Politik

Polemik, Lüge und Inszenierung in der Politik Alles ist erlaubt

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Wer austeilen kann, muss auch einstecken. FDP-Wahlplakate sind eine beliebte Vorlagel für boshafte Schmierereien.

(Foto: REUTERS)

Wahlkampf ist immer auch eine gewaltige Show. Und niemand kann eine gewaltige Show besser bewerten als ein Mensch aus der Welt des Theaters. Ein Perspektivwechsel.

In den Tagen vor der Bundestagswahl haben bestimmte Berufsgruppen die Deutungshoheit: Es sind Politikwissenschaftler, Historiker und Hauptstadtjournalisten. Ihr Urteil fällt 2013 einhellig aus: Die CDU bleibt die stärkste Kraft im Bundestag und Angela Merkel Deutschlands Kanzlerin.

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Stefan Kaegi: "Es macht keinen Sinn, Tabus zu schaffen."

(Foto: Hebbel am Ufer)

Doch was, wenn ein Experte aus einer Berufsgruppe diese Frage beantwortet, die bei diesem Thema für gewöhnlich nicht zu Wort kommt? Ein Experte, der sich wie der Politikwissenschaftler mit Macht und Intrige auskennt? Ein Experte, der wie der Historiker stets auch die Geschichte hinter dem Tagesgeschäft erblickt, der die Tricks der Inszenierung mindestens so gut kennt, wie der Berlin-Korrespondent der großen Tageszeitung? Ein Experte vom Theater.

Wäre der Bundestagswahlkampf ein Stück auf einer großen Bühne, es gäbe einen Regierungswechsel.

Wer leidet, siegt

Auf der Bühne gibt es laut dem Regisseur Stefan Kaegi eine einfache Regel. "Es kriegen immer die Leute am meisten Applaus, deren Figur am meisten gelitten hat. Mit diesen Figuren identifiziert sich der Zuschauer schließlich besonders stark."

Wer auf der Berliner Bühne am meisten erdulden musste, ist offensichtlich: Peer Steinbrück und Jürgen Trittin. Der Sozialdemokrat bekam schon kurz nach seiner Nominierung zum Kanzlerkandidaten den Spitznamen "Pannen-Peer". Der Druck des Wahlkampfes trieb ihm vor laufender Kamera Tränen in die Augen. Und der Spitzenkandidat der Grünen? Der musste ansehen, wie seine Partei in Umfragen von fast 30 Prozent auf neun abstürzte. Er durchlebte einen epochalen Aufstieg und einen tiefen Fall. Für Kaegi ist daher klar: Gemessen an seiner Theater-Regel heißen die Wahlsieger Steinbrück und Trittin, Rot und Grün.

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Steinbrück kommen angesichts der Härten des Wahlkampfes auf einem Parteikonvent die Tränen. Wäre er ein Schauspieler, hätte er damit gepunktet.

(Foto: picture alliance / dpa)

Aus plausiblen Grund zählen Regisseure und Dramaturgen in Wahlkampfzeiten nicht zu den beliebtesten Gästen in Talkshows. Eine Regierung ohne Merkel ist derzeit ein denkbar unrealistisches Szenario. Die Aussagekraft von theaterwissenschaftlich hergeleiteten Prognosen ist begrenzt. Und natürlich ist auch Kaegi bewusst, dass es fatal wäre, seine Stimme allein von jener Regel des Leids und des Mitgefühls abhängig zu machen. "Es geht ja nicht darum, dass am Ende der Kanzler wird, der am menschlichsten rübergekommt, sondern der, der den besten Job macht", sagt er.

Doch der Blick aus der Perspektive eines Menschen vom Theater hat trotzdem seinen Reiz: Er regt dazu an, die gewohnten Kriterien, die letztlich die Entscheidungen im Wahllokal beeinflussen, zu hinterfragen. Dass die Härten, auf die einige Kandidaten im Wahlkampf gestoßen sind, offensichtlich überhaupt keine Auswirkungen auf ihren Erfolg beim Wähler haben, stimmt nachdenklich.

Der Bundestag Live und auf der Bühne

Kaegi ist nicht irgendein Regisseur. Es gibt in der Welt des Theaters im deutschsprachigen Raum wohl nur wenige, die so geeignet für eine Einschätzung des Wahlkampfes wären wie er. Der studierte Theaterwissenschaftler widmet sich mit dem Künstler-Kollektiv Rimini-Protokoll immer wieder der deutschen Politik und das in der Regel mit dokumentarischen Ansätzen. Am 27. Juni 2002 inszenierte er eine komplette Bundestagssitzung. Er ließ die Redebeiträge Live aus dem Plenarsaal in Berlin nach Bonn übertragen und nach dem Prinzip der Simultanübersetzung von Wählern, die in die Rollen der Abgeordneten schlüpften, nachsprechen.

Derzeit versucht er unter anderem, den Wert von Statistiken für die politische Argumentation zu hinterfragen. Dafür bringt er in Projekten wie "100 Prozent Dresden" jeweils 100 Bewohner einer Stadt auf die Bühne, ausgewählt nach statistischen Kennwerten wie Ausländeranteil, Frauen, Arbeitslose. Dahinter steht die Frage: "Was ist, wenn die Statistiken Gesichter bekämen?"

Die Rampensau Merkel

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FDP-Politiker Lars Lindemann veröffentlichte anlässlich des Veggie-Days ein manipuliertes Nazi-Propaganda-Plakat auf seiner Facebook-Seite.

Aber zurück zum Blick des Theater-Menschens auf den aktuellen Wahlkampf. Die Rolle von Empathie, vom Mitleiden mit einem Protagonisten ist nicht die einzige Facette, in der die Wahrnehmung Kaegis einen anderen Blick ermöglicht. Etliche Politikwissenschaftler und Berlin-Korrespondenten beschrieben in den vergangenen Monaten, dass sich die Parteien inhaltlich immer stärker annäherten. Beispielhaft sind unzählige Debatten über die Verbürgerlichung der Grünen, die Sozialdemokratisierung der CDU und alle daraus erwachsenen neuen Koalitionsoptionen. Und sie beschrieben, dass ihre Positionen selbst im Wahlkampf für viele Wähler kaum zu unterscheiden sind. Schuld war den Experten zufolge die Strategie der asymetrischen Demobilisierung Merkels - also die Methode, jeglicher inhaltlichen Debatte auszuweichen und das Wahlvolk einzulullen.

Kaegi folgt dieser Argumentation nur zum Teil. "Es wurde viel bemängelt, dass die Kampagnen so ununterscheidbar sind," sagt er, "aber in der Grundbotschaft gibt es einen ganz wesentlichen Unterschied zwischen der Koalition und der Opposition." Kaegi meint die unterschiedliche Rolle des Individuums und der Masse bei den Parteien. "Auf der einen Seite steht die Einzelperson. Auf der anderen Seite die breite Pluralität." Und das laut Kaegi auf mehreren Ebenen.

Als Beispiel nennt er den Wahlspot der CDU. Außer der Kanzlerin ist darin kein anderer Mensch zu sehen.  Für Kaegi ist das bezeichnend. "Dieses extreme, im Theater würde man sagen, Rampensäuische, was ihrer Persönlichkeit eigentlich nicht entspricht, drückt Misstrauen gegenüber ihrem Kabinett aus." Wie eine Teamspielerin erscheine sie nicht.

Das hässliche Spiegelbild des Zeitgeistes

Ganz anders der Spot der SPD, findet Kaegi. Die Sozialdemokraten lassen zuerst etliche Bürger sprechen. Steinbrück kommt als Letzter zu Wort. Für Kaegi zeigt sich da auf der einen Seite, bei der Kampagne der Union, der Wunsch nach einer starken Führungsperson, auf der anderen der nach flachen Hierarchien. "Wenn ich mir die Kampagnen anschaue, gucke ich mir den Spiegel dessen an, was die Parteien für den Zeitgeist in der Bevölkerung halten", sagt Kaegi.

Für den Regisseur ist aber nicht nur der Wunsch nach einer starken, alle anderen Persönlichkeiten überdeckenden Führungsfigur erschreckend. Nachdenklich stimmt ihn auch, dass es offenbar keine Tugend mehr ist, zu teilen. "Es ist besorgniserregend, dass offensichtlich eine Mehrheit nicht mehr dafür ist", sagt er und erinnert an den Aufschrei über die Steuerpläne der Grünen.

Alles ist erlaubt

Wer nun glaubt, der Blick des Theatermannes auf die Politik ist der eines großen Moralisierers, irrt. Eine Einschätzung eint praktisch alle, die sich professionell mit Politik beschäftigen: Lügen sind tabu. Vor allem im Wahlkampf geht es in erster Linie um Glaubwürdigkeit. Derart absolut sieht Kaegi das nicht. "Im Theater ist immer alles erlaubt. Es macht keinen Sinn, da Tabus zu schaffen." Er fügt hinzu: "Ich will auch nicht reglementieren, was im Wahlkampf erlaubt ist."

Ein prominentes Beispiel für eine Kampagne, die mindestens an eine Lüge grenzt, ist die der FDP gegen den Veggie-Day der Grünen. Wiederholt unterstellten Liberale der Partei faschistoide Züge, weil sie den Menschen angeblich das Fleischessen verbieten will. Doch von einem Verbot war bei den Plänen nie die Rede. Für Kaegi ist aber selbst das kein Tabubruch. Im Gegenteil. Zum einen hält Kaegi das Bildungsniveau der Wähler in Deutschland für zu hoch, als das sie auf allzu plumpe Wahlkampflügen hereinfielen. Vor allem aber wünscht er sich noch mehr Polemisierung und Zuspitzung. Denn seiner Meinung reißt die Politik die Menschen viel zu selten wirklich mit. "Das gelingt derzeit doch nur, wenn es um ganz lokale Themen geht, um den Bahnhof in der Heimatstadt oder die Einflugschneise über dem eigenen Haus." Bei den großen, bedeutsamen Themen dagegen, so Kaegis Kritik, rühren sich die Wähler nicht.

 

Quelle: n-tv.de