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Gerecke im ntv-Interview Betriebsärzte: Wir impfen nicht für den Urlaub

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Als Akteure sind inzwischen die Betriebsärzte in die Impfkampagne eingebunden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit gut einer Woche impfen auch die Betriebsärzte. Und auch sie könnten mehr Menschen immunisieren, gäbe es mehr Impfstoff. Im ntv-Interview erklärt das Präsidiumsmitglied des Fachverbandes VDBW, Gerecke, wen die Ärzte zuerst impfen und wie lange noch eine Maske in den Betrieben getragen werden sollte.

ntv: Herr Dr. Gerecke, seit einer Woche genau impfen deutsche Betriebsärzte mit. Wie läuft es?

Uwe Gerecke: Wir freuen uns, dass wir als Betriebsärzte seit einer Woche mitimpfen dürfen. Über 6000 Kollegen haben sich an der Impfaktion diese Woche beteiligt. Es sind über 700.000 Impfungen verteilt worden. Natürlich nicht genug, aber das liegt eben daran, dass wir ja immer noch einen Impfstoffmangel haben.

Das heißt, wollen mehr Leute geimpft werden, als Sie impfen können?

Auch wenn die Impfungen in Deutschland langsam Fahrt aufnehmen und mehr als 40 Millionen Menschen ihre erste Impfdosis erhalten haben - Impfstoff ist immer noch Mangelware. Wir Betriebsärzte hätten schon gerne ab März aktiv in das Geschehen eingegriffen, aber wir mussten genauso lange warten wie auch die anderen Arztgruppen. Und gerne hätten wir natürlich mehr Impfdosen.

Ist das auch der Grund dafür, warum nicht alle Betriebsärzte in Deutschland mitimpfen?

Wir haben 9000 Betriebsärzte in Deutschland. Darunter sind aber auch welche, die in Behörden tätig sind, in denen Impfungen vielleicht nicht möglich sind. Es gibt zudem Einzelkämpfer, die ohne Assistenzpersonal die komplizierte Aufbereitung des Impfstoffs nicht sicherstellen können. Daher beteiligen sich an der Aktion nur rund zwei Drittel aller Betriebsärzte.

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Uwe Gerecke ist Präsidiumsmitglied im Verband der Deutschen Betriebs- und Werksärzte (VDBW).

Wie ist denn die Bereitschaft der Menschen? Gibt es einen Run oder müssen viele auch überzeugt werden?

Derzeit haben wir natürlich einen ordentlichen Run. Als klar wurde, dass die Betriebsärzte dabei sind und die ersten Terminlisten freigeschaltet wurden, hat es nur wenige Minuten gedauert, bis die Listen voll waren. Aber es können noch immer nicht alle vollständig bedient werden.

Viele Menschen, die eine Erstimpfung mit Astrazeneca hatten, wollen nun kurz vor dem Urlaub ihre Zweitimpfung mit Biontech. Das können Betriebsärzte aber nicht machen, oder?

Betriebsärzte impfen - genauso wie andere auch - immer im Doppelpack, also die erste und die zweite Impfung verteilt. Das hat etwas damit zu tun, dass wir immer auch eine Impfpriorisierung machen, auch wenn diese offiziell natürlich aufgehoben ist. Weil wir so wenig Impfstoff haben, müssen wir auch in den Betrieben zunächst einmal schauen: Wer kommt als Erstes dran? Deswegen wollen wir zunächst die besonders Gefährdeten in den Betrieben impfen. Das sind Menschen, die viele Außenkontakte haben oder die eng miteinander zusammenarbeiten und die nicht im Homeoffice arbeiten können. Deswegen gibt es nun auch erst einmal die Erstimpfungen und in einigen Wochen die Zweitimpfungen - und nicht für den Urlaub. Wir wollen, dass möglichst viele geschützt werden am Arbeitsplatz.

Am Wochenende hat die Diskussion begonnen, wie lange wir eigentlich noch Maske tragen müssen. Ist das Ende dieser Pflicht bereits in Sicht?

Trotz des schwierigen Starts hat sich über den Winter gezeigt, wie wichtig das Maskentragen war. Wir haben so zum Beispiel gar keine Grippeerkrankung gesehen in diesem Jahr und einen ordentlichen Schutz durch die Masken gehabt. Als Arbeitsmediziner wünsche ich mir, dass wir noch weiter die Kraft haben, die Masken zu tragen, vor allen Dingen dort, wo wir uns nahe sind - in engen Situationen am Arbeitsplatz, im öffentlichen Nahverkehr und dort, wo Menschen eng miteinander zusammen sind, ohne ausreichende Lüftung, ohne im Freien zu sein. Deswegen wird es noch ein paar Tage dauern, bis wir alle auf diese Masken verzichten können.

Aber dort, wo nun draußen gearbeitet wird, könnte die Maskenpflicht zuerst aufgehoben werden?

Für Menschen, die einen ausreichenden Abstand einhalten können, können wir natürlich dann auch auf das Tragen der Masken verzichten. An frischer Luft, bei ausreichender Lüftung, wird es sicherlich möglich sein und auch als Erstes kommen.

Wie erklären Sie es all denen, die fragen: Ich bin schon zweimal geimpft, muss mich trotzdem zweimal im Betrieb testen lassen und auch Maske tragen?

Wir haben keine Testpflicht in den Betrieben. Die Arbeitgeber sind aber aufgerufen, den Arbeitnehmern mindestens einmal, in manchen Situationen auch zweimal in der Woche einen Test anzubieten. Wir wissen, dass die Impfung schützt. Aber auch zweimal Geimpfte können das Virus noch in sich tragen und möglicherweise immunsensible Menschen infizieren. Solange hier keine ausreichenden Erfahrungen vorliegen, ist es sicherlich besser, wenn auch diese Menschen weiterhin einen Mundschutz tragen und die Abstands- und die Hygieneregeln einhalten.

Mit Uwe Gerecke sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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