Panorama

Epidemiologe Timo Ulrichs "Lolli-Tests bringen mehr Sicherheit"

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Für eine halbe Minute lutschen die Schüler auf einem Stäbchen, alle zusammen werden auf das Coronavirus getestet - so lassen sich Ausbrüche in Schulklassen schnell erkennen und stoppen.

(Foto: dpa)

In NRW werden per Lolli-Tests alle Schüler regelmäßig auf das Coronavirus getestet. In der jetzigen Phase der Pandemie sieht Epidemiologe Ulrichs im ntv-Interview darin den richtigen Schritt - bis es zu einer konsequenten Durchimpfung der Kinder kommen kann. Für den Sommer ist Ulrichs optimistisch.

ntv: Die Corona-Zahlen sind erfreulich und das schon seit Tagen. Haben wir die dritte Welle gebrochen?

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Der Infektionsepidemiologe Timo Ulrichs lehrt an der Berliner Akkon-Hochschule.

(Foto: ntv)

Timo Ulrichs: Das sieht wirklich ganz gut aus, dass wir jetzt in einer Kombination aus verschiedenen Maßnahmen zum Ziel kommen. Die dritte Welle geht tatsächlich zurück - nicht nur wie die zweite Welle bis zu einem bestimmten Niveau, sondern wirklich ganz nach unten. Und die Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, sind der bundeseinheitliche Lockdown mit den Maßnahmen, die jetzt doch zu wirken scheinen. Und zweitens auch die Saison: Wir gehen in die warme Jahreszeit mit erhöhter UV-Einstrahlung, die Menschen sind draußen. Und, drittens, sehen wir eben anteilig zumindest auch schon einen epidemiologischen Effekt der Impfungen. Alles zusammen wird dann dazu führen, dass wir im Sommer mit den Zahlen unten bleiben werden.

Welchen Anteil haben Notbremse und Impfen? Was ist im Moment der entscheidende Faktor dafür, dass die Zahlen runtergehen?

Das ist wirklich sehr schwer zu sagen. Also die bundeseinheitliche Notbremse kam ja ziemlich spät. Aber sie wird auf jeden Fall einen Effekt haben. Was man auch wirklich sehr schwer einschätzen kann, ist der saisonale Effekt. Also das, was wir ja auch beobachtet haben vor etwa einem Jahr, dass uns die Zeit in die Hände gearbeitet hat. Dieser Sommer wird wohl auch mit den niedrigen Zahlen einhergehen - möglicherweise mit kleineren Ausbrüchen, aber mit der Aussicht, dass da auch nichts Großes mehr kommen wird.

Besteht denn die Gefahr, dass wir uns das noch kaputt machen, wenn wir zu früh lockern oder zu weit öffnen?

Ja, diese Gefahr besteht auf jeden Fall. Deswegen sollte man tatsächlich behutsam mit den Lockerungen beginnen, dass man erst mal die Außenbereiche aufmacht. Also Sport im Freien, Außengastronomie, alles das, was an der frischen Luft passieren kann. Da ist das Risiko am allergeringsten. Und dann kann man Stück für Stück weitergehen. Ziel sollte sein, dass wir Richtung Sommer nicht nur mit dem Impfen weiter sein werden, sondern eben auch mit den Zahlen so weit unten, dass wir wieder einzelne Ausbrüche sichtbar machen.

In Schulen in NRW werden jetzt Lolli-Tests, also Pool-PCR-Tests ganzer Klassen, eingesetzt. Ist das eine gute Idee?

Das bringt mehr Sicherheit. Zusammen mit dem Hygiene-Konzept, dass man da, wo positiv getestet wird, diese einzelnen Gruppen erstmal rausnimmt, ansonsten aber versucht, die Schulen als Ganzes offenzulassen - wenigstens bis zu den Sommerferien. Und dann ist die Hoffnung, dass man mit dem Durchimpfen der Erwachsenen, aber vor allen Dingen auch der Kinder ab zwölf dann noch zusätzliche Sicherheit schafft, wenn die Schule dann nach den Sommerferien wieder losgeht.

Sollte man die Kinder in den Sommerferien impfen, zumindest die 12- bis 15-Jährigen, für die der Impfstoff dann wahrscheinlich zugelassen sein wird?

Ja, das wäre gut. Wir sagen immer, Schulen haben höchste Priorität. Es ist ja auch genug Schaden angerichtet worden durch das Virus. Es ist leider so, dass noch nicht alle Altersgruppen zugelassen werden fürs Impfen. Aber man kann sich ja Stück für Stück vorarbeiten. Und auf jeden Fall sollten auch prioritär die Kinder geimpft werden, damit wir mit den Schulen auf die sichere Seite kommen. Wir haben ja jetzt genug Impfstoff-Dosen zur Verfügung, sodass es kaum oder gar keine Nachteile gibt für die anderen Altersgruppen.

Wann und für wen werden Auffrischungsimpfungen die nötig sein?

Das kann man noch nicht so richtig sagen. Jetzt sehen wir erstmal die Wirkung. Einige Länder, die uns voraus sind mit dem Impfen, haben schon ganz gute Daten. Die Wirkung ist tatsächlich umfassend, auch gegen die verschiedenen Varianten. Und wir sehen, dass diese Wirkung auch einen epidemiologischen Effekt hat, nicht nur individuellen Schutz bietet. Es spricht eigentlich sehr viel dafür, auch wegen der Art und Weise wie das Coronavirus sich verändert, dass der Immunschutz noch eine ganze Weile anhalten wird. Ich gehe da eher von Jahren aus, es sei denn es kommen noch ganz andere Varianten aus den Ländern des globalen Südens, wo noch nicht viel geimpft wird. Dann müsste man nochmal den Impfstoff anpassen und nachimpfen, möglicherweise schon ab Herbst, aber das ist sehr unwahrscheinlich. Die Chancen stehen wirklich sehr gut, dass wir nach unserer Durchimpfungskampagne erstmal lange Zeit auf der sicheren Seite sein werden.

… dass wir also gar keine Auffrischungsimpfung brauchen?

Genau! Wenn, dann möglicherweise erst nach Jahren. Und bis dahin sind die Impfstoffe sicher auch für die ganz kleinen Altersgruppen freigegeben, auch für die Neugeborenen und Kleinkinder. Dann wird die Corona-Impfung in den Impfkalender der STIKO aufgenommen werden als klassische Kinderimpfung.

Mit Timo Ulrichs sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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