Der Traum vom historischen Doppelpack lebt, es fehlt nur noch ein Schritt: Alexander Zverev hat das britische "Fery-Tale" kompromisslos beendet und greift in Wimbledon nach seinem zweiten Grand-Slam-Titel in Folge. Der Hamburger setzte sich im Halbfinale souverän mit 7:6 (7:0), 6:2, 6:4 gegen Lokalmatador Arthur Fery durch, brachte den pulsierenden Centre Court zum Schweigen - und steht nur fünf Wochen nach seiner Erlösung bei den French Open vor dem nächsten Coup.
"Es ist erstaunlich. Dieses Grand Slam war immer das, mit dem ich am meisten gekämpft habe", sagte Zverev, "und plötzlich bin ich im Finale von Wimbledon. Ich bin unglaublich glücklich und stolz. Jetzt geht der Fokus auf Sonntag."
Während Millionen britischer Herzen brachen, setzte Zverev sein persönliches Märchen beim bedeutendsten Tennisturnier des Jahres fort. "99,999 Prozent wollten, dass Arthur gewinnt. Aber es war eine tolle Atmosphäre, ein faires Publikum, ich habe jede Sekunde genossen", sagte Zverev.
Der 29-Jährige erreichte sein fünftes Grand-Slam-Finale, am Montag löst er damit den derzeit verletzten spanischen Star Carlos Alcaraz als Nummer zwei der Welt ab. Doch mit dem nächsten Titel vor Augen gibt sich Zverev längst nicht zufrieden, nun will er sich in seinem ersten Endspiel im All England Club auch nicht vom italienischen Weltranglistenersten Jannik Sinner oder dem serbischen Major-Rekordgewinner Novak Djokovic aufhalten lassen.
Stich gewann vor 35 Jahren
In Wimbledon ist er der erste deutsche Spieler im Männer-Einzel seit Boris Becker vor 31 Jahren, der in das Endspiel einzog. Er kann sich zum ersten männlichen Sieger beim Rasenklassiker seit Michael Stich 1991 krönen, bei den Frauen hatte die Kielerin Angelique Kerber 2018 triumphiert.
Zverev war nach seinem Befreiungsschlag in Roland Garros mit einem neuen Selbstvertrauen nach Wimbledon gereist, wo er zuvor immer große Probleme gehabt hatte. Mit einem Sieg gegen Sinner oder Djokovic wäre er nun der 14. Spieler in der langen Tennisgeschichte, dem der Titel-Doppelpack innerhalb weniger Wochen bei den French Open und in Wimbledon gelingen würde. Für das Wildcard-Wunder Fery endete derweil sein magisches Heimspiel kurz vor dem Finale, der Traum vom ersten britischen Sieger nach Andy Murray vor zehn Jahren ist geplatzt.
Natürlich wisse er, "dass 99 Prozent der Zuschauer ihn anfeuern werden", hatte Zverev mit Blick auf seinen Gegner gesagt. Dennoch freute er sich auf sein Auswärtsspiel auf dem heiligsten aller Tennisplätze: "Ich genieße solche Atmosphären auch. Ich mag es, wenn die Energie richtig hoch ist." Um 13.30 Uhr Ortszeit betraten Fery und Zverev vor den Augen des niederländischen Fußballstars Virgil van Dijk den "heiligen Rasen" - und erstmals brandete lauter Jubel für den neuen britischen Nationalhelden auf.
Zverev dreht auf
Zu Beginn musste Zverev schwer arbeiten, erst nach fünf Minuten gewann er das erste Spiel. Fery startete dagegen furios, sein erstes Aufschlagspiel gewann er zu Null. Nach einem schnellen Break von Zverev wirkte der furchtlose Brite kurz frustriert, doch dann brachte er mit einem grandiosen Volley entlang des Netzes und dem direkten Rebreak den Centre Court zum Beben.
Zverev versuchte immer wieder, seinen Kraftvorteil einzusetzen und so den flinken Fery zu überrumpeln. Im ersten Satz schlug er sieben Asse. Die Entscheidung fiel aber erst im Tiebreak, in dem Fery Nerven zeigte und sich Zverev 7:0 durchsetzte.
Mit der Führung im Rücken drehte Zverev auf. Fery haderte nun, seine Gegenwehr war gebrochen. Der Favorit stürmte durch den zweiten Satz - und sorgte dann humorlos für das Ende des "Fery-Tales".
