Politik
Bundeskanzlerin Merkel und US-Präsident Trump loten im Oval Office ihre Gemeinsamkeiten aus.
Bundeskanzlerin Merkel und US-Präsident Trump loten im Oval Office ihre Gemeinsamkeiten aus.(Foto: AP)
Samstag, 18. März 2017

Der Präsident macht einen Witz: Themen-Hopping im Ruckzuck-Stil

Von Christian Wilp, Washington

Besuch der Bundeskanzlerin im Weißen Haus. Wenn die Medien der USA schon selbst nichts zum Abhörskandal fragen können oder wollen, dann wird das eben von den Gästen erledigt. Ehrensache.

Schlangestehen vor dem Oval Office. Gleich geht's rein zu Merkel und Trump. Allgemeine Anspannung. Neben mir: Joe Johns von CNN. Was er denn fragen wolle, frage ich. Zum Abhörskandal, sagt Johns, das sei das Topthema in den USA. Die Mitarbeiterin aus dem Pressestab Trumps hört interessiert zu - und warnt ihre Leute umgehend per SMS. "CNN will nach Abhöraffäre fragen", schreibt sie - und lässt Johns nicht mehr aus den Augen. Als der im Oval Office tatsächlich seine Frage ruft, war's das. "Thank you!" Der Pressetermin wird abrupt beendet, Johns aus dem West Wing ins Freie geleitet.

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Die Szene ist symptomatisch für das Verhältnis der neuen Trump-Administration zur Presse. Und auch für die angespannte Stimmung im Weißen Haus selbst. Auf Merkels Agenda für diesen Tag steht alles mögliche. Außenhandel, Nato, EU, IS, Syrien und Russland beispielsweise. Aber ganz sicher nicht der Rummel ums Abhören in den USA. Trump hatte behauptet, Obama habe ihn ausspioniert. Dafür aber keinen einzigen Beweis liefern können. Merkel hingegen ist tatsächlich von der NSA abgehört worden. Als die Frage nach dem möglichen Abhörskandal Trumps in der Pressekonferenz aufgeworfen wird, und zwar von deutscher Seite, rettet sich Trump mit einem Joke. "Da haben wir etwas gemeinsam", feixt er mit Blick auf Merkel. Die gönnt sich, mit Verspätung, eine schiefe Grimasse. Aber wohl nur deshalb, um nicht als einzige zu erscheinen, die den Witz nicht kapiert.

Merkel und Trump. Zwei Welten treffen aufeinander. Pfarrerstochter aus der Ostzone. Immobilientycon aus New York. Geprüfte Politikerin und Politik-Praktikant. Das muss kein Nachteil sein. Aus Regierungskreisen wird anschließend verbreitet: Das Treffen ist gut gelaufen. Keine langatmigen und strategisch ausgefeilten Monologe wie noch bei Obama, sondern eher Themen-Hopping im Ruckzuck-Stil. Punkt auf Punkt, Schlag auf Schlag, alles abgehakt.

Trump will "faire Lastenteilung"

Man kommt flott voran und sieht schnell, wo noch weite Diskussionsfelder bestehen, die dann, gewissermaßen als Mitbringsel der Fahrt, von den Mitarbeitern beackert werden müssen. Beispiel Nato. In der Pressekonferenz lobt Trump seinen Gast. Deutschland leiste viel, etwa in Afghanistan, könne aber noch viel mehr tun. Zwei Prozent des Sozialprodukts für die Verteidigung, das sei keine Zumutung, sondern eine "faire Lastenteilung". Merkel räumt ein: Da gibt es Nachholbedarf. Bis 2024 sollen die zwei Prozent tatsächlich erreicht werden, das sei seit Jahren Beschlusslage der Großen Koalition. Was sie nicht sagt, aber weiß: Dieses Thema dürfte kein Wahlkampfschlager werden. Aber das ist ihr offenkundig wurscht. 

Beispiel Freihandel. Trump gibt zu verstehen, dass die USA sich angesichts des gewaltigen Außenhandelsdefizits von einigen Ländern übers Ohr gehauen fühlen. Merkel sieht das erkennbar nicht als ihr Problem an, preist hingegen die Vorzüge des freien Handels und lädt Trump ein, die totgesagten Verhandlungen über TTIP wieder zu beleben. Davon hätten am Ende alle etwas - will sagen, auch Trumps Wähler im Rust Belt der USA. Solcherlei Argumenten steht der Dealmaker Trump grundsätzlich nicht abgeneigt gegenüber. Gibt's eventuell einen Vorteil für ihn, zählen alte Ankündigungen wenig, sondern eher das Ergebnis. Hier geht die Tür wieder einen Spalt breit auf.

Jeder vertritt seine Interessen

So ist ein Muster zu erkennen. Trump zeigt sich meinungsstark und rauflustig, aber nicht stur und für alle Zeiten festgelegt. Alles, was Jobs schafft und Amerika stärkt, nimmt er gerne mit. Er ist, wie er selbst sagt, kein Isolationist, der Amerika ins Abseits führen will, sondern in erster Linie ein Interessenwahrer der USA. Make America great again! Damit kann Merkel leben. Ihr geht es umgekehrt um die Interessen Deutschlands. "Fair" ist eine Vokabel, die sie ebenfalls bemüht.

Bei einem Thema macht Trump an diesem Tage allerdings dicht. Zum Thema Abhören will er lieber gar nichts sagen. Bei der Pressekonferenz hat jede Seite jeweils zwei Fragen. Trump ruft bewährte Fragesteller auf, die ihm schöne Stichworte liefern. Obamacare beispielsweise. "Ein Desaster", sagt Trump. Die Demokraten würden ihm noch dankbar sein, wenn er die seiner Ansicht nach total missglückte Gesundheitsreform bald wieder abschafft.

Unbehagen beim Abhörskandal

Die deutschen Fragen hat Trump nicht unter Kontrolle. Wie immer wird im Kollegenkreise kurz besprochen, wer fragt und worum es gehen sollte. Dem deutschen Regierungssprecher werden dann die beiden Fragesteller mitgeteilt. Nicht mitgeteilt werden die Fragen. Und wenn die Medien der USA schon selbst nichts zum Abhörskandal fragen können oder wollen, dann wird das eben von den Gästen erledigt. Ehrensache.

Joe Johns und viele seiner Kollegen freuen sich, dass der Präsident, trotz aller Bemühungen, dem Thema nicht ausweichen kann. Zwar hat Trump am Ende nichts gesagt. Aber er hat offenbart, wie er tickt. Von einer freien Presse hält er offenkundig nicht viel. Und er leistet sich auch gern einen Witz auf Kosten seines Gastes. Dass er damit die Bundeskanzlerin brüskiert, bekommt er gar nicht mit. Oder es ist ihm egal.

Quelle: n-tv.de

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