Wirtschaft
Die EZB hat 130 Banken überprüft.
Die EZB hat 130 Banken überprüft.(Foto: imago/imagebroker)

Wolfgang Gerke im Interview: "Wir müssen uns Sorgen machen"

Deutschlands Banken bekommen von der EZB insgesamt ein gutes Zeugnis ausgestellt. Doch deren Zukunft sieht keineswegs rosig aus, warnt Bankenexperte Wolfgang Gerke. Und auch der Blick nach Italien stimmt bedenklich. Mit n-tv.de spricht der Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums über den Stresstest der EZB, Mario Draghi und die Zukunft von Deutschlands Banken.

n-tv.de: Sind Sie mit den Ergebnissen des Stresstests zufrieden?

Wolfgang Gerke: Aus deutscher Sicht bin ich sehr zufrieden. Die deutschen Banken haben gut abgeschnitten. Nur die Münchener Hypothekenbank ist durchgefallen. Aber das hat man vorher gewusst, und sie hat sich zwischenzeitlich ausreichend Kapital besorgt. Wir müssen uns aber dennoch sehr wohl Sorgen machen - und zwar mit Blick auf Italien und Griechenland.

Wie glaubwürdig ist der jüngste Stresstest? Immerhin hatten Banken wie die belgische Dexia 2010 den Check bestanden. Sie geriet danach in existenzielle Schwierigkeiten und wird derzeit abgewickelt…

Ich hatte die vorangegangenen Stresstests als glattgebügelt bezeichnet und kritisiert, dass ihre Anforderungen nicht hoch genug waren. Diesmal hat man die Anforderungen aber hochgeschraubt. Das war ein echter Stresstest. Von daher hatten einige Banken schon Angst gehabt, durchzufallen. Der Stresstest hat bereits im Vorfeld hervorragend gewirkt. Denn um zu bestehen, haben sich die Banken mit mehr haftendem Kapital ausgestattet. Das ist für den Bankkunden eine sehr beruhigende Botschaft. Natürlich hätte der Test brutaler gestaltet werden können. Aber das hätte die Märkte möglicherweise in unnötige Unruhe versetzt. Ich bin mit den Kriterien des Stresstests sehr zufrieden.

Der Test basiert auf Annahmen. Aber hat der Zusammenbruch von Lehman Brothers nicht gezeigt, dass die Realität schlimmer sein kann selbst als die pessimistischsten Erwartungen?

Wir leben in einer Welt, in der man sich absolute Sicherheit nicht kaufen kann. Es macht keinen Sinn, in den Stresstest ein Weltuntergangsszenario einzubauen. Dann wäre sowieso alles egal. Man muss sehr wohl einen scharfen Konjunktureinbruch berücksichtigen oder etwa den Verfall von Immobilienpreisen. Das ist gemacht worden. Was der Stresstest im Gegensatz zu den vorherigen Checks sehr gut liefert, ist Transparenz. Man kann sehr gut sehen, wie die einzelne Bank aufgestellt ist. Hat sie im Stressfall eine harte Eigenkapitalquote von zehn Prozent oder liegt sie bei sechs Prozent?

Wolfgang Gerke ist emeritierter Professor für Bank- und Börsenwesen sowie Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums.
Wolfgang Gerke ist emeritierter Professor für Bank- und Börsenwesen sowie Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums.(Foto: Bayerisches Finanz Zentrum)

Bemerkenswerterweise wurde kein Deflationsszenario untersucht. Aber ist das nicht ein denkbares Szenario, das hätte berücksichtigt werden müssen?

Ich denke, dass das nicht viel Sinn gemacht hätte. Man muss das, was mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten kann, berücksichtigen. Zu einem brutalen Deflationsszenario wird es nicht kommen. Selbst wenn die Eurozone in die Deflation gerät, wäre das kein echter Stress für Banken.

Was sagt der Test über die Gesundheit des europäischen Bankensystems aus?

Es ist aufgefordert worden, sich Krisensituationen zu stellen. Die meisten Banken sind nun mit ausreichend Haftungskapital ausgestattet. Aber Sorgen müssen wir uns um die Länder machen, die momentan in einer Krise stecken - also nicht nur um Griechenland, sondern auch um Italien. Dort haben neun Banken den Test nicht bestanden. Ich fürchte, dass mit Mario Draghi ein italienischer Präsident der EZB die Daten als ein Indiz nehmen könnte, dass er den Instituten helfen muss und ihnen riskante Anlageformen abkauft. Dann wäre auch der deutsche Steuerzahler wieder mit im Boot, da er die Risiken der EZB mitträgt. Das könnte eine Auswirkung des Stresstests sein, die für Deutschland sehr negativ wäre.

Beim Bilanzcheck zeigte sich, dass in den Büchern der Banken deutlich mehr faule Kredite stehen als bislang angenommen - insgesamt knapp 880 Milliarden Euro. Ist das nicht ein gewaltiges Damoklesschwert, das über den Banken schwebt?

Das ist eine sehr hohe Zahl. Glücklicherweise haben die Institute, die das konnten, diese Altlasten nicht nur berücksichtigt, sondern sich auch mit dem nötigen Kapital versorgt. Es gibt aber auch Institute, die dazu bisher nicht in der Lage waren. Da wird man sehen müssen, ob diese überhaupt eine Existenzberechtigung haben - oder ob man sie nicht  besser fusioniert, filetiert oder abwickelt.

Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret hält Fusionen für eine Möglichkeit, um die Ertragskraft von Banken zu steigern…

Ich stimme ihm voll zu. Es ist sehr wichtig, dass er den Banken zeigt, dass sie reagieren müssen. Die deutschen Banken dürfen sich nach dem Stresstest nicht ausruhen. Wir müssen als Bankkunden froh sein, dass die Banken hierzulande bestanden haben. Aber ihre Zukunft sieht keineswegs rosig aus. Sie haben ein Geschäftsmodell, das viel zu teuer ist.

Inwiefern?

Ihre Kostenseite ist angesichts der Erträge, die sie erwirtschaften, viel zu hoch. Die Bankendichte in Deutschland und die intensive Konkurrenz führen dazu, dass nur niedrige Spannen erzielt werden können. Die Banken müssen deshalb in den nächsten Jahren ihre Kosten deutlich senken. An Fusionen oder dem Schließen von Filialen führt dann kein Weg vorbei.

Aber sollte man nach der Finanzkrise nicht besser auf Entflechtung statt auf Fusionen setzen, um die Banken nicht noch größer zu machen?

Wir können in der Geschichte nicht zurückgehen und nur auf kleine Privatbankiers setzen. Diese Zeit ist vorbei. Natürlich wollen wir keine Mammutinstitute, die dann halb Europa beherrschen. Aber das haben wir auch nicht. Wir brauchen leistungsfähige Einheiten. Nehmen wir doch einmal die Landesbanken. Die sind ein Auslaufmodell. Wir können uns in Deutschland vielleicht zwei Landesbanken leisten, aber nicht die gegenwärtige Vielzahl. Da ist ein riesiges Einsparpotenzial vorhanden. 

Mit Wolfgang Gerke sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

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