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Alltag in Aleppo: Ein junger Mann bringt ein Kind nach dem Einschlag einer Fassbombe in Sicherheit.
Alltag in Aleppo: Ein junger Mann bringt ein Kind nach dem Einschlag einer Fassbombe in Sicherheit.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 22. November 2015

Türkei kann nicht allen Syrern helfen: Der Kampf für die Generation Fassbombe

Von Issio Ehrich, Kilis

Im Grenzort Kilis leben mehr syrische Flüchtlinge als Türken. Nur einen Bruchteil kann der Staat versorgen. Der Deutsch-Syrer Mahmoud Dahi und die Italienerin Isabella Chiari setzen alles daran, eine verloren geglaubte Generation zu retten.

Verzweiflung treibt sie an den Ort zurück, an dem sie in der Nacht von Schleppern abgesetzt wurde. Die Familie von Adil Hadji kauert, eingewickelt in ein paar Tücher, auf dem kalten Boden vor dem Busbahnhof in Kilis. Die Kinder schmiegen sich an ihre Mutter. Die Kleinste hustet.

"Mir ist egal, wohin. Ich gehe sogar nach Israel", sagt Adil Hadji. Der 38-jährige Familienvater, der seinen echten Namen nicht nennen will, zeigt auf Frau und Kinder. Er wolle nur einen Platz zum Schlafen und etwas zu essen.

Mahmoud Dahi mit einem seiner jüngsten Gäste.
Mahmoud Dahi mit einem seiner jüngsten Gäste.

Die Familie von Adil Hadji ist vor den Bomben syrischer und russischer Kampfjets geflohen, sie überquerte die Grenze zur Türkei und suchte in der Grenzstadt Kilis einen Platz in einem Flüchtlingsheim. Doch dort sagte man, es gebe keinen Platz, bat um Geduld. Wie lange? Das sagte niemand. Vom Bürgerkrieg in die Obdachlosigkeit - das ist die Geschichte der Familie Hadji und die Geschichte Tausender anderer Flüchtlinge, die in der Türkei ankommen.

Mahmoud Dahi hält Plastiktüten in den Händen. Darin dampfen Grillhähnchen vom nahen Bahnhofsimbiss. Auch ein paar Wasserflaschen hat er dabei. "Wer da wegguckt, ist doch ein Arschloch", sagt der 61-Jährige. "Ich muss denen helfen."

Dahi versucht mit seinem Verein "Spendahilfe" die Lücke zu füllen, die die türkische Regierung bei der Versorgung von Flüchtlingen lässt - schnell und unbürokratisch und dort, wo Hilfe am dringendsten benötigt wird.

Die Türkei leistet sehr viel für Flüchtlinge, mehr als die meisten anderen Staaten. Doch die große Zahl der Neuankömmlinge überfordert das Land, die Grenzstadt Kilis ganz besonders.

Mittlerweile leben dort neben den 130.000 Türken auch 115.000 Flüchtlinge aus Syrien. In den Flüchtlingslagern der Provinz gibt es aber nur 40.000 Plätze. Kilis ist obendrein die ärmste der 81 türkischen Provinzen.

500 Stück Brot am Tag für 350 Familien

Dahi verteilt die Grillhähnchen und Wasserflaschen. Er macht ein paar Anrufe und eine Viertel-Stunde später hat die Familie von Adil Hadji nicht nur etwas zu essen, sondern auch Matratzen, auf denen sie die nächste Nacht überstehen kann. Das ist ein Anfang.

Dass sich Dahi in Kilis engagiert, hat nicht nur mit der besonderen Not dort zu tun. Dahi stammt aus Aleppo. Die Stadt ist nur 50 Kilometer entfernt. Er flüchtete in den 1980er-Jahren selbst - damals vor dem Regime von Baschar al-Assads Vater Hafiz. Er fand Schutz in München, bekam die deutsche Staatsbürgerschaft. Als Anfang 2011 der Bürgerkrieg in Syrien losbrach, fühlte er sich verantwortlich, gründete zusammen mit seinen Töchtern Sherin und Yasmin seinen Verein. Damit wirbt er um Mittel und baut ein Projekt nach dem anderen auf.

Für Kleinkinder hat Mahmoud Dahi einen Kindergarten gebaut. Ihre Mütter haben so Zeit, in einer Werkstatt, die er betreibt, eine einfache Ausbildung zu genießen.
Für Kleinkinder hat Mahmoud Dahi einen Kindergarten gebaut. Ihre Mütter haben so Zeit, in einer Werkstatt, die er betreibt, eine einfache Ausbildung zu genießen.

Dahi holt noch einmal sein Handy raus. Statt Matratzen zu besorgen, zeigt er Bilder. Zu sehen sind Szenen aus einer Zeltstadt: lachende Kinder, die zwischen den Planen umherrennen, lachende Kinder in einem improvisierten Klassenraum, lachende Kinder bei einem Filmabend.

Vor ein paar Jahren baute Dahi im Viertel Karataş, einem der ärmsten von Kilis, ein eigenes Flüchtlingslager mit 153 Zelten. "Ich musste das machen", sagt er. "Ich muss", das ist ein Ausdruck, den er oft benutzt. Für Menschen, die nichts spüren, nichts tun angesichts des Leides, hat er kein Verständnis.

Bei der Sache mit dem eigenen Flüchtlingslager war er dem türkischen Staat allerdings ein wenig zu forsch. Das Lager entstand auf Boden, der Dahi nicht gehörte. Mit den Behörden stimmte er sich nicht ab. Das Camp wurde Anfang des Jahres abgerissen, als Ankara fürchtete, islamistische Kämpfer könnten sich unter die Flüchtlinge mischen. Auf der Straße landete trotzdem niemand. Dahi mietete Wohnungen und ließ die Flüchtlinge dort leben. Für 20 davon zahlt er noch immer die Miete. Zusätzlich betreibt er Waisenhäuser und verteilt jeden Tag 500 Stück Brot an rund 350 Familien. Sobald es die türkische Regierung zulässt, will er auch wieder ein eigenes Lager betreiben.

7000 Plätze für 30.000 Schulkinder

Unterkunft und Essen sind längst nicht alles, was Flüchtlingen in Kilis fehlt. Für mehr als 30.000 syrische Kinder in schulfähigem Alter gibt es in der Stadt nur 7000 Plätze in Schulen. Mit den Flüchtlingskindern wächst dort eine Generation heran, die von den Fassbomben des Assad-Regimes und von der Angst vor den Halsabschneidern des Islamischen Staates (IS) geprägt ist. Und für die Bildung Luxus ist.

Sana Reefay zeigt, was von ihrem Haus und ihrem Mann übrig geblieben ist - so gut wie nichts.
Sana Reefay zeigt, was von ihrem Haus und ihrem Mann übrig geblieben ist - so gut wie nichts.

Das gilt auch für Hadeel, die in Mahmoud Dahis Waisenhaus lebt. Für die 14-Jährige bedeutete der Weg zur Schule einst Todesangst. Hadeel wuchs unter anderem in der syrischen Provinz Idlib auf. Dort kämpften Rebellengruppen gegen das Regime. Immer wieder gab es Schießereien, Mörserattacken und Bombardements. Erst nachdem ihr Vater von einer Fassbombe zerfetzt wurde, verließ sie das Land.

Sie hat so wie ihre Mutter und ihr kleiner Bruder Tamar die Bilder der Dorfbewohner, die die Einzelteile ihres Papas zusammensuchten, um möglichst viel von ihm begraben zu können, noch im Kopf. "Sie wird den Anblick nie vergessen", sagt Sana Reefay, Hadeels Mutter. "Aber ich will daran glauben, dass sie einen Weg zurück ins Leben findet."

Mittlerweile sitzt Hadeel jeden Morgen in einem Schulbus und freut sich vor allem auf den Geschichtsunterricht und die Arabischkurse. Mahmoud Dahi betreibt auch einen Zubringerdienst für knapp 250 syrische Kinder, die sich die öffentlichen Transportmittel in Kilis kaum leisten können. Für die kleineren unter ihnen gibt es zudem einen Kindergarten. Und weil all das zwar hilft, die fehlenden Schulplätze aber nicht ersetzt, arbeitet er eng mit der Italienerin Isabella Chiari zusammen.

Viele werden nie in ihr einfaches Leben zurückkehren

Die Professorin für Linguistik aus Rom erlebte den Anfang der Revolution in Syrien während eines Studienaufenthalts mit. Sie fuhr immer wieder hin, um sich an verschiedenen Projekten zu beteiligen. Erst in Syrien, als es jenseits der Grenze zu gefährlich wurde, auch im türkischen Kilis. Sie schuf "Bait Al Amal" (Haus der Hoffnung), baute ein Bildungszentrum mit Schwerpunkt Sprachen auf. 250 Kinder, die keinen Platz in den regulären Schulen haben, lernen dort in einem Übergangsprogramm über zwei Monate lesen und schreiben. Hinzu kommt ein langfristig angelegtes Schulprogramm für rund 100 Kinder. Chiari richtete zugleich eine Bibliothek mit 3000 arabischen und ebenso vielen englischen Büchern ein. Um alles zu finanzieren, gründete sie den Verein Amal for Education, der Spendenveranstaltungen und Freiwilligenarbeit zusammenbringt.

Isabella Chiari nutzt vor allem ihre Forschungssemester für die Arbeit in Kilis.
Isabella Chiari nutzt vor allem ihre Forschungssemester für die Arbeit in Kilis.

Bei vielen der Kinder, die zu Chiari kommen, ist der Krieg nur ein indirekter Grund für ihre Bildungsnot. In Kilis bleiben vor allem die ärmsten unter den Flüchtlingen. Die Wohlhabenden aus gebildeten Schichten zieht es in die größeren türkischen Städte oder gar nach Europa.

Viele Kinder im Verein Chiaris sind auch in den Vorkriegszeiten nie zur Schule geschickt worden. Das wurde nicht als problematisch wahrgenommen, weil ihre berufliche Zukunft als Bauern oder einfache Arbeiter vorbestimmt erschien. "Jetzt sind die Kinder vollkommen abgekoppelt von ihrer ursprünglichen Umgebung und werden vielleicht nie zurückkehren", sagt Chiari. "Sie sind verloren, wenn sie nichts lernen."

Dahi und Chiari setzen alles daran, den Kindern eine Zukunft zu bieten. Doch was für die türkische Regierung gilt, gilt erst recht für sie. Die große Zahl überfordert. Chiari nutzt ihre Forschungssemester, um für ihr Projekt zu arbeiten. Und weil die Spendengelder durch ihren Verein nicht immer reichen, hat sie Kredite aufgenommen, um Lücken zu füllen. Dahi wiederum verfügt in Deutschland schon über eine bescheidene Prominenz, weil seine Geschichte auch eine Geschichte der Aufopferung ist. Er war einst Geschäftsmann, betrieb einen Limousinen-Service und machte Millionen von Euro damit, so etwas wie ein Babysitter für die adeligen Eliten Saudi-Arabiens zu sein, wenn diese in Deutschland auf Einkaufstour gingen oder Ärzte besuchten.

Von den Millionen ist mittlerweile nichts mehr geblieben. Dahi gab alles auf, um es in seine Arbeit in der Türkei zu stecken. "Ich musste das machen", sagt er - wieder einmal. Jetzt ist er gezwungen, über jede Lira, die er ausgibt, sehr genau nachzudenken.

Quelle: n-tv.de

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