Leben

Männer? Die Kolumne. Ein Alpha-Tier im Bälleparadies

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Verliebt bis über beide Ohren: unser Kolumnist Julian Vetten

(Foto: Anabel Huber)

Unser Autor hält sich für Simba. Er auf dem Königsfelsen, der Rest der (weiblichen) Welt ihm zu Füßen. Dann verliebt er sich bis über beide Ohren in eine starke Frau und stellt sich die Frage aller Fragen: Wann ist ein Mann ein Mann?

Ich bin verliebt. So verliebt wie noch nie. Es ist, als hätte mir jemand eine rosarote Brille auf die Netzhaut tätowiert. Das ist einerseits natürlich verdammt schön, andererseits aber auch ein echtes Problem: Ich leide nämlich wie ein Hund, wenn wir uns längere Zeit nicht sehen. Eine Woche geht gerade noch in Ordnung, zwei sind eine Grenzerfahrung der unangenehmen Art, und vier Wochen ohne sie - ach, das will ich mir gar nicht vorstellen. Für mein sorgfältig gepflegtes Selbstbild vom einsamen Wolf, der bei seinen Abenteuern auf nichts und niemanden angewiesen ist, ist das ein herber Schlag. Allerdings einer mit Verzögerung, weil wir trotz räumlicher Trennung (sie Berlin, ich Hamburg) die magische Zwei-Wochen-Grenze bislang nie überschritten hatten.

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Unser Autor und seine Freunde zelebrieren ihre Männlichkeit (Abbildung ähnlich).

(Foto: imago stock&people)

Und dann das: Meine Freundin plante eine Geschäftsreise, die sie ab Mitte Oktober für einen Monat in die USA führen sollte. Ich könne mich gerne anschließen, wenn ich wolle, sagte sie. Halt, stopp, dachte ich: Das Zepter in die Hand nehmen, für eine Reportage ins hinterletzte Eck der Welt fahren und mich dann insgeheim darüber freuen, von meiner Partnerin vermisst zu werden (wobei ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass sie da ähnlich tickt wie ich), das war doch immer mein Part gewesen. Schon klar, es gibt elegantere Varianten für einen Egopush, aber ganz ehrlich, manchmal brauche ich einfach dieses Simba-Gefühl: Der König der Löwen auf dem Felsen, majestätisch in die Ferne blickend, im Hintergrund ein dramatischer Sonnenuntergang und unten die schöne Löwenkönigin, die bewundernd zu ihrem großen Versorger aufschaut.

Ein moderner Mann

Nun sind die 1950er schon lange Geschichte und mit ihnen glücklicherweise auch das Männer- und Frauenbild aus "Mad Men". Aber eben nicht vollständig, wenn ich mir meine erste Reaktion auf die Pläne meiner Freundin so anschaue - und ich bin jetzt einfach mal so frei und behaupte: Ich bin nicht der einzige Mann, dem es schwerfällt, Geschlechtergleichheit abseits von Lippenbekenntnissen auf Partys und in sozialen Netzwerken in Gänze anzunehmen und zu leben.

Aber ich gebe mein Bestes, ein moderner Mann zu sein, ehrlich: Von meinem inneren Kampf, die Zügel bei der Reiseplanung aus der Hand zu geben und mich mehr oder weniger blind ihren Entscheidungen anzuvertrauen, wird meine Freundin wahrscheinlich erst erfahren, wenn dieser Artikel online geht. Der einsame Wolf Schrägstrich Löwenkönig hat ihn übrigens verloren. Und darüber bin ich auch verdammt froh, sonst würde ich nicht in diesem schicken Loft in Lower Manhattan sitzen und in einer stillen Ecke meine Kolumne heruntertippen - während meine Freundin einer Bande US-amerikanischer Startup-Gründer erklärt, wie sie ihre Unternehmen erfolgreich nach Deutschland bringen können. Ich verstehe vielleicht ein Viertel von dem, was sie da erzählt, dafür schaue ich aber umso bewundernder aus dem Sessel zu meiner Löwenkönigin auf. Was für ein erhebendes Gefühl!

Keine Angst, ich weiß selbst, wie schnulzig das klingt - aber ich saß jetzt wirklich lange vor diesen letzten Sätzen und wüsste nicht, wie ich sie anders formulieren sollte. Wenn sie sie liest, wird sie mich wahrscheinlich einen Spinner nennen und dabei dieses perlende Lachen lachen, das ich so liebe. Und ich werde tierisch stolz auf sie sein und ihr sagen, wie gut es sich anfühlt, einfach lockerzulassen und auch als Alpha-Tier mal im Bälleparadies spielen zu dürfen. Worauf sie vielleicht entgegnen wird, dass das doch auch oft genug anders herum ist. Und ich werde mir denken, wie schön es doch ist, eine kluge Freundin zu haben, die immer goldrichtig liegt. Abgesehen von präzisen Zeitangaben - aber manche Dinge werden sich eben nie ändern.

Quelle: n-tv.de

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