Wirtschaft
Die EZB schafft den 500-Euro-Schein ab. Kritiker vermuten dunkle Motive hinter der Entscheidung.
Die EZB schafft den 500-Euro-Schein ab. Kritiker vermuten dunkle Motive hinter der Entscheidung.(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 04. Mai 2016

500-Euro-Schein wird abgeschafft: Was steckt hinter der Bargeld-Attacke?

Von Hannes Vogel

Die EZB zieht den 500-Euro-Schein aus dem Verkehr - offiziell um Geldwäschern und Kriminellen das Leben schwerer zu machen. Doch viele Kritiker vermuten, dass es womöglich noch ganz andere Motive gibt.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat das Aus für den 500-Euro-Schein beschlossen. Nur noch bis Ende 2018 soll die größte Banknote des Euroraums ausgegeben werden. Neue will die EZB nicht mehr drucken. Die 500-Euro-Note soll gesetzliches Zahlungsmittel bleiben. Kritiker sehen darin den Einstieg in die totale Bargeldabschaffung. n-tv.de erklärt, welche Motive hinter der Entscheidung stecken könnten und was für und gegen jede Erklärung spricht.

Kampf gegen Geldwäsche

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Offiziell begründet die EZB ihren Schritt damit, Terrorfinanzierung, Geldwäsche und Schwarzarbeit eindämmen zu wollen. "Der 500-Euro-Schein ist ein Instrument für illegale Aktivitäten", hat EZB-Chef Mario Draghi gesagt. Tatsächlich werden die 500er eher als Wertaufbewahrungs- statt als Zahlungsmittel genutzt. Die meisten Normalbürger haben wohl noch nie einen in der Hand gehabt. Laut EZB machen sie nur drei Prozent aller Euro-Scheine aus, decken aber 28 Prozent des Geldwertes ab. Kleine Menge, großer Wert, kaum nachzuweisen - verlockend für zwielichtige Gestalten, gerade in Deutschland.

Verbrecher seien ja nicht zwingend auf große Scheine angewiesen, hält Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele dagegen. Kriminelle dürften es nach dem Aus für den 500er nun zwar tatsächlich schwerer haben. Ihre Machenschaften werden sie aber wohl kaum beenden. Zudem gibt es auch in Ländern mit kleineren Banknoten wie den USA nicht weniger organisierte Kriminalität. Dort ist der Hundert-Dollar-Schein das größte Zahlungsmittel.

Auch darf man bezweifeln, dass Terroristen, Drogenhändler und Mafia-Clans ihr Vermögen nur über Bargeld waschen. Der Islamische Staat verstecke seine "Öl-Milliarden nicht in 500-Euro-Scheinen unter Kopfkissen in Syrien", erklärte der Europaabgeordnete Fabio de Masi (Linke). Verbrecher verschieben ihr Geld regelmäßig über das offizielle Bankensystem, mithilfe von Tarnfirmen oder Strohmännern. Auch dort könnte man die Kontrolle verbessern.

Stärkere Kontrolle der Bürger

Bargeldgrenzen

seit 2012

Spanien 2500 Euro
Slowakei 5000 Euro
Dänemark 10.000 Kronen

seit 2013

Litauen 2900 Euro

seit 2014

Belgien 3000 Euro bei Goldkauf

seit 2015

Frankreich 1000 Euro
Rumänien 1100 Euro

(Quelle: Norbert Häring)

Kritiker halten das Geldwäsche-Argument deshalb für vorgeschoben. Sie sehen in der 500er-Abschaffung den Anfang vom Ende des Bargelds. "Freiheit stirbt scheibchenweise", bringt es Bundesbank-Vorstand Thiele auf den Punkt. Die Sorge ist berechtigt: Größere Beträge können nur noch überwiesen werden, falls das Bargeld tatsächlich komplett abgeschafft werden sollte. Dann kann der Staat jede Geldbewegung nachvollziehen - und damit auch, wer wem was verkauft und warum.

Davon ist aber bislang keine Rede. Zwar haben Spanien, Frankreich, Italien und andere Länder in der Euro-Krise Höchstgrenzen für Bargeldzahlungen eingeführt. Und auch Finanzminister Schäuble fordert nun eine Obergrenze von 5000 Euro. Aber bisher stößt er damit nicht auf Gegenliebe. Und lediglich der 500er und nicht alle Euro-Scheine werden abgeschafft. Und selbst wenn das Ende des Bargelds irgendwann kommen sollte, muss das nicht das Ende der Freiheit sein: In Schweden wird schon jahrelang nahezu bargeldlos bezahlt.

Stützung des Bankensystems

"Ohne Bargeld werden wir zu Geiseln der Banken", führt Wirtschaftswissenschaftler Max Otte ein weiteres Argument gegen das Ende des 500ers an. "Die Politik hat sich die Finanzbranche schon weitgehend gekauft, nun sollen auch die Bürgerinnen und Bürger noch erpressbar gemacht werden." Das stimmt: Je weniger große Scheine es gibt, desto weniger Geld können die Leute halten. Und wenn sie ihr Geld nicht abheben können, können Banken auch nicht Pleite gehen.

Es ist ein Nebeneffekt der Bargeldbegrenzung: Im Krisenfall stützt er das Bankensystem. Denn weniger Bargeld bedeutet weniger Fluchtmöglichkeiten. Eine totale Abschaffung würde die Menschen völlig abhängig machen von der Rettungspolitik. Auch Haircuts wie in Zypern, als Sparer mitrasiert wurden, weil ihre Banken sich verzockt hatten, könnten sie nicht entgehen.

Gegen die Bankenrettung als wahres Motiv hinter der 500er-Abschaffung spricht: Kapitalkontrollen und Abhebelimits kann man viel schneller und effektiver über Nacht einführen, um die Banken zu schützen, wie die Zypern-Krise und das Schuldendrama in Griechenland gezeigt haben. Dafür muss man nicht erst schrittweise das gesamte Bargeld abschaffen.

Vorspiel für Strafzinsen auf breiter Front

Deshalb vermuten Kritiker noch einen anderen Grund hinter der Entscheidung. Wie der neue Präsident des Münchner ifo-Instituts Clemens Fuest sehen sie im Aus für den 500er den Auftakt für die Ausweitung der Strafzinsen, die die Notenbanker seit Juni 2014 von den Banken verlangen. "Für die EZB würde es einfacher, die Negativzinsen weiter herunterzufahren", sagt Fuest. "Denn Bargeld kennt keine Negativzinsen, wohl aber elektronische Konten."

In der Tat denken Banken schon darüber nach, überschüssiges Geld lieber im eigenen Tresor zu lagern, statt es über Nacht bei der EZB zu parken und dafür auch noch draufzuzahlen wie bisher. Sie wollen es sozusagen lieber unter ihr Kopfkissen stecken. Bei den Bürgern ist es nicht anders: Sollten Strafzinsen auch für Normalsparer wirklich auf breiter Front Realität werden, würden viele wohl ihr überschüssiges Geld einfach abheben und unter die Matratze packen.

Der Geldkreislauf könnte dann ins Stocken geraten. Gut möglich, dass die EZB dem nun vorbeugen will, indem sie das Bargeld verknappt. Inzwischen schließen selbst die Sparkassen Strafzinsen für Normalkunden nicht länger aus. Aber dass sie bald auf breiter Front auch für Kleinsparer eingeführt werden, ist dennoch unwahrscheinlich.

Quelle: n-tv.de

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