Leben

Problematischer Alkoholkonsum Eine Bewegung für das nüchterne Leben

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Frauen trinken eher heimlich. Das "Sober Movement" soll schon vor einer körperlichen Abhängigkeit einschreiten.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Das "Sober Movement" aus den USA propagiert ein Leben ohne Alkohol. Nun kommt der Nüchternheits-Trend auch hierzulande an. Ein neues Startup begleitet Menschen beim Weg in ein Leben ganz ohne Alkohol. Davon profitieren besonders Frauen.

Ihren Lebensweg beschreibt Gründerin Vlada Mättig als "alles andere als geradlinig". Auf ihrer Webseite zählt sie Stationen als Au-pair, in einer Wirtschaftskanzlei und im Modelbooking auf. Die Konstante in dem wechselhaften Leben der 34-Jährigen, in dem sich wohl viele ihrer Generation wiederfinden, war der Alkohol. Mättig merkte lange Zeit nicht, wie problematisch ihr Konsum war, litt unter Angststörungen und Depressionen. Sie trank, um sich stark zu fühlen, wurde körperlich abhängig und fand sich schließlich völlig ausgebrannt und verzweifelt auf einem Bauernhof in Serbien wieder. Dort fasste sie den Beschluss, einen Entzug zu machen.

"Danach habe ich in einer Klinik eine Langzeittherapie gemacht. Dort konnte ich zwar die Sucht hinter mir lassen, aber mir fehlte ein ganzheitlicher Ansatz, ein positives Modell dafür, was das Leben ohne Alkohol bedeutet. Das habe ich mir selber mit Impulsen aus der amerikanischen und britischen Sobriety-Bewegung erarbeitet und wollte das an andere weitergeben", sagt Mättig.

Sobriety, zu Deutsch Nüchternheit, ist in den USA und Großbritannien längst zu einer Bewegung geworden, die der Abstinenz eine Dimension gibt, die über das rein Medizinische hinausgeht. Das Leben ohne Alkohol stellt für deren Anhänger auch dann eine erstrebenswerte Lebensart dar, wenn sich nicht abhängig sind. Sobriety-Mentoren begleiten Menschen, die so leben möchten, auf ihrem Weg in diese neue Nüchternheit.

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Mättig und Vogt unterstützen vor allem Frauen.

(Foto: Pedro da Silva)

Mättig wollte dieses Konzept nach Deutschland bringen und betreibt mittlerweile mit ihrer Grundschulfreundin Katharina Vogt die Online-Community me sober, die sich dem Leben ganz ohne Alkohol und Rauschmittel verschrieben hat. Die beiden Frauen bieten außerdem Sobriety-Mentoring an. Über zehn Wochen coachen sie Menschen, die aufhören wollen zu trinken, individuell und intensiv, wie sie sagen. Die Kosten dafür variieren und werden nach einem kostenlosen Erstgespräch besprochen.

Dabei geht es nicht um klassische Suchthilfe, betonen sie. "Sobriety Mentoring eignet sich nicht für Menschen, die körperlich abhängig sind, da sind wir auch ganz klar. Es ist ein guter Weg für solche, die das Gefühl haben, Alkohol kommt ihnen in die Quere dabei, das Leben zu leben, das sie sich wünschen", sagt Mättig. "Alkohol ist gesellschaftlich total integriert und jeder, der nicht trinkt, wird komisch beäugt."

Community für Menschen, die nicht trinken

Das Gefühl, noch nicht körperlich abhängig zu sein, aber dennoch unter den negativen Folgen des eigenen Trinkens zu leiden, kennt Mättigs Geschäftspartnerin Katharina Vogt gut. "Ich war klassische Gesellschaftstrinkerin und habe mir immer vorgenommen, nicht so viel zu trinken, aber es ist jedes Mal ausgeartet", sagt sie. Als sie den Kampf ihrer besten Freundin aus der Sucht beobachtete, fand sie für sich die Motivation, mit dem Trinken aufzuhören.

Vogt sagt, es gebe viele Graustufen zwischen Nicht-Trinken und Sucht. "Aber in der Suchthilfe gibt es noch viel zu wenige Angebote für Menschen, die zwar noch nicht abhängig sind, aber doch spüren, wie sie allmählich die Kontrolle über ihren Konsum verlieren. Wir hören oft von unseren Mentees, dass sie in Suchtberatungsstellen nicht ernst genommen werden. Als wäre man erst ein Fall, wenn man wirklich schwer alkoholabhängig ist", sagt Vogt.

Wie sozial akzeptiert und weit verbreitet Alkoholkonsum ist, zeigen auch die Zahlen: Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen trinken 96,4 Prozent der 18- bis 64-Jährigen Alkohol, 1,61 Millionen Männer und Frauen nehmen dabei negative körperliche, psychische und soziale Folgen in Kauf und weitere 1,77 Millionen sind abhängig.

Diese Fakten kann Thomas Klein-Isberner im Schlaf aufsagen. Er ist seit über 20 Jahren therapeutischer Leiter der Fontane-Klinik im brandenburgischen Motzen, einer psychosomatischen Fachklinik, die auf Abhängigkeitserkrankungen spezialisiert ist. "Das sind gigantische Zahlen mit massiven Folgen für die Gesundheit und das Gesundheitswesen", sagt er. "Im Durchschnitt erfolgt eine stationäre Alkoholbehandlung erst zwölf Jahre nach den ersten Anzeichen für einen problematischen Alkoholkonsum. Im Jahr 2017 wurden gerade mal 314.211 Menschen mit Alkoholproblemen in Krankenhäusern akut beziehungsweise in Reha-Einrichtungen postakut behandelt - viel zu wenig."

Klein-Isberner sieht in der Sobriety-Bewegung eine große Chance, wenn sich diese sich als einen möglichen und nicht ausschließlichen Weg sieht. "Der Vorteil ist die Integration in ein Lebens- und Wertekontext. Von Prinzip her braucht der Mensch den Alkohol nicht, aber wenn alle um mich herum konsumieren, fühle ich mich als Nicht-Trinker schnell mal ausgeschlossen, 'anders', nicht normal - das ist schwer auszuhalten. Da bieten diese Bewegungen Heimat, Unterstützung und Identität. Das hilft immens", sagt Klein-Isberner.

Frauen trinken anders

Der Ansatz von me sober richtet sich zudem explizit an Frauen - Mättig bemerkte, dass sie in der Entzugsklinik nahezu allein unter Männern war. "Bei Frauen ist die Scham über die eigene Abhängigkeit besonders groß - gleichzeitig stehen sie heutzutage unter einem enormen Druck, müssen vielen Rollen entsprechen, im Job, in der Partnerschaft, in der Kinderbetreuung, dabei am besten noch gut aussehen und den Haushalt schmeißen. Kein Wunder, dass viele trinken, um zu entspannen und runterzukommen."

In den USA löste Holly Whitacker mit ihrem Buch "Quit like a woman" eine Diskussion über weibliche Alkoholabhängigkeit aus. Whitacker leitete ausgerechnet ein Startup im Gesundheitswesen, als ihr 2012 die eigene Sucht über den Kopf wuchs. Ihr Hausarzt riet ihr, entweder die Anonymen Alkoholiker zu besuchen oder sich an eine Suchtklinik zu wenden. Sie wollte einen modernen Ansatz, der kein Vermögen kostet - einen solchen gab es damals nicht. Heute leitet Whitacker die digitale Sobriety-School "Tempest", die sich explizit an Frauen richtet, denn der Großteil der Angebote der Suchthilfe ist vor allem auf Männer zugeschnitten, sagt Whitacker.

Dass es auch in der Sucht Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, und zwar sowohl in den Trinkmotiven als auch im Einstieg in die Abhängigkeit, dem Konsummuster und den sozialen Folgen, ist unbestritten, sagt Klein-Isberner. "Frauen bauen Alkohol langsamer ab und werden bei der gleichen Konsummenge schneller alkoholkrank als Männer. Da die Gesellschaft eine trinkende Frau weniger toleriert als trinkende Männer, konsumieren Frauen heimlicher als Männer. Reaktionen durch die Umwelt erfolgen dadurch auch später, wenn die Krankheit durchaus schon fortgeschrittener ist", sagt der Therapeutische Leiter. Außerdem seien alkoholabhängige Frauen auffällig häufig geschieden oder getrennt lebend und erreichen in der Regel sehr gut und meist bessere Abschlüsse als andere Suchtkranke.

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"Die meisten alkoholabhängigen Frauen sind berufstätig und scheinen sich im Gegensatz zu nicht alkoholabhängigen Frauen in ihren Berufen mehr in Überforderung zu verstricken. Sie sind übermäßig engagiert und bekommen auf diesem Weg das Gefühl, gebraucht zu werden. Basis hierfür ist ein geringes Selbstwertgefühl", sagt Klein-Isberner.

Das Gefühl der Überforderung kennt auch Mättig gut. Doch anders als früher kann sie heute ihre Gefühle aushalten und zulassen. "Die permanente Klarheit macht es mir einfacher, mein Leben so zu gestalten, wie ich es will, und für meine Wünsche loszugehen. Ich bin wirklich frei und von nichts und niemandem abhängig. Und ich stehe zu mir. Das tat ich früher, als ich mich manchmal hinter dem Angetrunkensein versteckte, nicht", sagt sie. Und so kann das nüchterne Leben auch weibliche Selbstermächtigung sein.

Quelle: ntv.de