Politik
Juncker sprach als einer der drei Vertreter der EU - vor allem aber als Freund des Verstorbenen.
Juncker sprach als einer der drei Vertreter der EU - vor allem aber als Freund des Verstorbenen.(Foto: dpa)
Samstag, 01. Juli 2017

"Europe at its best!": Juncker erzählt, wie Kohl einmal weinte

Von Hubertus Volmer

Mehrere Redner erinnern beim Trauerakt für Helmut Kohl in Straßburg an seine Leistungen als Staatsmann. Einige berichten auch von persönliche Erinnerungen. Für Bill Clinton geht es dabei vor allem ums Essen.

Am Ende wirkt die Atmosphäre, wie man sie häufig bei Beerdigungen erlebt. Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht mit dem russischen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron umarmt SPD-Chef Martin Schulz. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton begrüßt zahlreiche Trauergäste. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu unterhält sich mit dem britischen Ex-Premier John Major. Sogar Selfies werden gemacht, vor allem mit Clinton und Macron.

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Unmittelbar zuvor hatten Soldaten des Wachbataillons der Bundeswehr den Sarg mit dem Leichnam von Helmut Kohl aus dem Europaparlament getragen. Acht Redner hatten das Lebenswerk des Altkanzlers gewürdigt. Am Schluss wurden die deutsche und die europäische Hymne gesungen.

Es war das erste Mal, dass die EU einen Verstorbenen auf diese Weise würdigte: mit einer Art Staatsakt, auch wenn die Europäische Union natürlich kein Staat ist – "Trauerakt" wurde die Zeremonie daher genannt. Einen Staatsakt in Deutschland wollte Kohl nicht.

"Es war sein Wunsch, hier in Straßburg Abschied zu nehmen", sagt EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in seiner Rede. "Die heutige Trauerfeier ist nicht nicht-deutsch, sie ist europäisch, also auch deutsch." Juncker war Kohl jahrzehntelang freundschaftlich verbunden. "Es spricht hier nicht der Kommissionspräsident", sagte er, "sondern ein Freund, der Kommissionspräsident wurde".

"Ausnahmsweise bat er um das Wort"

In der ersten Reihe im Plenarsaal des Europaparlaments sitzt Kohls Witwe Maike Kohl-Richter zwischen Juncker und Parlamentspräsident Antonio Tajani. Der Italiener hält, wie auch EU-Ratspräsident Donald Tusk, ebenfalls eine Rede. Auf Wunsch der Witwe sprechen zudem Clinton, Medwedew und der frühere spanische Ministerpräsident Felipe González, der fast solange Regierungschef war wie Helmut Kohl: von 1982 bis 1996.

In vielen dieser Reden geht es nicht nur um den Staatsmann, sondern auch um den Menschen Kohl. Juncker erzählt, er sei wahrscheinlich "der Einzige in diesem Saal, der Helmut Kohl während einer Sitzung hat weinen sehen". Dies sei am 13. Dezember 1997 gewesen, als der Europäische Rat die Erweiterung der EU nach Mittel- und Osteuropa beschlossen habe.

Angela Merkel begrüßt Maike Kohl-Richter.
Angela Merkel begrüßt Maike Kohl-Richter.(Foto: dpa)

"Während des Mittagessens bat Helmut Kohl um das Wort – ausnahmsweise bat er um das Wort, weil, normalerweise hat er sich das Wort genommen. Er bat um das Wort während des Mittagessens und sagte mit tränenerstickter Stimme, dass dieser Tag des Auftaktes der Beitrittsverhandlungen zu den schönsten Momenten seines Lebens gehörte. Dass er als deutscher Bundeskanzler diesen historischen Augenblick des zusammenwachsenden Europas erleben dürfe, erfüllte ihn im Innersten mit großer Bewegung – nach all dem, so sagte er, Unheil, das Deutschland über Europa gebracht hatte. Und dann wurde er still, in sich ruhend, und hat lange Minuten geweint. Er war nicht der Einzige. Niemand hat sich seiner Tränen geschämt. Europe at its best!"

Gegen Ende seiner Rede wechselt Juncker ins Französische und spricht Macron an. Kohl habe kein Französisch gesprochen, aber alles über die Geschichte Frankreichs gewusst. Wie mehrere Redner erinnert Juncker an das legendäre Bild von Helmut Kohl und dem damaligen französischen Staatspräsidenten Franςois Mitterrand, 1984 Hand in Hand an den Gräbern von Verdun. Dort hätten sie für immer "die Brüderlichkeit von Frankreich und Deutschland besiegelt".

Zum Schluss wendet sich Juncker, wieder auf Deutsch, an Kohl. "Versprich mir, dass du im Himmel nicht sofort einen neuen CDU-Ortsverein gründest. Du hast genug getan für deine Partei, für dein Land, für unser gemeinsames Europa."

"Ich habe diesen Kerl geliebt", sagt Clinton

Auch Clinton würdigt Kohl als Freund und Staatsmann. Er habe "diesen Kerl geliebt". Seine Frau Hillary habe immer gesagt, das liege daran, "dass er noch lieber aß als ich", scherzt der Ex-Präsident. Aber seine Zuneigung zu Kohl sei weit über das Essen hinausgegangen. Kohl habe sich für eine Welt eingesetzt, in der kein Staat einen anderen dominiert. "Kohl war gern Deutscher", so Clinton, "er hat versucht, mich dazu zu bewegen, Dinge zu essen, die ich nicht essen wollte. Aber er war auch gerne Europäer."

Medwedew sagt, Kohl habe nicht nur die deutsche und europäische Einheit angestrebt, sondern auch Russland als Partner gesehen. Heute gebe es überall auf der Welt "ideologische Reste der Berliner Mauer". Dennoch bleibe das Ziel ein gemeinsames, sicheres Europa. "Helmut Kohl hat in schwierigeren Zeiten als denen, in denen wir heute leben, gezeigt, dass dieses Ziel erreichbar ist."

Für seine Generation sei Kohl schon Teil der europäischen Geschichte, sagt Macron. Auch er erinnert an das gute Verhältnis Kohls zu Mitterand. In den 1980er Jahren, als Frankreichs wirtschaftspolitische Entscheidungen manche Nachbarn "verwundert" hätten, habe Kohl Frankreich vertraut. Zugleich hebt Macron hervor, dass auch er selbst eng mit Deutschland und Bundeskanzlerin Merkel zusammenarbeiten wolle. Auf Deutsch zitiert er Kohl: "Wir haben heute überhaupt keinen Anlass zur Resignation. Wir haben vielmehr Grund zu realistischem Optimismus."

Merkel verneigt sich "in Dankbarkeit und Demut"

Die Kanzlerin schließlich als letzte Rednerin sagt, Kohl habe Pflöcke eingeschlagen, "die bis heute Halt bieten". Dass Ost- und Westeuropa vereint seien, dass es keine Grenzkontrollen zwischen den EU-Staaten gebe, dass die meisten EU-Staaten eine gemeinsame Währung hätten, "das ist und bleibt wesentlich mit dem Namen Helmut Kohl verbunden".

Viele hätten sich an Kohl abgearbeitet und gerieben. "Viele von uns, auch ich, können davon erzählen. Doch dass tritt zurück hinter dem überragenden Lebenswerk." Merkel erinnert an Kohls Tischrede beim Besuch des damaligen DDR-Staatschefs Erich Honecker in Bonn. Damals habe Kohl gesagt: "Die Menschen in Deutschland leiden unter der Trennung. Sie leiden an einer Mauer, die ihnen buchstäblich im Wege steht und die sie abstößt. Wenn wir abbauen, was Menschen trennt, tragen wir dem unüberhörbaren Verlangen der Deutschen Rechnung: Sie wollen zueinander kommen können, weil sie zusammengehören." Diese Worte "gaben uns in der DDR Kraft", so Merkel.

Merkel erwähnt in ihrer Rede auch Kohls erste Frau Hannelore, die sich 2001 das Leben nahm. Sie habe Kohl immer unterstützt. "Wir gedenken auch ihrer in Dankbarkeit." Dann richtet sie sich an Kohls Witwe Maike Kohl-Richter. "Ihnen gehört mein Mitgefühl und allen, die in Helmut Kohls Familie um ihn trauern." Kohls Verhältnis zu seinen Söhnen war zerrüttet.

Als schwierig galt auch Merkels Beziehung zu Kohl; Merkel hatte die CDU 1999 aufgerufen, sich wegen der Spendenaffäre von Kohl zu lösen. "Dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil", sagt Merkel nun. "Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben. … Danke für die Chancen, die wir als Deutsche und Europäer durch Sie erhalten haben", so Merkel. "Ich verneige mich vor Ihnen und Ihrem Andenken in Dankbarkeit und Demut."

Im Anschluss an die Trauerfeier in Straßburg wird der Sarg mit Kohls Leichnam nach Speyer gebracht. Im dortigen Dom findet am Abend eine Messe für Kohl statt. Beigesetzt wird Kohl in Speyer.

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Quelle: n-tv.de

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