Sport
Flagge zeigen für die EM: Die Fahnen der beiden Ausrichterländer wehen gemeinsam mit der EM-Fahne vor dem Warschauer Kulturpalast. In der polnischen Hauptstadt wird das EM-Turnier am 8. Juni eröffnet.
Flagge zeigen für die EM: Die Fahnen der beiden Ausrichterländer wehen gemeinsam mit der EM-Fahne vor dem Warschauer Kulturpalast. In der polnischen Hauptstadt wird das EM-Turnier am 8. Juni eröffnet.(Foto: picture alliance / dpa)

Noch 100 Tage bis zum EM-Start: Ein Turnier, zwei Welten

von Christoph Wolf

Am 8. Juni wird in Warschau die Fußball-EM 2012 eröffnet. Die Uefa-Planer präsentieren das Turnier als gemeinsames Fußballfest von Polen und der Ukraine. Doch schon 100 Tage vor dem Anpfiff wird deutlich: Näher zusammenbringen wird die EM die beiden Gastgeber kaum. Der EM-Slogan wurde längst von der Wirklichkeit überholt - und vom Internet.

(Foto: Screenshot www.polishguide2012.pl)

Das Glanzstück der polnischen EM-Vorbereitungen ist eine Website. Wojciech Folejewski, zuständiger Projektmanager bei der Infrastrukturgesellschaft PL.2012, kommt ins Schwärmen, wenn er über die eigens für das Nur Wiese will endlich einmal siegen entworfene Service-Seite spricht. Sie soll, so die Idee, den Fußballfans im Sommer die Reisen zur EM und während des Turniers erleichtern. Einfach die eigene Mannschaft auswählen, schon gibt es Tipps und Hilfen für Anreise, Unterkunftssuche, Transfers zwischen den Spielorten, Tourismusangebote. Die komplette EM-Reiseplanung mit wenigen Klicks auf der Website oder zugehörigen Mobil-App – bei PL.2012 sind sie stolz darauf.

Es gibt nur ein Problem. Für 8 der 16 Fans, die den Besucher auf der Service-Seite buntgeschminkt anlachen, ist das Angebot von PL.2012 nur eines: der ungeschminkte Beweis, dass der offizielle Uefa-Turnierslogan "Creating history together" ("Gemeinsam Geschichte erschaffen") von den Ausrichtern ad absurdum geführt wird. Es sind die Fans jener acht Mannschaften, denen im Dezember 2011 ukrainische Spielorte zugelost wurden, also Lemberg, Kiew, Charkiw und Donezk. Städte, die auf der interaktiven Karte nicht einmal als EM-Spielorte gekennzeichnet sind, in die aber zum Beispiel auch die deutschen Fans reisen werden. Und das, so die allgemeine Erwartung, in beträchtlicher Zahl auch von polnischen Hotels aus.

Wortreiches Schulterzucken

Warum es www.polishguide2012.pl in dieser Form überhaupt gibt statt einer Reise-Plattform für alle EM-Touristen, darüber gehen die Meinungen und Schuldzuweisungen in Polen und der Ukraine auseinander. Fest steht nur: Ein vergleichbares ukrainisches Tool fehlt, eine gemeinsame Variante hätte sich angeboten. Zumal der interaktive Guide auch nicht als dauerhafte polnische Tourismusplattform gedacht ist. Stattdessen, sagt Folejewski, wird er wahrscheinlich schon "Ende August" wieder abgeschaltet. Die Erklärungsversuche bleiben im Prinzip eines: wortreiches Schulterzucken.

Wer bei PL.2012, oder bei Polens Sportministerin Joanna Mucha, Lembergs Bürgermeister Andrej Sadowy oder im Finalspielort Kiew nach dem jeweiligen Co-Gastgeber fragt, der versteht jedoch schnell: Die Fußball-EM 2012 wird kein gemeinsames Turnier in zwei Ländern, sie ist eine EM-Zweckehe in drei Akten: ein polnisches Vorrundenturnier, eines in der Ukraine – und eine gemeinsame K.o.-Phase, die nur noch sieben von 31 EM-Spielen (zum Spielplan) umfassen wird. Tritt der nicht unwahrscheinliche Fall ein, dass beide Gastgeber das Halbfinale verpassen, bleiben ihnen Reisen ins jeweils andere Land erspart.

Wenn Sportministerin Mucha für die gemeinsame EM-Öffentlichkeitsarbeit eine Image-Note verteilen müsste, würde sie eine 2- geben. "Wir könnten noch mehr tun", findet sie. 100 Tage vor dem EM-Start sind beide Ausrichter allerdings vollauf damit beschäftigt, die letzten Kapitel ihrer eigenen EM-Geschichten anzuschieben und umzusetzen, in der Hoffnung auf ein Happy End. Jeder für sich allein, mit einem autarken Organisationskomitee und ganz unterschiedlichen Ressourcen und Voraussetzungen. Aber immer auch mit dem Blick auf den anderen.

"Es ist kein Rennen"

Posen für die Fotografen: Uefa-Präsident Michel Platini (M), der ukrainische Fußballchef Grigori Surkis (l.) und Polens Verbandschef Gregorz Lato 2009 beim gemeinsamen EM-Händedruck.
Posen für die Fotografen: Uefa-Präsident Michel Platini (M), der ukrainische Fußballchef Grigori Surkis (l.) und Polens Verbandschef Gregorz Lato 2009 beim gemeinsamen EM-Händedruck.(Foto: picture alliance / dpa)

Michal Piotrowski, der ebenfalls bei PL.2012 die polnische EM plant, betont zwar: "Es ist kein Rennen, jedenfalls nicht für uns." Aber ist das nicht nur die Sicht des Landes, das auf dem holprigen Weg zur EM 2012 fast immer in Führung lag? Nur beim Bau ihrer EM-Stadien war die Ukraine schneller. Als Piotrowski kurz die Zusammenarbeit mit dem "Partner" beschreiben soll, wiederholt er erst skeptisch-spöttisch "Partner?" Um dann anzufügen: "Lassen sie mich diplomatisch beginnen: Zwei Länder, ein Turnier. Das ist unser Motto, und wir glauben noch immer daran."

Angebahnt wurde die Motto-EM im Frühjahr 2003. Damals hatte, sagt Polens EM-Organisationschef Adam Olkowicz, der ukrainische Fußball-Verbandschef und Oligarch Grigori Surkis die Idee für eine polnisch-ukrainische Bewerbung. Die kulturellen Gemeinsamkeiten der beiden slawischen Länder lagen trotz der phasenweise blutigen Geschichte auf der Hand. Der entscheidende Vorteil auch: Allein hätte keines der beiden Länder jemals eine EM ausrichten können.

(Sport-)politische Hoffnungen

Im Frühjahr 2007 vergab die Uefa das Turnier tatsächlich an Polen und die Ukraine, aus sportpolitischen Gründen, als Dank für die Wahl von Michel Platini zum Uefa-Boss. Als zwei Jahre später der offizielle Turnier-Slogan "Creating history together" präsentiert wurde, schien er auch politisch noch zu passen. Nach der von Polen befürworteten "Orangenen Revolution" im Jahr 2004 war die Ukraine auf Westkurs. Die ewige Sehnsucht, dass ein sportliches Großturnier wie eine gemeinsame Fußball-EM – immerhin das drittgrößte Sportereignis der Welt – der nächste Schritt auf dem Weg zum EU-Beitritt der Ukraine sein würde, schien diesmal nicht unerfüllbar.

Deutschland - Frankreich

ab 20.45 Uhr in Bremen

Deutschland: Wiese - Boateng, Hummels, Badstuber, Schmelzer - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Schürrle - Klose
Frankreich: Lloris - Debuchy, Rami, Mexes, Abidal - M'Vila, Cabaye - Amalfitano, Martin, Ribéry - Giroud
Schiedsrichter: Paolo Tagliavento (Italien)

Zum Vorbericht auf die Partie

Die Hoffnungen auf eine tatsächliche Annäherung beider Länder, deren gemeinsame Geschichte sie mehr trennt als verbindet, haben sich seit den ukrainischen Präsidentenwahlen 2010 deutlich abgekühlt. Seit der pro-russische Viktor Janukowitsch wieder an der Macht ist, sind zwar die EM-Vorbereitungen in Schwung gekommen. Aber die Westorientierung ist dahin. Während sich Polen als ernstzunehmendes EU-Mitglied etabliert, gibt es in der Ukraine eindeutige Defizite an Demokratie und Pressefreiheit, der Einfluss der Oligarchen wächst und nach der umstrittenen Verurteilung von Ex-Premierministerin Julia Timoschenko gibt es wieder politische Gefangene.

Schleichende Entfremdung

Wojciech Janicki, Wirtschaftsgeograph an der Maria-Curie-Sklodowska-Universität in Lublin, ist ein Experte für die polnisch-ukrainische Geschichte. Die neue Entfremdung wird in Details deutlich, eine allgemeine EM-Anti-Stimmung gegen die Ukraine gibt es in Polen trotz neuer Misstöne und nationalistischer Tendenzen im Nachbarland keineswegs, sagt Janicki. Er hegt sogar die vage Hoffnung, die EM könnte Polen und Ukrainer zumindest kurzfristig wieder näher zusammenbringen und den Geist der "Orangenen Revolution" noch einmal aufleben lassen. Die gemeinsame EM-Ausrichtung befürwortet er aus einem anderen Grund: Sie senkt die Anforderungen an Polen, in jeder Hinsicht.

Unterschiedliche Voraussetzungen

Polen investiert offiziell rund 20 Milliarden Euro in die EM-Vorbereitungen. 40 Prozent der Gelder sind EU-Mittel. Der Stand der polnischen EM-Vorbereitungen kann im online einsehbaren EM-Masterplan abgerufen werden.

Die EM-Ausgaben der Ukraine belaufen sich nach Schätzungen auf 12 bis 14 Milliarden Euro, die das Land praktisch alleine finanzieren muss. Einen EM-Aktionsplan hat die Regierung erst im April 2010 aufgestellt. Seitdem wurde er bereits über 30 Mal geändert.

Nicht unangesprochen, aber offiziell lieber unausgesprochen bleibt oft eine andere polnisch-ukrainische EM-Wahrheit: Dass Polen bei den Vorbereitungen auch deshalb vergleichsweise gut dasteht, weil es in der Ukraine immer noch mehr gehakt und geklemmt hat. Nicht nur bei den EM-Ausgaben gibt es eine klare Unwucht zugunsten des wirtschaftlich prosperierenden EU-Mitglieds. Es gibt sie auch bei der Wahl der Mannschaftsquartiere. 13 von 16 EM-Teilnehmern wohnen nicht in der Ukraine, obwohl acht dort spielen.

Es ist dieser eine, einmalige Umstand, der die Ukraine wirklich schmerzt, mehr als alle Horrormeldungen über die Vorbereitungen, sagt der Journalist Mark Rachkevych von der "Kyiv Post". Die öffentliche Absage an das Land ist eine offene Wunde, das kann auch Lembergs Bürgermeister Andrej Sadowy nur schwer verbergen. Polens Turnierdirektor Adam Olkowicz kommentiert sie süffisant: "Das würde mir auch so gehen, wenn es in Polen nur drei Mannschaften geben würde." Warum es genau andersherum ist? Weil Polen den jungen, millionenschweren Fußballern eben jenen Wohlfühlstandard bieten könne, den sie für gute Leistungen brauchen.

Normales Polen, exotische Ukraine

Als Land, in dem man sich auch als Tourist wohlfühlen kann, so möchte sich Polen bei der EM präsentieren und in Erinnerung bleiben: Hier das Die wahre Exotik liegt in Warschau , dort die "exotische" Ukraine, von der nicht klar ist, was sie eigentlich von der EM erwarten darf. Ein Sommermärchen-Effekt und ein nachhaltiger Tourismusboom werden es kaum sein. Michal Piotrowski findet, die Unterschiede im Image beider Länder machen die EM gerade attraktiv für die Fans. Und er arbeitet mit PL.2012 dafür, dass das Bild der Welt von Polen durch die EM noch attraktiver wird. Wojciech Janicki sieht die Sache in Lublin nüchterner als die meisten seiner Landsleute. Ihm würde es genügen, wenn das Image "nicht schlechter wird".

Bei PL.2012 erwartet man mehr als eine Million EM-Touristen, denen sich Polen und seine 38 Millionen Einwohner als guter Gastgeber präsentieren sollen. Ukrainisch ist bei den sechs Sprachoptionen des "Polish Guide" derzeit nicht enthalten, Ende März soll sich das noch ändern. Womöglich empfiehlt sich nicht nur bis dahin, sondern generell eine neue Perspektive auf das EM-Turnier 2012: Die Grenze zwischen Polen und der Ukraine ist 535 Kilometer lang. Das ist eine ziemlich lange Gemeinsamkeit.

Quelle: n-tv.de