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Cäsium in japanischem Rindfleisch Grundwasser unter AKW stark verstrahlt

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Ein vergoldeter Holz-Drache liegt im getrockneten Schlamm eines durch Beben und Tsunami völlig zerstörten Klosters in Ishinomaki.

(Foto: dpa)

Trotz eindringlicher Appelle und stets neuer Hiobsbotschaften weigert sich die japanische Regierung, den 20-Kilometer-Evakuierungsradius um das havarierte AKW Fukushima auszuweiten. Unter dem Meiler ist das Grundwasser stark verstrahlt und in Rindfleisch wird eine hohe Belastung von Cäsium nachgewiesen, das 200 Jahre lang radioaktiv bleibt. Außerdem müssen 1000 kontaminierte Leichen geborgen werden.

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Aufnahmen aus einer unbemannten Drohne zeigen das ganze Ausmaß der Zerstörung in Fukushima 1.

(Foto: dpa)

Die Hiobsbotschaften aus dem japanischen Katastrophengebiet reißen nicht ab. In Rindfleisch aus der Region des havarierten Atomkraftwerks Fukushima fanden Wissenschaftler Spuren von hochradioaktivem Cäsium, wie der AKW-Betreiber Tokyo Electric Power (Tepco) mitteilte. Die Strahlenbelastung des Rindfleischs sei ungewöhnlich hoch gewesen. Während das krebserregende Jod 131 nach etwa 80 Tagen zerfällt, bleiben Cäsium-Verbindungen mehr als 200 Jahre gefährlich.

Auch das Grundwasser auf dem AKW-Gelände ist mittlerweile radioaktiv belastet. So seien erhöhte Strahlenwerte im Grundwasser nahe eines Turbinengebäudes von Reaktor 1 gemessen worden, teilte Tepco weiter mit. Auch in einem Tunnel außerhalb des Turbinengebäudes von Reaktor 2 sei radioaktiv belastetes Wasser gefunden worden. Die Grenzwerte seien hier um mehr als das 10.000-fache überschritten worden. Tepco hatte die Wahrscheinlichkeit einer Verstrahlung des Grundwassers vorher stets als gering bezeichnet. Die Funde dürften die Eindämmungsarbeiten weiter erschweren.

Im Meer vor dem AKW stieg die Konzentration von radioaktiven Jod-Partikeln weiter und lag 4385-fach über dem Grenzwert. Die hohen Werte könnten bedeuten, dass ständig Radioaktivität aus dem Reaktor entweiche, warnte die japanische Atombehörde. Es sei jedoch unklar, wo sich das Leck befinde.

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Ein Mann wird in Fukushima auf Radioaktivität getestet.

(Foto: REUTERS)

Strahlenexperten befürchten seit längerem, dass in den Reaktoren der havarierten Atomanlage eine Kernschmelze im Gang ist. Dabei wird nicht ausgeschlossen, dass sich die überhitzten Brennstäbe durch den Boden des Reaktorsicherheitsbehälters fressen. In diesem Fall würde im großen Maße Radioaktivität in die Umwelt gelangen.

Tokio stellt sich stur

Trotz dieser für die Gesundheit der Menschen in der Region immer gefährlicheren Lage und trotz internationaler Appelle will die japanische Regierung die Evakuierungszone um Fukushima 1 vorerst nicht über den bisherigen Umkreis von 20 Kilometern hinaus ausweiten. "Ich glaube nicht, dass dies derzeit notwendig ist", sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Die Lage werde von Tag zu Tag neu bewertet.

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Nagashima Rio wurde am 15. März in einem Krankenhaus 50 Kilometer entfernt vom AKW Fukushima geboren. Das Mädchen wird jetzt auf eine eventuelle Radioaktivität getestet.

(Foto: REUTERS)

Edano gab zu, dass die stark erhöhten Strahlungswerte im Umkreis des Kraftwerks "auf lange Sicht die menschliche Gesundheit schädigen" könnten. Die Regierung wolle die Lage jedoch zunächst weiter beobachten. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hatte sich beunruhigt über die in dem Ort Iitate gemessene Strahlung geäußert. Die Messwerte rechtfertigten eine Räumung der etwa 40 Kilometer nordwestlich von Fukushima gelegenen Ortschaft.

Die IAEA hatte Strahlenwerte um das Zweieinhalbfache über dem Niveau entdeckt, ab dem sie Räumungen empfiehlt. Zuvor hatte auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace die Räumung von Iitate gefordert, weil wegen der erhöhten Strahlung langfristig Gesundheitsschäden zu befürchten seien.

Nach der UN-Atomenergiebehörde (IAEA) empfahl auch die japanische Nuklearaufsicht der Regierung, eine Ausweitung der Evakuierungszone zu erwägen. Um das AKW gilt bislang eine Sperrzone von 20 Kilometern, wovon mehr als 70.000 Menschen betroffen sind. In einem Umkreis von weiteren zehn Kilometern wird den Einwohnern empfohlen, das Gebiet freiwillig zu verlassen oder sich zumindest nicht im Freien aufzuhalten.

Würde die Sperrzone um nur zehn Kilometer erweitert, müssten 136.000 Menschen in Sicherheit gebracht werden, was die Behörden vor eine logistische Herausforderung stellen dürfte. Auch deshalb warnt die Regierung vor Überreaktionen. Wegen der als zu zögerlich empfundenen Krisenpolitik gerät Ministerpräsident Naoto Kan innenpolitisch aber nun immer stärker unter Druck.

Der Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), Achim Steiner, kritisierte die Informationspolitik der japanischen Behörden und des Tepco-Konzerns. "Was im Augenblick für viele am schwersten nachzuvollziehen ist, ist die Frage, wieso Information, deutliche, klare, präzise Information, so schwierig zu bekommen ist", sagte Steiner der "Berliner Zeitung". Der UNEP-Direktor warnte zugleich vor weiteren schweren Reaktorunfällen. Mindestens zwanzig, dreißig USA lassen Pannen-AKW am Netz wie der Katastrophenreaktor Fukushima seien weltweit in Betrieb, auch in erdbebengefährdeten Gebieten.

Kan will AKW-Neubau "überdenken"

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Möwen suchen auf dem zerstörten Fischmarkt Ofunato nach Nahrung.

(Foto: dpa)

Regierungschef Kan sagte nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo, Fukushima solle komplett stillgelegt werden. Tepco hatte am Mittwoch die Verschrottung der weitgehend zerstörten Reaktoren 1 bis 4 der Anlage angekündigt und einen möglichen Weiterbetrieb der als stabil geltenden Reaktoren 5 und 6 angedeutet.

Kan versprach auch, den bis zum Jahr 2030 geplanten Bau von mindestens 14 neuen Reaktoren zu überprüfen. Er regte an, die Vorhaben "grundlegend zu überdenken". Aktuell befinden sich laut Kyodo 14 Reaktoren in Japan im Bau oder in der Planung. Schon jetzt bezieht der Inselstaat mehr als 30 Prozent seiner Energie aus Atomkraft. Es gibt 54 Reaktoren.

Regierungssprecher Edano sagte, die Energiepolitik müsse nach einer Analyse der Katastrophe von Fukushima vorurteilsfrei analysiert werden. Eine vollständige Abkehr von der Atomkraft ist für das rohstoffarme Japan nach Einschätzung von Experten jedoch höchst unwahrscheinlich.

Katastrophe "zu groß" für Tepco

Laut einem Bericht der US-Zeitung "Wall Street Journal" war Tepco nicht auf die Katastrophe vorbereitet. Der Notfallplan für das Kraftwerk sei völlig unzureichend gewesen, berichtete die Zeitung unter Berufung auf ihr vorliegende Dokumente. Er habe weder den Einsatz externer Feuerwehrleute noch des Militärs vorgesehen. "Der Notfallplan funktionierte nicht, er war auf so etwas Großes nicht eingestellt", sagte ein früherer Tepco-Mitarbeiter der Zeitung.

Strahlung verhindert Leichen-Bergung

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Ein Taucher, der die Radioaktivität im Hafen von Obama testete.

(Foto: AP)

Unterdessen stehen die Behörden vor einer neuen Herausforderung in Fukushima: Bis zu 1000 Leichen rund um das AKW sind nach dem Erdbeben vom 11. März wegen der Strahlengefahr bisher nicht geborgen. Die Leichen in der 20-Kilometer-Evakuierungszone seien hoher Strahlung ausgesetzt gewesen, meldete Kyodo unter Berufung auf die Polizei.

Die Japaner fürchten, dass Rettungsteams, Ärzte oder Angehörige bei der Bergung zu viel radioaktive Strahlung abbekommen könnten. Werden die Opfer später eingeäschert, könnten die radioaktiven Partikel zudem in die Luft gelangen. Bei einer Erdbestattung könnte der Boden kontaminiert werden, schrieb Kyodo.

Pläne, alle Leichen in dem Gebiet nach einer Bergung auf Strahlung zu kontrollieren, wurden wegen der möglichen Gesundheitsgefahr für die Einsatzkräfte wieder aufgegeben. Nun überlegt man, die Toten vor Ort in Spezialfahrzeugen zu dekontaminieren.

Kunstharz-Besprühung ausgesetzt

Regen zwang Tepco dazu, das Besprühen verstrahlter Trümmer mit Kunstharz zur Eindämmung von Radioaktivität auszusetzen. Das Besprühen gehört zu einer Reihe von Notmaßnahmen, mit denen Japan die Strahlung eindämmern will. Es wird auch überlegt, die Reaktoren mit Spezialgewebe abzudecken und verseuchtes Wasser aus dem Kraftwerk in ein Tankschiff zu pumpen.

Der schwäbische Pumpenhersteller Putzmeister hat am Donnerstag eine zweite Großpumpe nach Japan versandt, die dort bei den Kühlarbeiten am havarierten Atomkraftwerk Fukushima eingesetzt werden soll.Bereits seit vergangener Woche Dienstag fördert eine 58-Meter-Großmastpumpe des Herstellers Wasser zur Kühlung in Fukushima. Vor wenigen Tagen orderte Tepco vier weitere der Spezialmaschinen. Mit den Pumpen kann außer Wasser auch Beton gepumpt werden.

Sarkozy fordert internationale Standards

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Sarkozy setzt weiter auf Atomkraft.

(Foto: dpa)

Als erster ausländischer Staatschef seit der Katastrophe vom 11. März reiste Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy nach Japan. Dort forderte er in einer Ansprache in der französischen Botschaft internationale Sicherheitsstandards für Kernkraftwerke. Die Gruppe der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) solle sich bis Ende des Jahres auf ein internationales Regelwerk zum Schutz vor AKW-Unglücken einigen. Japans Regierungschefs Kan begrüßte den Vorstoß. Aus den Vorfällen in Fukushima müssten Konsequenzen gezogen werden und zwar nicht nur in Japan. Als Zeichen der Solidarität will auch Außenminister Guido Westerwelle Tokio am Samstag besuchen.

Die neuen AKW-Sicherheitsstandards sollen im Juni auf einer Konferenz der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien diskutiert werden. Als Vorbereitung darauf schlug Sarkozy ein Treffen der G20-Staaten in Paris im Mai vor, bei dem Vertreter der nationalen Atomaufsichtsbehörden über schärfere Vorschriften für Reaktoranlagen beraten sollten. Frankreich hält derzeit den G20-Vorsitz inne. Kein anderes Land auf der Welt hängt so stark von der Kernenergie ab wie Frankreich: Die 58 Atomkraftwerke des Landes sichern 75 Prozent des nationalen Strombedarfs ab. Der französische Atomkonzern Areva kündigte an, seine Unterstützung für Tepco ausweiten zu wollen. Nach Einschätzung Arevas wird es aber noch "eine lange Zeit" dauern, bis sich die Lage an den Reaktor-Ruinen von Fukushima stabilisiert.

Wieder starkes Nachbeben

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Japans Kaiser mit seiner Frau besucht Opfer der Katastrophe in einem Flüchtlingslager.

(Foto: REUTERS)

Die Katastrophenregion im Nordosten Japans ist erneut von einem starken Nachbeben erschüttert worden. Der Erdstoß hatte am Donnerstag eine Stärke von 6,0, wie der Fernsehsender NHK berichtete. Rund drei Wochen nach dem verheerenden Erdbeben vom 11. März mit der Stärke 9 werden noch Tausende Menschen vermisst. Etwa 11.400 Tote wurden bis Donnerstag gezählt.

Viele Überlebende der Beben- und Tsunami-Katastrophe harren weiter in Notlagern aus. Vor allem für die vielen alten Menschen ist es immer anstrengender, auf den harten Lagern in den Notunterkünften zu schlafen. In der Region regnet es immer wieder. Die Temperaturen liegen morgens immer noch um den Gefrierpunkt.

Es werden zwar inzwischen Notbehausungen gebaut. Sie reichen aber noch nicht aus. Viele alte Menschen wollen auch dafür nicht ihre Heimatorte verlassen, weil sie befürchten, aus ihren sozialen Gemeinschaften gerissen zu werden.

Auch Japans Kaiser Akihito steht den Opfern der verheerenden Naturkatastrophe im Nordosten des Landes mit Gesten der Solidarität bei. Erstmals traf er nun auch direkt mit Überlebenden zusammen. Zusammen mit seiner Frau Michiko nahm sich der Monarch eine Stunde Zeit, um in der Budokan-Halle der Hauptstadt rund 290 Flüchtlingen Trost zu spenden. Um auf gleicher Augenhöhe mit den Menschen zu sprechen, kniete sich der 77-jährige Kaiser vor den Opfern hin.

Quelle: n-tv.de, rts/dpa/AFP

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