Wirtschaft
Der niedrige Ölpreis setzt der US-amerikanischen Ölindustrie zu. Besonders hart trifft es die Fracking-Unternehmen.
Der niedrige Ölpreis setzt der US-amerikanischen Ölindustrie zu. Besonders hart trifft es die Fracking-Unternehmen.(Foto: REUTERS)

China und Griechenland sind harmlos: In den USA lauern größere Risiken

Von Diana Dittmer

Das Auf und Ab am Aktienmarkt wird derzeit fast immer mit den Vorgaben der Börsen in Shanghai und Schenzhen erklärt. Tatsächlich kommen viel größere Gefahren für die Finanzmärkte aus den USA. Dort wackelt der Rentenmarkt.

Der US-amerikanischen Fracking-Industrie geht es dreckig. Ein Fass der Erdölsorte WTI kostet nur noch rund 42 US-Dollar. Das sind fast 60 Prozent weniger als vor einem Jahr. Bei diesem Preisniveau kann kaum ein Produzent, der auf die vergleichsweise neue Fördertechnologie setzt, profitabel arbeiten. Zwar ist die Gewinnschwelle von früher rund 75 Dollar pro Fass mittlerweile auf ungefähr 50 Dollar gesunken. Der Ölpreis notiert aber immer noch fast 20 Prozent darunter. Da die Misere beim Ölpreis schon länger anhält, geht nach und nach immer mehr Unternehmen die Luft aus: Sie können fällige Schulden nicht mehr bedienen und bekommen keine neuen Kredite. Die Ausfallquote von US-Firmen mit schwacher Bonität ist nach Angaben der Ratingagentur Standard & Poors auf 2,2 Prozent gestiegen. Das hört sich nicht bedrohlich an. Es sind aber tatsächlich schon doppelt so viele wie vor 18 Monaten.

Auktion bei einer gestrauchelten Fracking-Firma: Eigentlich sollte der Fracking-Ölboom frühestens 2020 abflachen. Kommt das Ende jetzt doch früher?
Auktion bei einer gestrauchelten Fracking-Firma: Eigentlich sollte der Fracking-Ölboom frühestens 2020 abflachen. Kommt das Ende jetzt doch früher?(Foto: REUTERS)

In diesem Jahr konnten bislang 68 Firmen ihre Zinsen oder Tilgungen nicht fristgemäß bedienen. Fast jeder dritte säumige Gläubiger kommt dabei aus dem Öl- oder Zuliefererbereich. Dies könnte der Anfang einer noch wesentlich heftigeren Pleitewelle am Anleihemarkt sein. Experten prognostizieren einen Anstieg bei der Ausfallquote auf 3 bis 3,5 Prozent bis zum kommenden Frühjahr. Die Aussichten sind düster. Anleger am Anleihemarkt werden bereits unruhig.

Iran treibt Öl-Überangebot

Die Welt schwimmt schon heute in preiswertem Öl: In den USA ist der Fracking-Boom trotz aller Probleme ungebrochen. Die Länder des Opec-Kartells produzieren so viel wie noch nie, allein Irak hat seine Produktion um 50 Prozent, von 4 auf 6 Millionen Barrel, ausgeweitet. Darüber hinaus steht jetzt auch noch der Iran dank des Atomabkommens in den Startlöchern. Die zusätzlichen Ölmengen, die nach dem Ende der internationalen Sanktionen auf den Markt kommen werden, werden den Preis weiter drücken. Schon jetzt gibt es einen Angebotsüberhang: Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris schätzt die globale Produktion von Rohöl gegenwärtig auf 95 Millionen Barrel pro Tag, die weltweite Nachfrage aber nur auf 93 Millionen Barrel.

Kehrt der Iran auf den Weltmarkt zurück, wird der Ölpreis laut Weltbank schätzungsweise noch einmal um zehn Dollar pro Barrel fallen. Der Rechnung liegt die Annahme zugrunde, dass der Iran täglich eine Million Barrel Öl zusätzlich auf den Markt spülen wird. Andere Quellen erwarten weniger: BCA Research zum Beispiel geht von 500.000 Barrel pro Tag aus, die in den Export fließen werden. Angenommen, der Ölpreis sinkt doch noch einmal um zehn Dollar pro Barrel, würde dies im Vergleich zu den aktuellen Preisen einen weiteren Rückgang um gut 20 Prozent bedeuten.

Die Erdölstaaten der Opec halten derweil gegen: Sie erwarten, dass die weltweite Nachfrage wächst. Die Schere zwischen Angebot und Nachfrage sollte sich nach ihrer Einschätzung bis zum kommenden Jahr etwas schließen. Ihrer Prognose zufolge werden in diesem Jahr durchschnittlich 1,38 Millionen Barrel pro Tag mehr nachgefragt als 2014. Das ist mehr, als sie bisher prognostiziert hatten. Im kommenden Jahr soll die Nachfrage um weitere 1,34 Millionen Barrel pro Tag wachsen. Die Angaben korrespondieren mit denen der Internationalen Energie Agentur (IEA), die vor wenigen Tagen das höchste Nachfrage-Wachstum nach Rohöl seit fünf Jahren konstatiert hat.

Die Welt hat nicht endlos Bedarf

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Aber Experten warnen: Das Angebot wächst schneller, als die Nachfrage überhaupt steigen kann. "Es wird knallen, aus dem einfachen Grund, dass nicht mehr Öl auf dem Weltmarkt untergebracht werden kann", sagt Norbert Hagen, Vorstand des Vermögensverwalters ICM. Grund ist die sogenannte Preiselastizität des Rohstoffs, die ausgesprochen gering ist. "Menschen werden nicht heizen, bis sie vor Hitze tot umfallen, nur weil Öl günstig ist. Es gibt Grenzen", so Hagen. Das größte Problem sieht der Anleiheexperte in der mangelnden Speicherfähigkeit des Rohstoffs. Es können nicht weitere große Mengen Öl eingelagert werden. Die Lager sind bereits bis zum Rand voll. Der Iran könnte theoretisch auf einen Schlag 20 bis 30 Millionen Barrel Rohöl auf den Markt spülen.

Nicht nur die Angebotsschwemme stimmt für die weitere Ölpreisentwicklung pessimistisch. Sorgen bereitet auch das langsamere Wirtschaftswachstum im Riesenreich China. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt steckt in der Krise und fragt weniger Öl nach als erwartet. Im vergangenen Jahr wuchs das BIP der Volksrepublik um 7,4 Prozent und damit so wenig wie seit 1990 nicht mehr. In den ersten beiden Quartalen 2015 ging das Wachstum nochmals zurück. Nach offiziellen Angaben lag es bei sieben Prozent. Experten gehen davon aus, dass das Wachstum tatsächlich viel schwächer war. Wegen der Wachstumsschwäche erleben Chinas Aktienmärkte seit zwei Monaten eine extreme Berg- und Talfahrt. Die Zentralbank versucht die Realwirtschaft zwar mit Geldspritzen zu unterstützen – allerdings mit mäßigem Erfolg.

Eine Ölkrise der "anderen Art"

Wo sich Öl-Angebot und -Nachfrage einpendeln werden und wie sich der Preis entwickeln wird, ist schwer vorherzusagen. Belastet werden die Preise zurzeit auch noch vom spürbar festeren Dollar, der von robusten US-Konjunkturdaten profitiert. "Das ist eine ganz andere Ölkrise als die vorherigen", sagt Hagen. Zum einen verteuert die feste US-Währung Rohöl für Interessenten außerhalb des Dollarraums und lastet entsprechend auf deren Nachfrage. Zum anderen wird der feste Dollar für die US-amerikanischen Fracking-Unternehmen zum Fluch, weil deren Kosten in harten US-Dollars sind und damit nicht so günstig wie die im abgestürzten Rubel oder Real. "Die Frage ist, wer hält es jetzt am längsten aus", sagt Hagen. Sinken die Preise weiter, werden weitere Unternehmen auf der Strecke bleiben. Wo genau für wen Schluss ist, hängt von den laufenden Förderkosten ab und ist damit unterschiedlich.

Ein Problem haben die jungen Fracking-Unternehmen allerdings gemeinsam: Im Unterschied zu den traditionellen Wüstenölbohrern tanken sie überwiegend Geld am Kapitalmarkt. Mit der wachsenden Nervosität in der Branche steigen auch die Renditen am Anleihemarkt. Die Renditeaufschläge von US-Energiefirmen mit schwacher Schuldnerqualität sind im Vergleich zu US-Staatsanleihen bereits auf 9,2 Prozentpunkte gestiegen. In den vergangenen 14 Monaten haben sie sich damit mehr als verdreifacht.

Der gesamte Markt für Junkbonds droht hiervon in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Mit insgesamt 1,7 Billionen Dollar ist dieser Markt alles andere als ein Leichtgewicht. Überall müssen für das höhere Risiko, das die Anleger eingehen sollen, höhere Zinsen gezahlt werden. Die Kreditrisiken sind zurück ins Bewusstsein der Anleger gekehrt. Experten warnen bereits, dass diese Welle Euroland erfassen könnte. Es lohnt sich deshalb, nicht nur China und Griechenland im Blick zu behalten.

Quelle: n-tv.de

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