Wirtschaft
Die Unterschrift von Mario Draghi unter einem 20-Euro-Schein.
Die Unterschrift von Mario Draghi unter einem 20-Euro-Schein.(Foto: picture alliance / dpa)

Schöne neue Währungswelt: Was ist Draghis Unterschrift noch wert?

Von Diana Dittmer

Wenn die gesammelte Finanzelite plötzlich gegen Bargeld Stimmung macht, kann das kein Zufall sein, meint Norbert Häring. Ein Jahr lang hat der Wirtschaftsexperte die Spuren zurückverfolgt und Erstaunliches entdeckt.

Europas oberster Währungshüter Mario Draghi hat ernst gemacht: Die Europäische Zentralbank (EZB) wird den Einlagezinssatz für das "Bunkern" von Bankengeld weiter senken. Geldinstitute sollen durch die verschärften Strafgebühren endlich dazu bewegt werden, mehr Kredite zu geben. Jetzt dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Banken ihren Strafzins auch an die Kunden weitergeben.

Aber was ist, wenn diese vorher ihr Bargeld abheben und ins Schließfach legen? Genau das darf nicht passieren. Und genau deshalb treffen die Währungshüter gezielt Vorsorge, sagt Norbert Häring. Der Wirtschaftsexperte hat ein Jahr lang der Motivation für Bargeldbeschränkungen nachgespürt und dabei - wie er meint - die Strippenzieher und Nutznießer klar ausgemacht. Härings Erkenntnis: Der Vorstoß von EZB und der Bundesregierung, eine Bargeldobergrenze bei 5000 Euro einzuziehen, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Zinsszenario.

Bargeldgrenzen

seit 2012

Spanien 2500 Euro
Slowakei 5000 Euro
Dänemark 10.000 Kronen

seit 2013

Litauen 2900 Euro

seit 2014

Belgien 3000 Euro bei Goldkauf

seit 2015

Frankreich 1000 Euro
Rumänien 1100 Euro

(Quelle: Norbert Häring)

"Es ist eine konzertierte Aktion", ein "seit der Finanzkrise vorangetriebenes Projekt der mächtigsten Geldpolitiker der Welt", sagt Häring. Tatsache ist, Bargeld wird seit Jahren nahezu unbemerkt zurückgedrängt. In Frankreich dürfen Rechnungen bei Käufen von Konsumgütern seit 2015 nur noch mit 1000 Euro in bar bezahlt werden. Dänemark will Gesetze erlassen, die Geschäftsinhaber von kleinen Geschäften, Tankstellen und Restaurants von der Pflicht befreien, Münzen und Scheine zu akzeptieren. Auch in Deutschland weigern sich inzwischen Behörden, Bargeld anzunehmen. "Die Einschläge kommen näher", sagt Häring.

Mario Draghi und der "War of Cash"

Dass Geldpolitiker sich vor bösen Überraschungen feien wollen, liegt auf der Hand. Was bei einem Bail-in, einer Beteiligung der Gläubiger an der Rettung einer Bank passiert, konnten alle im März 2013 in Zypern beobachten. Dort verloren im März 2013 alle Sparer bei der Bank of Cyprus, die mehr als 100.000 Euro Guthaben hatten, 40 Prozent ihres Geldes. Möglich war das nur, weil sie ihr Geld überhaupt auf dem Bankkonto liegen hatten - und nicht unterm Kopfkissen oder im Tresor. Vielen Sparern wird die spontane Enteignung eine Lehre gewesen sein.

Der erste Vorstoß von Geldpolitikern, Bargeldzahlungen zurückzudrängen, reicht bis ins Jahr 2007 zurück. Zur Erinnerung: Lehman Brothers ging ein Jahr später pleite. Italien führte Ende des Jahres unter Regierungsschef Mario Prodi, der gleichzeitig Berater der US-Bank Goldman Sachs war, und dem Finanzminister Tommasa Padoa-Schippa, einem ehemaligen EZB-Direktor, eine sehr hohe Barzahlungsgrenze von 12.500 Euro ein. Damals war Mario Draghi Chef der Bank von Italien. Er hätte Häring zufolge etwas dagegen tun müssen, schaute aber aktiv weg. Offenbar erkannten Eingeweihte damals schon, dass der Finanzbranche Ungemach drohte. Mit der Lehman-Pleite dann war es für Maßnahmen, den Bargeldverkehr zu kontrollieren, allerdings zu spät. In der Bankenkrise konnte niemandem schmackhaft gemacht werden, Geld ausschließlich auf dem Konto zu deponieren.

Erst 2011 wieder, unter Regierungschef Mario Monti, einem weiteren Goldman-Sachs-Berater "besserte" das schuldengeplagte Land nach. Die Obergrenze für Bargeldverkehr in Italien wurde drastisch auf 1000 Euro gesenkt. Draghi, immer noch als Chef der Bank von Italien, hätte die EZB eigentlich auf diese Maßnahme hinweisen müssen, hielt es aber offenbar nicht für nötig. Danach ging es Schlag auf Schlag: 2012 erließ ein Land nach dem anderen Bargeldverbote - alle wurden von der EZB durchgewunken. Zu dem Zeitpunkt war Mario Draghi bereits oberster Währungshüter des Euro.

Der innere Kreis der Anti-Bargeld-Connection

"Alle Bestrebungen fallen mit der Finanzkrise zusammen und nicht mit Terrorereignissen und Steuerhinterziehung", sagt Häring. Die Initiatoren seien keine Kriminalitätsbekämpfer, sondern ausnahmslos Finanz-Manager. Neben dem als Hüter des Euro leise auftretenden Draghi sind die prominentesten und lautesten Wortführer der Kampagne laut Häring der ehemalige Chefökonom der Weltbank und Ex-Finanzminister Larry Summers sowie der Harvard-Professor und ehemalige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) Ken Rogoff.

Häring stieß auf interessante Querverbindungen zwischen den Protagonisten. Offenbar laufen viele Fäden in einem exklusiven Club zusammen: Draghi, Summers und Rogoff sind langjährige Mitglieder der sogenannten Group of 30, eine Gruppe von hochkarätigen Bankmanagern aus den größten internationalen Banken und Hedgefonds, die sich hinter verschlossenen Türen mit den wichtigsten Zentralbankern treffen. "Das an sich ist schon sehr bedenklich", sagt Häring.

Ein Treffen der Schweizerischen Notenbank im Juni 2015 in London lieferte für Häring dann den Beweis, dass es tatsächlich eine konzertierte Aktion gegen Bargeld gibt. Bei der Veranstaltung, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, sprach auch der ehemalige IWF-Chef Ken Rogoff. Vor dem ausgewähltem Publikum breitete er seine Thesen für die Abschaffung des Bargelds aus.

Verstoß gegen EU-Recht

Die Schweizerische Zentralbank hatte zu dem Zeitpunkt offenbar ein Problem: Große Fonds wollten Geld abheben, um die negativen Zinsen zu sparen. "Sie hat die Banken angewiesen, das Geld nicht bar auszuzahlen", erklärt der Wirtschaftsexperte. In seinen Augen ist dies ein klarer Rechtsverstoß. Terrorismusbekämpfung als Argument sei vorgeschoben, sagt Häring. Als Beleg dafür führt er an, dass nach den Anschlägen von 9/11 Anfang des neuen Jahrtausends keiner auf die Idee kam, den Bargeldverkehr zu drosseln: "Hier wird nicht mit offenen Karten gespielt."

Im Januar in Davos, bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte, äußerte sich erstmals ein Bankchef aus Deutschland zum Thema: Deutsche-Bank-Chef John Cryan outete sich als vehementer Bargeld-Skeptiker und prophezeite, in zehn Jahren wäre es wahrscheinlich nicht mehr existieren. Die Zuhörer waren perplex.

Die Bundesregierung ist inzwischen ebenfalls ins Thema eingestiegen. Finanzminister Wolfgang Schäuble brachte ein Limit von 5000 Euro für Bargeldzahlungen ins Spiel. Dafür konnte er sich Anfang Februar in Paris Unterstützung abholen. Zudem wird in der EZB über die Abschaffung des 500-Euro-Scheins nachgedacht.

Für die Annahme, dass eine konzertierte Aktion im Gange ist, dafür lieferte auch Summers Munition. Er haute wenige Tage später in die gleiche Kerbe wie die EZB, indem er vorschlug, den 100-Dollar-Schein abzuschaffen. "Wenn das alles Zufall sein soll und nicht abgestimmt, dann würde mich das doch sehr wundern", sagt Häring. Die Frage wäre dann, was Draghis Unterschrift unter den Scheinen dann noch wert ist. Nichts.

Am 11. März erscheint Härings neues Buch: "Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen – Der Weg in die totale Kontrolle" bei Amazon bestellen oder bei iTunes runterladen.

Quelle: n-tv.de

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