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Die Ruine des 4. Reaktorblocks in Fukushima.
Die Ruine des 4. Reaktorblocks in Fukushima.(Foto: REUTERS)

Immer mehr radioaktives Meerwasser: Messfehler schürt Angst vor Super-GAU

Chaos in Fukushima: Die radioaktive Verseuchung um das japanische Atomkraftwerk Fukushima erreicht teils extreme Werte, die der AKW Betreiber Tepco jedoch wieder zurücknimmt. Dennoch bleiben sie erschreckend hoch. Tepco entschuldigt sich für den "Messfehler". Das Meer nahe der maroden Meiler ist unterdessen immer stärker belastet.

Der Betreiber des japanischen Unglücks-AKW Fukushima schürt mit falschen Messwerten im In- und Ausland die Angst vor einem Super-Gau. Der Enegierkonzern Tepco nahm am Sonntagabend Angaben über einen dramatischen Anstieg der radioaktiven Strahlung in Reaktor 2 jedoch wieder zurück. Die Strahlung sei zwar Besorgnis erregend hoch, aber nicht so hoch wie zunächst angenommen, sagte der Vizepräsident des Unternehmen, Sakae Muto. Die Radioaktivität im Wasser im Turbinengebäude sei 100.000 Mal höher als normal und nicht zehn Millionen Mal wie am Morgen vermeldet.

Deutlich ist der Grad der Zerstörung zu erkennen: an Reaktor 1 und 2 ...
Deutlich ist der Grad der Zerstörung zu erkennen: an Reaktor 1 und 2 ...(Foto: dpa)

Muto entschuldigte sich für den Fehler. Wegen der hohen Werte waren die fieberhaft an einer Reparatur des Meilers arbeitenden Techniker abgezogen worden. Auch im Meerwasser vor dem durch das Beben und den Tsunami schwer beschädigten Atomkraftwerk wurde ein Anstieg der Radioaktivität gemessen.

... und an Reaktor 3 und 4.
... und an Reaktor 3 und 4.(Foto: dpa)

"Es tut mir sehr leid", sagte der Tepco-Manager zu der neuen Panne des Konzerns, der für sein Krisenmanagement und wegen mangelhaften Wartungen in der Kritik steht. "Ich werde sicherstellen, dass solche Fehler nicht mehr vorkommen." Zuvor war in der Anlage eine Strahlung gemessen worden, die tödlich sein kann. Die UN-Atomaufsicht IAEA zeigte sich daraufhin besorgt. "Das ist ein nach allen Maßstäben sehr schwerer Unfall", sagte der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Yukiya Amano, der "New York Times". Tepco betonte aber, dass das radioaktive Jod eine Halbwertszeit von weniger als einer Stunde habe. Das bedeutet, dass es innerhalb eines Tages zerfällt. Am Donnerstag waren in Fukushima drei Techniker verstrahlt worden. Sie waren in einem anderen Reaktor mit Wasser in Berührung gekommen, das eine 10.000-fache Strahlung aufwies.

Die Agentur Jiji berichtete von einer Strahlenbelastung von 1000 Millisievert pro Stunde im Wasser von Block 2. Das würde bedeuten, dass ein Arbeiter den bereits angehobenen Grenzwert von 100 auf 250 Millisievert binnen 15 Minuten abbekommen hätte.

Das Wasser in den Turbinenhäusern macht die Arbeit lebensgefährlich. Es sollte dennoch abgepumpt werden, um an der dringend nötigen Verkabelung der Kühlsysteme arbeiten zu können. Wasser steht bis zu einem Meter hoch in den Turbinenhäusern aller vier Reaktorblöcke von Fukushima Eins. Es ist jedoch unterschiedlich stark belastet.

Meereswasser belastet

Aus dem wegen seiner Plutonium-Brennstäbe besonders gefährlichen Reaktor 3 steigt wieder Rauch auf.
Aus dem wegen seiner Plutonium-Brennstäbe besonders gefährlichen Reaktor 3 steigt wieder Rauch auf.(Foto: AP)

Unklar war zunächst, wann die abgezogenen Arbeiter aufgrund der korrigierten Messwerte zurückkehren können. Die seit der Naturkatastrophe vor mehr als zwei Wochen laufenden Versuche, die Anlage rund 240 Kilometer nördlich von Tokio unter Kontrolle zu bringen, mussten immer wieder wegen Explosionen oder gefährlichen Strahlungswerten unterbrochen werden. In der Luft außerhalb der Evakuierungszone rund um Fukushima und in der Millionenmetropole Tokio wurde am Sonntag keine erhöhte Radioaktivität festgestellt.

Die radioaktive Verseuchung des Meerwassers vor der havarierten Anlage stieg aber noch einmal: Tests der japanischen Atomaufsicht ergaben eine um das 1850-fache erhöhte Belastung durch radioaktives Jod. Am Vortag war die Belastung noch um das 1250-fache erhöht.

Auch das Meerwasser nahe des AKW ist verseucht.
Auch das Meerwasser nahe des AKW ist verseucht.(Foto: REUTERS)

Vor dem Hintergrund des zunehmend verstrahlten Meerwassers versuchte die japanische Atomaufsicht , die wachsenden Sorgen in der Bevölkerung zu dämpfen. Die Verstrahlung stelle nur ein geringes Risiko für das Leben im Ozean dar, hieß es. Durch die Meeresströmung würden die strahlenden Partikel weggeschwemmt und verdünnt, bevor Fische und Algen sie aufnehmen könnten.

Dennoch dürften die Messergebnisse Ängste in Japan und darüber hinaus schüren - vor radioaktiv verseuchten Lebensmitteln und unkontrollierbaren Folgen der Atomkraft generell. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon stellte sich hinter Forderungen, weltweit die Reaktorsicherheit unter die Lupe zu nehmen.

Greenpeace für größeren Evakuierungsradius

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat eine Ausweitung der Evakuierungszone rund um das AKW gefordert. Nach Angaben von Greenpeace herrscht in dem Ort Iitate 40 Kilometer nordwestlich des Kraftwerks eine Strahlenbelastung von bis zu zehn Microsievert pro Stunde. Eine solcher Wert mache eine Evakuierung notwendig. Vor allem für Kinder und Schwangere sei es nicht sicher, weil sie bereits innerhalb weniger Tage der jährlich erlaubten Strahlenbelastung ausgesetzt seien, teilte Greenpeace-Strahlenexperte Jan van de Putte mit.

Um das Kraftwerk gilt derzeit eine 20 Kilometer weite Evakuierungszone. Die Regierung legte Bewohnern im Umkreis zwischen 20 und 30 Kilometern Entfernung nahe, freiwillig die Gegend zu verlassen.

Zeitplan für die Krise nicht möglich

Mit der seit vielen Tagen erhofften Wiederherstellung der Stromzufuhr sollen auch die mächtigeren Maschinen des regulären Kühlsystems wieder laufen. Ein Teil der Technik benötige aber Gleichstrom, an dem noch gearbeitet werde. Am Sonntag sollte testweise auch Klimaanlage im Reaktorblock 1 eingeschaltet werden.

Der Betreiber konzentrierte sich am Wochenende darauf, mehr und mehr Süßwasser in die havarierten Reaktoren von Fukushima Eins zu pumpen. Süßwasser hinterlässt beim Verdampfen kein Salz, das den Fluss des Kühlwassers behindern könnte. Unter anderem sei die US-Marine mit einer großen Wasserladung nach Fukushima unterwegs.

Ins Abklingbecken des vierten Reaktors, in dem abgebrannte Brennelemente gekühlt werden müssen, wurde am Sonntag aber weiterhin Salzwasser geleitet, kündigte ein NISA-Sprecher an. Die Kapazitäten seien begrenzt - so stand bisher für Reaktor 1 nur eine Pumpe zur Verfügung. Regierungssprecher Yukio Edano sagte dem Fernsehsender NHK, er "würde gern einen Zeitplan vorlegen", wann die Krise in Fukushima gebannt sein werde. "Aber ich kann nicht optimistischer sein als die Realität."

IAEA-Chef Amano sagte, die Krise sei noch nicht überstanden. Sie könne vielmehr noch Wochen oder gar Monate dauern. Schließlich seien sich die Behörden noch immer nicht sicher, ob die Reaktorkerne und verbrauchten Brennstäbe mit ausreichend Wasser zum Kühlen bedeckt seien. Zumindest ein gutes Zeichen sei, dass die Stromversorgung der Anlage teilweise wiederhergestellt sei. "Aber um die Krise zu überwinden, muss mehr getan werden", sagte der Japaner. Er betonte, dass dies aber nicht als Kritik an der Regierung gemeint sei.

Im Unterschied zum Super-GAU von Tschernobyl belastet die Katastrophe von Fukushima die Bevölkerung derzeit nicht mit einer unkontrollierbar großen Menge Radioaktivität. Die Gefahr eines Super-GAUs ist jedoch weiterhin nicht gebannt. In Deutschland demonstrierten in verschiedenen Millionenstädten Hunderttausende Menschen gegen die Atomkraft.

Anti-Atom-Demos in Japan

In Tokio protestierten Japaner gegen Atomkraft.
In Tokio protestierten Japaner gegen Atomkraft.(Foto: AP)

Auch in Japan demonstrierten Hunderte Menschen gegen die Atomkraft. In Tokio und in Nagoya im Zentrum des Landes versammelten sich jeweils rund 300 Demonstranten und forderten ein Ende der Kernkraft. Sie marschierten auch am Sitz von Tepco vorbei. Einige Protestteilnehmer trugen Gasmasken. Viele warnten vor enormen Schäden für die Landwirtschaft. Zahlreiche Länder haben bereits Importstopps für japanische Lebensmittel verhängt.

Seit Beginn der Krise wurden insgesamt 17 Arbeiter verstrahlt. Tepco räumte ein, dass drei verstrahlte Arbeiter nicht vor dem radioaktiven Wasser im Turbinen-Gebäude gewarnt worden waren. Die drei Arbeiter sollen noch in einem Institut für Strahlenforschung untersucht und dann am Montag entlassen werden. Es gebe keine gesundheitlichen Probleme, berichtete die Nachrichtenagentur Jiji unter Berufung auf die Ärzte. Bei den zwei Arbeitern, die Verbrennungen an den Füßen erlitten hatten, sei die Belastung gering.

Immer mehr Auswirkungen auf die Wirtschaft

Unterdessen mehren sich die Auswirkungen auf die Wirtschaft. Wie die "New York Times" berichtet, haben mehrere große Reedereien den Frachtverkehr nach Tokio und Yokohama gestoppt oder eingeschränkt. Dagegen würden die von Fukushima weiter entfernten Häfen wie Osaka und Kobe weiterhin angelaufen. Japanische Autohersteller überlegen, ihre Produktion abwechselnd herunterzufahren, um Strom zu sparen. Damit wollen die Konzerne verhindern, dass ihre Stromversorgung wegen Engpässen rationiert wird.

Das Erdbeben und der Tsunami am 11. März hatten den Nordosten Japans teilweise verwüstet. 10.804 Menschen starben, 16.244 werden noch vermisst. Die Lage der Erdbebenopfer ist noch immer dramatisch. Am Wochenende behinderten auch Schnee und eisige Temperaturen die Bergungsarbeiten. In vielen Unterkünften gibt es kein Heizmaterial.

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Quelle: n-tv.de