Leben

Der Denglische Patient Do you want to fuck me?

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Da kann man schon mal auf komische Gedanken kommen.

(Foto: imago/Westend61)

Die dreckigen Ausrutscher, die uns passieren, wenn wir auf Englisch kommunizieren, sind meist harmlos und gute Lacher. Doch vor einigen Patzern sollte man sich hüten - wenn man noch ernst genommen werden will.

Vor einigen Tagen bekam ich eine Einladung gemailt, die mich aus dem Halbschlaf riss, in den ich falle, wenn ich stundenlang am Bildschirm arbeite. Ich konnte nicht glauben, was da vor mir stand: "Exklusives WIX Online-Meetup"!

Auch ein Q&A, also eine Frage-Antwort-Runde, mit dem "Head of Wix International Growth" wurde angeboten. Geiler Titel, dachte ich - aber leider total ungeeignet für den ernsthaften Einsatz im deutschen Sprachraum.

Nichts deutete auf Spam und nachdem ich die Einladung durchgelesen hatte, war ich ganz sicher: Ich hatte keine Aufforderung zur gemeinsamen Telemasturbation erhalten, sondern den unschuldigen Versuch eines israelischen Startups namens "Wix", mich flott als Kunden zu gewinnen: damit ich mir mit ihrer Hilfe eine neue Website wixe - pardon: baue.

Für mich als Sprachkolumnist kam die Wix-Mail wie gerufen. Schließlich kann sie mir als gutes Beispiel für den Mist dienen, den wir manchmal bauen, wenn wir andere Menschen arglos und über Sprachgrenzen hinweg mit Wörtern bewerfen - ohne ausreichend zu überlegen, was Adressaten, Kunden und Freunde falsch verstehen oder gar peinlich ignorieren könnten. Gerade in Zeiten, die stark von Marketing geprägt sind, kommt das immer wieder vor - und macht am Ende alle Bemühungen zunichte.

Heikle Namensfindung

Erinnern Sie sich zum Beispiel an den Mitsubishi Pajero? Er fuhr einst in Spanien als "Wichser" vor! Oder an den Mazda Laputa, der in der spanischsprachigen Welt ebenfalls falsch aufgefasst werden musste: als "die Hure"! Erst jüngst erntete Audi in Frankreich Spott, weil sein e-tron dort wie "Kothaufen" klingt. Und um hier auf unsere Lieblingsfremdsprache Englisch zurückzukommen: VW verblüffte die Welt mit dem Modellnamen Black up!, weil er der Aufforderung gleichkam, sich das Gesicht schwarz zu bemalen, wie in rassistischen Blackface- oder Minstrel-Shows.

Bei all diesen Beispielen bin ich mir selbstverständlich bewusst, dass Missverständnisse ein natürlicher Teil jeder Kommunikation sind - vor allem zwischen unterschiedlichen Kulturen und Sprachen. Außerdem sind Patzer dann immer verzeihlich, wenn sie mutwillig falsch verstanden werden, statt nachlässig verursacht worden zu sein. Dem zugrunde liegt manchmal pure, um nicht zu sagen pubertäre Albernheit, wenn ich nur an meine englischsprachigen Kollegen denke, die sich kringeln, wenn sie "Siemens" hören - und unbedingt semen hören wollen: eine Samenflüssigkeit. Oder die bei allem, was "Willy" heißt, das männliche Geschlecht vor Augen haben. Einmal saß ich während eines offiziellen Essens neben einem britischen Diplomaten, der den Abend lang über den neuen Berliner Flughafen alberte - nicht etwa wegen der peinlichen Entstehungsgeschichte, sondern wegen des Namens: "Willy Brandt" ... als wäre es eine Kondommarke: the "Willy Brand"!

Andererseits habe ich auch mich schon gefragt, warum die deutsche Firma Ille einen Toilettenpapierspender in alle Welt exportiert, der ausgerechnet "Big Willy" heißt. Auf gut Englisch ist das nämlich ein "großer Schniedel". Eine Insiderin gab mir den Tipp: "Weil der Firmengründer das witzig findet." Er heißt Wilhelm Blatz - Big Willy höchstpersönlich.

Superhintern oder Oberarsch?

Eine andere mutwillige Anzüglichkeit made in Germany kennen wir aus der Supermarktkette mit dem englischen Namen "Penny". Ihr Klopapier heißt "Happy End", was schon für sich genommen Denglisch ist, weil das glückliche Ende in der englischsprachigen Welt auf -ing endet: "Happy Ending". Doch abgesehen von dieser Spitzfindigkeit fällt es mir noch immer schwer, zu glauben, dass Penny mit einer gewissen Art von, ich möchte sagen, Fäkalhumor Geschäfte macht.

Zugleich gibt es auch Produkte, die ohne Absicht zu dreckigen Missverständnissen einladen. Etwa die wurmförmige Lakritze der Marke "Spunk" - was im Englischen "Sperma" bedeutet, also tatsächlich semen! Oder die "Top Ass" Quartett-Kartenspiele aus Altenburg. "Superhintern?" "Oberarsch?", werden sich Spieler fragen, die des Deutschen nicht mächtig sind - sie wissen nicht, dass mit "Ass" das gemeint ist, was im Englischen "Ace" heißt.

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Dass sich unterdessen auch die deutsche Versicherungsbranche mit "Ass" schmückt - weil man, altmodisch gesprochen, mit Assekuranzen handelt - halte ich für ein unverantwortliches sprachliches Wagnis. Das gilt besonders dann, wenn weitere englische Wörtern hinzukommen, etwa für die Fahrradversicherung "Bike Ass" oder im Titel des "führenden Fachmagazins für Assekuranz, Kapitalanlagen, Finanzierung und Immobilien". Es heißt "Ass compact".

Immer schön zweideutig

Andere Beispiele, die kräftig nach hinten losgehen, habe ich übrigens in meinem Bilderbuch "Lost in Trainstation wir versteh'n nur Bahnhof" gezeigt: Etwa die "Damen Bootie(s)", die manche Geschäfte anpreisen. Was wie kleine Popöchen oder große Popos klingt, sollen "Boots" für Damen sein, also Stiefel. Oder die "Pink Box", die der deutsche Medienkonzern Bertelsmann vor ein paar Jahren kreierte. Dahinter verbirgt sich eine Kiste mit Kosmetikprodukten, die man und vor allem frau regelmäßig im Abo beziehen können. Während die Box in Deutschland und Österreich überlebt hat, standen die Chancen auf ein seriöses Geschäft im nordamerikanischen Raum von Anfang schlecht, weil die Box dort als vulgäre Beschreibung für das weibliche Geschlecht aufgefasst werden kann.

Sexuelle Anspielungen, die wir im Deutschen als "zweideutig" begreifen (im Unterschied zur wertfreien "Doppeldeutigkeit"), werden im Englischen als "sexual innuendo" oder einfach "innuendo" bezeichnet. Werden sie bewusst geäußert, sind nennt man sie auf Englisch auch "lewd", "saucy" und letztendlich "offensive" - anzüglich, unflätig und beleidigend. Passieren sie ohne Absicht, also aus Versehen, sind es "clangers", "gaffes", "blunders", "faux pas" oder "howlers" - Ausrutscher, Patzer, Fettnäpfchen, lustige bis grobe Schnitzer. Dabei können sie die Allgemeinheit in einer Weise amüsieren wie das Englisch, das Günther Oettinger oft vom Stapel gelassen hat - sodass es der Absender irgendwann schwer hat, noch ernst genommen zu werden.

Wie leicht die Pannen Denglischer Patienten als Absicht wahrgenommen werden, kann jeder von uns dann erleben, wenn wir selbst Englisch sprechen und auf einmal schräge Blick auf uns ziehen, zum Beispiel:

– mit einer unvorsichtig geäußerten "lust", die immer klingt wie ein sexuelles Verlangen. Sagen Sie "I feel like doing ...", "I fancy doing/something ...", "I am up for doing/something ... "

– wenn wir um "gratification" bitten, obwohl "bonus (payment)" gemeint ist, was wie die Lust auf körperliche Befriedigung klingt, nicht der Wunsch nach einer Sonderzahlung.

– wenn männliche Kollegen kundtun, eine Kollegin aufgeweckt zu haben: "I knocked her up", was klingt, als habe er sie geschwängert.

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– wenn wir lässig die Frage aus der Hüfte schießen: "Do you want to fuck me?", was klingt wie die plumpe Einladung zum Sex, obwohl wir uns in Wahrheit nur verschaukelt fühlen. Man muss fragen: "Are you fucking with me?"

Der größte Klassiker der zotigen deutsch-englischen Sprachverwirrung ist übrigens der arme Philosoph Immanuel Kant. Durch die Nähe seines Namens zum englischen Four-Letter-Word "cunt" klingt er wie die größte Beleidigung, die sich manche Menschen überhaupt vorstellen können. Andererseits: Wenn ich nur auf Instagram oder Facebook sehe, wie junge Leute mit erwartungsvoller Miene und aufreizenden Blicken neben dem Straßenschild "Kantstraße" posieren, ist eine "Kant Box" möglicherweise genau das, worauf die Welt noch gewartet hat.

Quelle: ntv.de

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