Politik

Integrationsmodell als Vorbild Bürgermeister erklärt die "Lahrer Rezeptur"

imago86219997h.jpg

Taugt die "Lahrer Rezeptur" für Integration als Modell für ganz Deutschland?

(Foto: imago/Müller-Stauffenberg)

Rund ein Viertel der Bevölkerung von Lahr im Schwarzwald besteht aus Spätaussiedlern, die Mitte der 1990er Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion in die Stadt strömten. Der Lahrer Oberbürgermeister erklärt in einem langen Brief, wie die Integration gelang. Ein Modell für ganz Deutschland?

Integration setzt Offenheit voraus

Wolfgang Müller: "Unsere jahrelange Erfahrung im Miteinander-Leben der verschiedenen Kulturen in der Stadt hat gezeigt, dass es früher wie heute einer offenen Diskussionskultur und Auseinandersetzung mit dem Begriff der Integration bedarf. Wer in einem neuen Land, in einer neuen Kultur ankommt, darf seine alte Heimat, die Kultur seiner Herkunft und seiner Eltern weiterhin im Herzen bewahren. Das ist für sehr viele Menschen wichtig, um sich in einem neuen Lebensumfeld und einem neuen Lebensrhythmus zurechtzufinden. Damit muss aber auch die Bereitschaft verbunden sein, sich auf das neue gesellschaftliche Umfeld einzulassen, die Bereitschaft, sich selbst eine mit der Herkunft gleichberechtigte, neue, zweite Heimat zu geben.

Alte Heimat darf nicht gegen neue Heimat stehen, alte Kultur nicht gegen neue. Ich erinnere an Deutschstämmige im Ausland, zum Beispiel in den USA, Kanada, Brasilien oder Venezuela, die fest und unverrückbar zu ihrer neuen Heimat stehen und doch gleichzeitig deutsche Kulturelemente wie Sprache oder Küche weiterpflegen. Es braucht die 'ausgesöhnte Verschiedenheit' zwischen den Kulturen, wie es ein Lahrer Pfarrersehepaar einmal formulierte. Gleichzeitig erwarte ich, dass Neuankömmlinge - gleich ob sie aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kommen - zu ihrem neuen Land stehen. Und genau das Gleiche gilt auch für die Einheimischen.

Es darf keinen Verdrängungswettbewerb geben. Neuankömmlinge bzw. eine neue Minderheit besitzen gleichviel Würde wie bisherige Minderheiten und die Mehrheit. Jeder will aber in seiner eigenen Identität wahrgenommen werden. Vielfach rühren Vorbehalte gegenüber Fremden daher, dass deren Identität (zumindest in einer ersten Phase) prägnanter, wahrnehmbarer scheint als die eigene, etwa durch Hautfarbe oder offene Religionsausübung. Dies ist nicht immer einfach, es braucht Geduld und Akzeptanz, damit zum Beispiel kulturelle, religiöse oder ethnische Unterschiede auch langfristig Bestand haben dürfen, ohne dass sie den Wohlstand oder die Würde der eigenen Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, bedrohen würden."

Integration braucht Vehikel des Kennenlernens

Müller: "Je schneller der Mensch in einen ganz normalen Lebensrhythmus kommt, das heißt, zur Arbeit beziehungsweise zur Schule geht oder eine Ausbildung macht, desto schneller fühlt er sich akzeptiert und zu Hause. Natürlich ist die Sprache dafür das A und das O, weil sie Voraussetzung der gemeinsamen Kommunikation ist. Deshalb legen wir in Lahr bereits in unseren Kindertageseinrichtungen den Fokus auf die Sprachförderung. Darüber hinaus braucht es auch für Erwachsene Orte der Begegnung, sozusagen Brücken des Aufeinanderzugehens und des Sich-Kennenlernen-Könnens.

Einkaufen, Sport und Musik sind dafür ausgezeichnete Vehikel, die gleichermaßen Vertrautes und Neues miteinander verbinden. Vereine erfüllen hierbei eine herausragende Funktion, weil sie ganz automatisch das Verbindende, eben das gemeinsame Interesse zum Beispiel an der Musikrichtung oder der Sportart, zwischen den Menschen erlebbar machen. So wird Gemeinsamkeit Realität. Unsere Stadt schafft zusätzliche institutionalisierte Angebote, etwa durch einen Interkulturellen Beirat, der den Gemeinderat berät. Wir setzen auf die Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger, stoßen den Prozess des Miteinanders an, moderieren und begleiten ihn."

Integration bedarf der Anstrengung

Müller: "Neuankömmlinge bringen zwangsläufig ihre eigenen Erfahrungen mit, welche Gewohnheiten sie als rechtskonform und statthaft ansehen, welche Freiheiten geschützt sind und wo Freiheit Grenzen hat. Dabei haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, mit einem kommunalen Ordnungsdienst präsent zu sein. Wir zeigen im öffentlichen Raum, etwa in Parks oder an lauschigen Plätzen Grenzen auf, wenn es sein muss. Wir erwarten, dass die Neuankömmlinge, die sich für unser Land und unsere Stadt entschieden haben, bereit sind, ihren eigenen Beitrag zu leisten - sich anstrengen, um Teil der neuen Gemeinschaft zu werden. Trittbrettfahren darf es nicht geben!

In Lahr ist uns gelungen, aus Nicht-Lahrern Lahrer zu machen. Wir haben große Anstrengungen unternommen, Geduld und Toleranz aufgebracht und viel Geld ausgegeben. Die Neuankömmlinge in Lahr haben sich behauptet und Ja gesagt zu dieser Stadt. Lahr wiederum konnte für Fremde neue Heimat werden. Lahr hat dies zugelassen und ist dadurch reicher geworden."

Neue Identitäten zulassen, aber nicht bevorzugen

Müller: "Jeder muss ein Stück auf den anderen zugehen, sonst klappt es nicht mit der Integration. Schlussendlich müssen alle das gleiche gesellschaftliche Ziel haben, mehr zu machen aus der gemeinsamen Stadt in allen Aspekten. Hierzu gehören neue Potentiale, mehr Vielfalt, Wandel ohne Verdrängung oder Majorisierung. Auch in einer Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern ist das Ausdruck urbaner Gesellschaftsdynamik.

Die 'Lahrer Rezeptur', mit der wir die Integrationsaufgabe seit den 1990er Jahren angegangen sind, hat weiterhin Geltung. Angesichts der vollkommen unterschiedlichen Hintergründe der neuen Migrantengruppen sind die Bestandteile dieser Rezeptur jedoch immer wieder neu zu gewichten.

In Anlehnung an einen aktuellen Artikel von Francis Fukuyama kann ich das Credo der 'Lahrer Rezeptur' so charakterisieren: 'Als städtische Gesellschaft sichern wir unsere Handlungsfähigkeit dadurch, dass wir uns nicht in viele kleine Gruppen aufspalten lassen.' Wir versuchen immer, unsere kulturelle Diversität zusammen zu fügen für unsere große Gemeinsamkeit, Lahrer oder Lahrerin zu sein. Denn das Leben aller Lahrer spielt nicht in Italien, Syrien oder der Türkei, auch nicht in Bayern oder Sachsen, sondern an dem Ort unserer Gemeinsamkeit, in Lahr!

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema