Leben

One (Wo)man Show Männer, Bärte, Stiche im Herzen

ab95818020823c52cc35270b44146035.jpg

Sonst frisch rasierte Männer lassen sich im "Movember" einen Schnauzbart wachsen und wollen so mehr Aufmerksamkeit für das Thema Männergesundheit generieren.

(Foto: imago images / United Archives)

Der Movember (kein Schreibfehler) fröstelt so vor sich hin und die Kolumnistin fragt sich mal wieder, wann ein Mann ein Mann ist und ist hin- und hergerissen zwischen Fürsorge und Zumutung und dem immer wiederkehrenden Gedanken: "In meinem nächsten Leben bin ich ein Mann!"

Neulich auf einer Gästetoilette, ein Magazin. Das "Zeit Magazin Mann", um genauer zu sein, Adrien Brody guckt mich bekümmert an. Ich gucke zurück, weil ich lese: "Designhighlights für den Herbst - exklusive Tipps der Redaktion". Ich greife zum Heft, ich brauche schließlich wie immer noch ein Weihnachtsgeschenk für den Mann. Ich lese aber auch: "Wie der Schauspieler aus seiner Sinnkrise fand - und warum er 50 werden besser findet als 40 werden." Warum nur guckt er dann so bekümmert, der nicht einmal 50-jährige Adrien? Vielleicht, weil er betonen will, dass es gar nicht so einfach ist, das Glück und den Sinn des Lebens zu finden, wozu er im Heft seitenlang interviewt wird. Das ist schön, denn auch Herr Brody hat Probleme mit seiner schiefen Nase (ob er wohl schnarcht?), und auch er muss, wie sonst Frauen, für eine Fotostrecke im Heft überaus untragbare Klamotten tragen und gute Miene zum bösen Spiel machen. Also so Insta-mäßig lachend zu Boden schauen und auf einem anderen Bild total unscharf sein zum Beispiel.

IMG_2566.jpg

Adrien Brodys Blick ist magisch, ob nun betrübt oder nicht.

(Foto: Zeit Magazin)

Aber warum sollen es die Männer immer besser haben? Im Heft geht es auch um Haarausfall, ein männliches Granny-Model beweist Coolness à la Iris Apfel und selbst der feine Herr von heute muss sich entscheiden zwischen Gummistiefeln von Bottega Veneta bis Tod's, Toastern (auf denen natürlich auch weiterhin nur kleine Brötchen gebacken werden können) und sogar Vasen. Vasen! Von Rosenthal, Hay, 101 Copenhagen oder doch lieber von Simone Bodmer-Turner? Ob ich "ihm", sprich, meinem Mann, damit zu Weihnachten wohl eine kleine Freude machen könnte? Ich habe die Zeitschrift gekauft und bei uns auf die Gästetoilette gelegt, in der Hoffnung, dass mein Mann sie findet und Eselsohren an alles macht, was er haben will.

Wenn das Herz Fisimatenten macht

Was mich wirklich beeindruckt hat in dem Magazin, steht auf der letzten Seite: Dort schreibt Tillmann Prüfer, Mitglied der Chefredaktion des "Zeit-Magazins", über eine Herzenssache - sein Herz. Und die Stiche, die es ihm in letzter Zeit versetzt. Und darüber, wie er damit umgegangen ist, nämlich erstmal gar nicht. Als das Herz dann aber immer weiter Fisimatenten macht, entscheidet er sich doch, zum Kardiologen zu gehen. Vorläufige Diagnose: Wahrscheinlich eine Herzbeutelentzündung, daran sterbe man nicht. Jedenfalls nicht so schnell. Nicht sofort, sagt sein Arzt.

Der alte Tillmann Prüfer wäre nun also nach Hause gehüpft und hätte sich vielleicht gesagt (ich kenne ihn ja leider nicht): "Tillmann, old house, ist doch alles paletti, erstmal einen Rotwein zur Feier des Tages." Der neue Tillmann aber, der, der ein ganzes Männerheft mitzuverantworten hat, hört jetzt genauer in sich hinein, und siehe da - eine Mail mit dem Hinweis, "es wird mehr Diagnostik gebraucht" flattert ins Haus. Der Journalist gelobt, nun wirklich besser auf seinen Körper achten. Denn das Herz, es stichelt immer noch zu Redaktionsschluss. Und ich möchte natürlich unbedingt erfahren, wie es weitergeht und warte gespannt auf das nächste Heft.

Bis dahin greife ich zurück auf Herbert Grönemeyer, der sich bereits vor 35 Jahren gefragt hat, wann der Mann wohl ein Mann ist. Was soll ich sagen - ich denke, auch nach dreieinhalb Jahrzehnten sind viele da keinen einzigen Schritt weiter. Was müssen Männer denn können, was sollten sie lassen? Herr Grönemeyer persönlich goutiert es übrigens gar nicht, wenn man seinen Liedtext so auseinanderfisselt: "Immer diese Skepsis, die Seziererei, die Analysen. Ich kann's nicht mehr hören", so der Barde schon 2007 im "Spiegel". Und zitiert sich selbst: "Männer nehmen in den Arm ... Männer sind schon als Baby blau' - welchen Sinn hat das denn? Ich habe Sätze geschrieben, die sind einfach stulle. Aber im Zusammenhang mit der Musik funktionieren sie."

So so, einfach stulle, das lassen wir mal so stehen. Und der Text soll an dieser Stelle auch gar nicht analysiert werden, beschließe ich spontan - er sollte mir ja nur als Anhaltspunkt für Männer im Allgemeinen und im Besonderen dienen, als Inspiration. Denn wir befinden uns im Monat November, der gern auch als "Movember" bezeichnet wird, und da geht es um den Mann und seine Gesundheit. Deswegen lassen sich manche Männer einen Bart wachsen - einen Moustache, Mo, also einen Schnurrbart - und sammeln Geld für wohltätige Zwecke, die mit der Männergesundheit zu tun haben. Männergesundheit - ein Wort, das vielen Männern wahrscheinlich gar nicht mal so leicht über die - nun zugewachsenen - Lippen kommt. Guido Maria Kretschmer bedauerte bereits früher in einem Interview mit ntv.de, dass es keine "Männerärzte" gibt - so, wie es selbstverständlich Frauenärzte geben würde.

Der Arzt hat nichts von "schlecht" gesagt

Ich frage aus Gründen der Ausgewogenheit meinen Kollegen B., ob er zu einem Männerarzt gehe würde. Er spricht daraufhin darüber, dass es bei Frauen viel komplizierter sei, schon rein körperlich, Kinderkriegen und alles, was dazugehört. Ich weiß, der Mann kennt sich aus, immerhin hat er eine Frau und ist ein kluger Kopf, aber was er mir sagen will ist: Nö, er bräuchte eigentlich keinen Männerarzt. Aber B. ist auch noch jung. Wie sind Männer denn nun heute? Gehen sie zu selten zum Arzt? Die Mittelalten um mich herum, die gehen zum "Check Up". Hört sich besser an als "Vorsorge" und bedeutet so viel wie "TÜV". Von einem "H-Kennzeichen" (historisches Fahrzeug, das vor mindestens 30 Jahren erstmals zugelassen wurde und in einem guten, originalen oder zeitgenössisch restaurierten Zustand ist) wollen die Herren für sich selbst meist nichts wissen. Sie wollen lieber einen Mercedes mit H-Kennzeichen fahren und einfach nur hören, dass alles okay ist, und wenn der Lack ab sein sollte, dann pinseln sie neue Farbe drüber oder kaufen ein Ersatzteil, fertig ist die Laube.

Sie missverstehen die Andeutungen einfach weiterhin: "Ihre Cholesterin-Werte könnten wirklich besser sein", heißt in Mann-Sprech zumeist noch immer: "Alles super, weitermachen, der Arzt hat nichts von 'schlecht' gesagt." Sport findet demnach häufig vor der Glotze statt, das Bier fest in der Hand. Oder Sport wird gleich wieder übertrieben; diese Kandidaten gibts natürlich auch, die ein Golf-Pro-Schlägerset haben, obwohl sie nicht einmal über die Platzreife verfügen. Oder gleich eine Nagelmatte kaufen, obwohl den letzten Yoga-Kurs schon früher verlassen mussten, Termine.

Mehr zum Thema

Hach, der Mann - das fremde Wesen. War es früher noch klar, wie ein "echter Mann" zu sein hatte, verschwimmen die Grenzen immer mehr. Das ist vielfach gut, wenn es um Themen wie Gleichberechtigung oder Bezahlung geht, oftmals aber wirft es für alle Beteiligten einfach noch mehr Fragen auf. Ich deutete im Teaser ja bereits an, dass ich die Vorstellung, im nächsten Leben ein Mann zu sein, trotz allem durchaus attraktiv fände: Mit meiner Freundin K. stand ich mal auf dem Oktoberfest und in Anbetracht des geballten "Holz vor der Hütt'n-"Zaubers waren wir uns recht schnell einig, dass wir im nächsten Leben auf die andere Seite der Macht wollen würden: Mann sein, welch' Wonne. Und meine Freundin A. sagte mir erst kürzlich, dass sie gerne flirte, auch mit Frauen. Wir lachten sehr und übten auf der Stelle einen neuen Flirtblick. Für unser nächstes Leben.

Vielleicht machen wir uns alle mal ein paar tiefergehende Gedanken: Dürfen Jungs immer noch nicht weinen? Keine Depression bekommen? Keine Hilfe annehmen? Probleme mit der Figur haben? Angst haben? Und: Können Männer, die keine Erfahrung mit Depressionen oder Angstgefühlen, Erfahrungen mit Diäten oder Händchenhalten haben, überhaupt zu vollwertigen Menschen heranreifen? Das ist doch eine schöne Denksportaufgabe für den Sonntag.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.