Politik

Person der Woche: "Ich töte, wie ich Hühner schlachte"

Von Wolfram Weimer

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram beherrscht mit immer grausameren Massenmorden die Weltschlagzeilen. Im Grenzgebiet Nigerias, Kameruns und Nigers entsteht ein neues Kalifat nach IS-Vorbild. Doch wer ist der Kalif?

Sein Name lautet Abubakar Shekau, und er gilt als derzeit grausamster Mann Afrikas. Als Anführer der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram überzieht er den Norden Nigerias und Kameruns mit einer Terrorherrschaft nach dem IS-Vorbild in Syrien. Sein Markenzeichen ist gesteigerte Grausamkeit - insbesondere an Schülern, Studenten und Christen. Der Name seiner Terrortruppe "Boko Haram" bedeutet übersetzt "westliche Bildung (in der Hausa-Sprache wörtlich: Bücher) ist Sünde".

"Mir macht es Spaß, jeden zu töten, den Gott mich zu töten beauftragt", sagt Abubakar Shekau.
"Mir macht es Spaß, jeden zu töten, den Gott mich zu töten beauftragt", sagt Abubakar Shekau.(Foto: AP)

Die Bühne der Weltöffentlichkeit betrat er, als er 200 Schülerinnen verschleppen, foltern, vergewaltigen und in die Sexsklaverei verkaufen ließ - nur weil sie zur Schule gingen. In einem Videoclip erklärte er hernach ebenso sadistisch wie triumphal: "Ich habe eure Mädchen entführt. Und ich werde sie mit Allah verkaufen." Unter der Führung Shekaus ist Boko Haram militärisch erfolgreicher als die meisten andern islamistischen Terrorgruppen der Welt. Sein Ziel ist der Aufbau eines großräumigen Kalifats im Herzen Afrikas - im Vierländer-Raum Niger, Tschad, Nigeria und Kamerun. Offiziell rief er das Kalifat im August 2014 aus, seither expandiert der "Gottesstaat" mit neuer Dynamik - nach Geheimdienstinformationen offenbar mit Geld aus arabischen Quellen. Seine Terrorbanden haben mittlerweile ein Gebiet von der Größe halb Deutschlands unter ihrer Kontrolle, mehr als eine Million Menschen sind vertrieben.

Am 1. Januar 2012 gab Boko Haram den im Norden Nigerias lebenden Christen drei Tage Zeit, die muslimisch geprägten Gebiete des Landes zu verlassen und kündigte an, nach Ablauf der Frist gezielt Christen zu töten. Seither werden Christen und ihre Kirchen systematisch attackiert und massenhaft ermordet. Der Terrorfürst animiert seine Kämpfer auch zu "Drive-By-Shootings", bei denen aus fahrenden Autos und von Motorrädern wahllos in Menschenmengen - vorwiegend Christen - gefeuert wird. Alleine im Jahr 2014 wurden offiziell 7711 Tote bei Anschlägen von Boko Haram gezählt. Christen werden nicht nur in Kirchen angegriffen und umgebracht, auch Schulen und Universitäten sind häufige Attentatsziele. In einem Studentenwohnheim am Campus der Universität Federal Polytechnic von Mubi kam es zur Ermordung von mindestens 26 Menschen, weil es bei der Wahl zur Studentenvertretung einen christlichen Wahlsieger gegeben hatte.

Schwangere während der Geburt ermordet

Seit einigen Monaten betreibt Boko Haram religiöse Gebietssäuberungen mit systematischen Tötungen. So griffen am 15. Februar 2014 rund 100 Boko-Haram-Kämpfer das christliche Dorf Izghe an. Sie versammelten die Männer des Dorfes und töteten sie mit Macheten und Schusswaffen, anschließend gingen sie von Tür zu Tür und töteten alle, die sie antrafen. Der fünf Stunden dauernde Angriff auf das Dorf kostete 146 Einwohner das Leben. Seither wird Dorf um Dorf attackiert, um das Kalifat islamisch "rein" entstehen zu lassen.

Zum Jahresauftakt kam es zu einem Massaker im Dorf Baga mit hunderten von hingeschlachteten Einwohnern. Amnesty International berichtet, dass Boko-Haram-Kämpfer wahllos auf Kinder geschossen und sogar eine schwangere Frau während der Entbindung getötet haben. "Sie starb, als der kleine Junge schon halb geboren war", so die Menschenrechtsorganisation. Hunderte von Frauen seien seither zudem verschleppt worden.

Nach Angaben des Terrorism Research & Analysis Consortium (TRAC) wird Abubakar Shekau von örtlichen Quellen einmal als "religiöser Intellektueller", dann wieder als "Gangster", vor allem aber als "mad leader" und perverser Gewalttäter beschrieben. Es kursiert in Nigeria auch die Information, Shekau sei in den 90er-Jahren in der psychiatrischen Anstalt von Maiduguri in Behandlung gewesen. Ein lokaler Journalist namens Ahmed Salkida, der direkten Kontakt zu Boko Haram haben soll, berichtet, Shekau sei hochintelligent, eher schweigsam und verfüge über ein fotografisches Gedächtnis. Als sein Vorgänger und Boko-Haram-Sektengründer Muhammad Yusuf getötet wurde, heiratete Shekau - nach Informationen von BBC - eine von dessen vier Frauen und adoptierte die Kinder. Damit stellte er sich in eine dynastische Tradition und dokumentierte den Führungsanspruch innerhalb von Boko Haram.

Shakau hat seine Position bei Boko Haram offenbar durch besondere Grausamkeit und Fanatismus erworben. Nach einem seiner Attentate in der Stadt Kano, bei dem mehr als 180 Menschen getötet wurden, verkündete Shekau in einem Bekennervideo: "Mir macht es Spaß, jeden zu töten, den Gott mich zu töten beauftragt - genauso wie ich gerne Hühner und Schafe schlachte."

Der aus Niger stammende Shekau wird von seinen Mitstreitern als Führer und Imam anerkannt. Seit dem Juni 2012 steht er auf der offiziellen Liste der US-Regierung für die gefährlichsten Terroristen der Welt. Zudem hat Washington seit einiger Zeit eine Belohnung von bis zu 7 Millionen Dollar für Informationen über seinen Aufenthalt ausgesetzt. In seinen Videobotschaften erklärt Shekau seinen Verfolgern zuweilen, er könne nicht gestoppt werden, sondern nur durch den Willen Allahs sterben. Nigerias Polizei hat Shekau mehrfach fälschlicherweise für tot erklärt. Ein im Oktober 2014 von der Nachrichtenagentur AFP veröffentlichtes Video zeigt Abubakar Shekau, wie er sich über die Meldungen des Militärs von seinem angeblichen Tod lustig macht. Seither sind mehrere hundert neue Tote durch Boko-Haram-Terror zu beklagen. Nun hat er sich wieder zu Wort gemeldet und lobt die "Charlie Hebdo"-Attentäter von Paris - als leuchtendes Vorbild auch für sein Kalifat.

Quelle: n-tv.de

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