Politik
In Istanbul leben mehr als 400.000 Flüchtlinge aus Syrien.
In Istanbul leben mehr als 400.000 Flüchtlinge aus Syrien.(Foto: REUTERS)
Montag, 26. Oktober 2015

Ein paar Lira zu viel zum Sterben: Istanbul ist der Flüchtlings-Limbus

Von Issio Ehrich, Istanbul

Erdoğan leistet Enormes, um Flüchtlinge aus Syrien zu versorgen. Die meisten Syrer bleiben allerdings nicht in der Türkei, weil es ihnen dort so gut ginge. Auf Istanbuls Straßen zeigt sich: Sie sind Gefangene.

Die Rettungswesten fallen auf. Die orangefarbenen und roten Teile hängen zwischen weißen Unterhosen und braunen Socken im Viertel Aksaray, mitten in Istanbul. Die Metropole ist nicht gerade für ihre Qualitäten als Badeort bekannt.

Ali Ibrahim besucht seinen Freund Marwan Barkelo im Istanbuler Viertel Aksaray. Der lebt verhältnismäßig luxuriös, muss sich das Schlafzimmer nur mit vier anderen Flüchtlingen teilen.
Ali Ibrahim besucht seinen Freund Marwan Barkelo im Istanbuler Viertel Aksaray. Der lebt verhältnismäßig luxuriös, muss sich das Schlafzimmer nur mit vier anderen Flüchtlingen teilen.(Foto: Issio Ehrich)

Vor den Westen stehen Flüchtlinge aus Syrien. Sie drehen die verschiedenen Modelle hin und her, tuscheln. Etliche Syrer machen sich von hier aus auf den Weg über das Mittelmeer. Für die mit Abstand meisten allerdings bleibt es beim Hin- und Herdrehen der Westen, beim Tuscheln.

In der Türkei stecken Flüchtlinge in einer Art Limbus fest, in einer Sphäre zwischen der Hölle des syrischen Bürgerkriegs und der Verheißung Europa. Sie können nicht zurück in ihre Heimat, weil sie dort vom IS massakriert oder von Fassbomben des Regimes zerfetzt werden. Und sie können nicht nach Europa. Geld für die Überfahrt haben nur die Privilegierten unter den Flüchtlingen. Die übrigen darben in der Türkei vor sich hin - ausgegrenzt, illegal und ohne Aussicht auf Besserung. In Istanbul zeigt sich ihr Leid besonders deutlich.

Die völlige Aufgabe der Selbstständigkeit

Vor einer Metrostation, ein paar Hundert Meter von den Geschäften mit Schwimmwesten entfernt, sitzt Ali Ibrahim. Der 23-Jährige aus Aleppo lebt schon seit drei Jahren in der Türkei. "Die ersten Tage waren ein Alptraum", sagt er. Ibrahim schlief in Parks, aß, was er finden konnte, und fror. In eines der Flüchtlingslager ist er trotzdem nicht gegangen. Und dafür hat er, wie so viele andere Flüchtlinge, gute Gründe.

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Weltweit bekommt die Türkei viel Lob für seine gigantischen Zelt- und Containerstädte. Zu Recht. Einige bieten mehr als 20.000 Menschen Schutz und sind trotzdem perfekt organisiert. Es gibt ausreichend Lebensmittel, Krankenstationen und Schulen. Man kann die Türkei kaum genug dafür loben. Das Problem ist nur: Von den rund 2,5 Millionen Flüchtlingen im Land leben nur 250.000 in den Camps der türkischen Katastrophenschutz-Behörde (Afad). Warum? Die meisten Lager sind voll. Wer sich unter Flüchtlingen, die in Grenzstädten wie Kilis, Suruç oder Reyhanli auf den Straßen schlafen, umhört, erfährt immer wieder, dass sie schlicht keinen Platz bekommen haben. Der Hauptgrund, dass viele die Camps meiden, ist aber ein anderer: Das Leben dort bedeutet die völlige Aufgabe der Selbstständigkeit.

Türkische Flüchtlingscamps wirken wie Hochsicherheitsgefängnisse. Internationale Hilfsorganisationen und Journalisten dürfen die mit Mauern, Gittern und Stacheldraht umzäunten Anlagen nur in Ausnahmefällen betreten. Flüchtlinge wiederum, die dort einen Platz bekommen haben, dürfen sie nur nach einem Antrag und unter Angabe eines Grundes verlassen. Besuch ist verboten.

Ali Ibrahim lässt seinen Blick über den zentralen Platz in Aksaray schweifen, auf dem mehr Syrer als Türken flanieren. Allein in der Metropole am Bosporus leben mehr als 300.000, einigen Schätzungen zufolge sogar 400.000 Syrer. Dann nennt er seinen Grund, nicht ins Camp zu gehen. Und auch der hat viel mit Selbstständigkeit zu tun. "Meine Eltern sind noch in Syrien", sagt Ibrahim. "Ich muss arbeiten, damit ich ihnen Geld schicken kann." Flüchtlinge in der Türkei haben keine Arbeitserlaubnis. Und nur wer außerhalb der Camps lebt, kann sich darüber hinwegsetzen.

Rechte gibt es in der Illegalität nicht

Mit den neuen Flüchtlingen ist der ohnehin schon große Markt für Schwarzarbeit in der Türkei explodiert. Für Menschen wie Ibraim ist das der einzige Weg, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Genug ansparen, um nach Europa zu reisen, können aber auch dann die wenigsten. Die Arbeitsbedingungen sind prekär und werden immer prekärer.

Silêman Hasan (2. v.r.) nutzt den Namen eines Türken, um seinen Salon in Yenibosna betreiben zu können.
Silêman Hasan (2. v.r.) nutzt den Namen eines Türken, um seinen Salon in Yenibosna betreiben zu können.(Foto: Issio Ehrich)

Ibrahim schüttelt den Kopf, macht ein Schnalzgeräusch. "Anfangs hab ich zehn Lira für eine Rasur bekommen, jetzt nur noch sieben", sagt der gelernte Barbier. Das sind kaum drei Euro. In Istanbul könnte Ibrahim sich dafür eine Tasse türkischen Kaffee kaufen. Weil sie illegal arbeiten, können sich Flüchtlinge in der Türkei nicht gegen die Ausbeutung durch ihre Arbeitgeber wehren.

Die große Zahl neuer Flüchtlinge lässt die Löhne sinken und gleichzeitig die Mieten steigen. Ibrahim muss sich ein Zimmer mit acht anderen Flüchtlingen teilen. In dem heruntergekommenen Raum ist nur dann genug Platz zum Schlafen, wenn sich einige längs und andere quer hinlegen. Ibrahim kann sich womöglich aber auch dieses Zimmer bald nicht mehr leisten. Er hat gerade seinen Job verloren. Und er weiß nicht, wann er einen neuen findet. Kündigungsfristen oder Lohnfortzahlungen gibt es in der Illegalität nicht. Seinen Eltern kann Ibrahim schon lange kein Geld mehr schicken.

Ein Leben unter fremdem Namen

Um sich der Abhängigkeit wankelmütiger, schlimmstenfalls erpresserischer Arbeitgeber zu entziehen, machen sich viele syrische Flüchtlinge selbstständig - zumindest so gut es geht. Sie bezahlen einen Türken dafür, dass sie in seinem Namen ein Restaurant oder einen Laden eröffnen können. Doch auch diese Quasi-Selbständigkeit macht das Leben nur geringfügig leichter.

"Ich sehe hier keine Zukunft mehr", klagt Silêman Hasan (Name geändert), der aus Afrin nordwestlich von Aleppo stammt. Der 30-Jährige blickt sich in seinem Herrensalon im Istanbuler Bezirk Yenibosna um. Die Wände sind mit Bildern von Wäldern und Jagdszenen verziert. Über der Kasse hängen Pfeile und ein Bogen. Hasan arbeitet an sieben Tagen in der Woche - jeweils 12 bis 14 Stunden. Trotz all der Mühe kommen nicht genug Kunden. Er verdient knapp 1000 Lira im Monat. Allein die Miete für seine Wohnung liegt aber schon bei 700 Lira. Mit dem Rest muss er seine Frau, zwei Kinder und seinen schwerkranken Bruder versorgen. Hasan sagt nur: "Zumindest müssen wir nicht betteln." Er spielt auf die syrischen Kinder an, die zu Mikrolöhnen in Textilfabriken schuften oder in zerfetzten Klamotten durch Geschäftsstraßen laufen und Taschentücher an Touristen verkaufen. Die Hilfsorganisation Association for Solidarity with Asylum Seekers (ASAM) schätzt, dass nur 30 Prozent der syrischen Kinder in Istanbul in die Schule gehen. Noch schlimmer als die Kinder sind nur die jungen Syrerinnen und Syrer dran, die aus Verzweiflung ihre Körper zur Ware machen.

Die Türkei bleibt politisch instabil

Ska Keller, Abgeordnete und Mitglied in der Türkeidelegation des Europäischen Parlaments, sagt: "Die syrischen Flüchtlinge brauchen dringend die Erlaubnis, zu arbeiten." Da das allein wohl wenig an den niedrigen Löhnen ändern würde, fügt sie hinzu:  "Die Türkei braucht einen funktionierenden und existenzsichernden Mindestlohn und die Möglichkeit, diesen auch einzufordern."

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Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat die Flüchtlinge mit großer Geste im Land willkommen geheißen. Dafür sind ihm trotz der prekären Lage viele Syrer dankbar. Erdoğan hat sie allerdings nur als vorübergehende "Gäste" eingeladen. Die Türkei vergibt keinen Flüchtlingsstatus im Sinne der Genfer Konventionen. Erst nach und nach fängt das Land an, sich darüber Gedanken zu machen, die Menschen in die türkische Gesellschaft zu integrieren. Konzepte für einen beschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt liegen bereit, sind aber noch nicht beschlossen. Und nur sehr langsam entstehen arabischsprachige Schulangebote für die vielen syrischen Kinder. Ob große Reformen in absehbarer Zeit möglich sind, ist ungewiss. Am 1. November sind in der Türkei Neuwahlen, nachdem im Juni keine regierungsfähige Mehrheit zustande kam. Umfragen lassen erahnen, dass es auch danach keine echte politische Stabilität geben wird.

Europa schaut weg

Die Grüne Keller räumt ein, dass es selbst mit dem besten System eine große Herausforderung sei, so viele Flüchtlinge zu versorgen, wie es die Türkei tut. Sie fordert Resettlement-Programme, um Flüchtlinge in EU-Länder zu bringen, die bisher noch nicht viele Flüchtlinge aufgenommen haben. Doch die EU geht eher einen anderen Weg.

Kanzlerin Angela Merkel besuchte am Sonntag vor einer Woche den türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu und Staatschef Erdoğan. Sie lotete in Istanbul vor allem Wege aus, um Flüchtlinge in der Türkei zu halten. Sie sprach zwar auch von Resettlement-Programmen, doch bisher konnten sich die EU-Staaten nicht einmal untereinander darauf einigen, Flüchtlinge gerecht zu verteilen.

Auf dem zentralen Platz in Aksaray wird es dunkel und der Ruf des Muezzin ertönt. Ali Ibrahim sagt: Wenn er das Geld irgendwie auftreiben könnte, würde er sofort nach Europa gehen. Die Schleuser in der Küstenstadt Izmir machen gerade Sonderangebote. Die ersten Herbststürme kommen schließlich und das Mittelmeer wird unruhig. Steigende Gefahr, niedrigerer Preis – so die Devise. Trotz Winterrabatts und selbst, wenn er auf eine der orangefarbenen Schwimmwesten verzichten würde, kann Ibrahim sich die Fahrt aber nicht leisten. Armut hält ihn von der Flucht ab, nicht die Angst. "Ich bin in Syrien eigentlich schon dreimal gestorben", sagt Ibrahim. Das erste Mal, als eine Bombe auf sein Haus fiel. Er lag stundenlang unter den Trümmern und atmete Staub. Das zweite und dritte Mal erwischte ihn beinahe ein Scharfschütze. Ibrahim denkt noch einen Moment über den Tod nach. Dann sagt er: "Hier leben wir doch auch nicht."

Quelle: n-tv.de

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