Diese Entscheidung wurde gemeinsam mit Brendan und seiner Familie getroffen und ist ausschließlich das Ergebnis einer pragmatischen Analyse der Situation", so Campbell. "Brendan und Texas Tech verfügen über eine sehr solide und legitime rechtliche Grundlage, doch er steht vor einer Frist am 22. Juni, um für die Teilnahme am Supplemental Draft der NFL zugelassen zu werden, und es gibt keinen praktikablen Weg, alle anhängigen rechtlichen Streitigkeiten rechtzeitig zu klären und seine Teilnahmeberechtigung vor diesem Datum sicherzustellen. Dies ist der einzig gangbare und faire Weg für Brendan und seine Zukunft sowie für seine Teamkollegen und unsere Universität."
Während dem College Football dieses Albtraumszenario nun erspart bleibt, könnte Sorsby zum Problem der NFL werden. Geht man davon aus, dass er ultimativ seinen Prozess verliert und nicht spielberechtigt ist für die Saison 2026, dann erfüllt er die Grundvoraussetzung für den selten veranstalteten Supplemental Draft. Dieser ist für Spieler, die nicht zum "normalen" Draft im April gemeldet waren, aber danach ihre College-Spielberechtigung verloren haben und grundsätzlich schon berechtigt gewesen wären, in die NFL zu kommen - dafür muss man lediglich drei Jahre aus der High School raus sein.
Die Frist für einen Antrag auf diesen Draft ist der 22. Juni. Sollte die NFL diesem stattgeben, wäre Sorsby für alle Teams verfügbar, die bereit sind, einen Draftpick im kommenden Draft vorzeitig abzugeben. Wissen sollte man an dieser Stelle, dass der Supplemental Draft nur selten überhaupt abgehalten wird, zuletzt fand er 2019 statt. Die Arizona Cardinals investierten damals einen künftigen Fünftrundenpick in Safety Jalen Thompson, der immer noch für die Cardinals spielt.
Sorsby hätte viele Interessenten
Rein sportlich dürfte Sorsby durchaus Interessen wecken. Der General Manager der Cleveland Browns, Andrew Berry, schloss erst in der vergangenen Woche eine Verpflichtung Sorsby bei "92.3 The Fan" nicht aus. "Ich frage mich eigentlich zwei Dinge: Erstens frage ich: Ist das ein schlechter Mensch oder hat er eine schlechte Entscheidung getroffen? Und zweitens: Was tut die Person danach, um ihr Verhalten zu korrigieren? Ist das ein Muster in ihren Entscheidungen? Und falls ja, hat sie etwas unternommen, um dieses Muster zu durchbrechen? Oder handelt es sich um einen Einzelfall? Denn in Wirklichkeit werden wir alle Fehler machen. Und manche Fehler sind ganz sicher schwerwiegender als andere."
Die Browns sind eines von mehreren Teams, die derzeit keine klare Quarterback-Situation haben und einen wie Sorsby für den richtigen Preis durchaus in Betracht ziehen. Gleiches gilt für die Cardinals, die sich letztmals im Supplemental Draft bedient haben und die zurzeit in einem Vertragsdisput mit ihrem wahrscheinlichen Starter Jacoby Brissett - ein ausgesprochener Durchschnittsspieler - stecken. Denkbar sind aber auch Teams wie die Detroit Lions, Miami Dolphins, Carolina Panthers, Indianapolis Colts oder New York Jets, die allesamt mindestens einen neuen Backup-Quarterback gebrauchen könnten.
Allen muss jedoch klar sein, dass Sorsby aufgrund seiner Vorgeschichte ein gewisser Störfaktor sein könnte, denn Nachfragen während programmiert. Und sollte er dann irgendwann gegen die Wettrichtlinien der NFL verstoßen - keine Wetten auf NFL-Spiele und grundsätzlich keine Wetten auf Grundstücke und Gebäude der Teams beziehungsweise der Liga -, dann droht ihm gar eine lebenslange Sperre.
Wer mit diesem Risiko leben kann, hat nun eine günstige Gelegenheit, einen talentierten, 22-jährigen Quarterback zu ergattern, dem eine gute sportliche Perspektive nachgesagt wird. Zum richtigen Preis ein Risiko, das irgendjemand vermutlich eingeht - man könnte sogar sagen: jemand wird darauf wetten.




