Politik
Plan des Schienennetzes von "La Bestia".
Plan des Schienennetzes von "La Bestia".(Foto: Issio Ehrich)
Mittwoch, 14. März 2018

Gestrandet im Süden Mexikos: Der Schutzraum im Visier der Gangs

Von Issio Ehrich, Tenosique

Jedes Jahr gehen bei den Mitarbeitern von "La 72" im Süden Mexikos ein bis zwei Morddrohungen ein. Die Unterkunft für Flüchtlinge aus Zentralamerika hat etliche Gegner.

Worum es geht, ist kein Geheimnis. Auf dem Gelände am Stadtrand von Tenosique, im tiefen Süden Mexikos, gibt es viele Zeichen der Anklage. Die Fassade der kleinen Kirche, die dort steht, zum Beispiel. Die Wand verzieren keine Engelsgestalten, auf ihr prangen Totenköpfe. Der einprägsamste Hinweis ist aber der Name des Komplexes: "La setenta y dos", die 72.

Am 3. August 2010 hatten Mitglieder des Los-Zetos-Kartells in San Fernando im Norden des Landes 72 Migranten aus Zentralamerika ermordet. Einer der zwei Überlebenden sagte, dass die Flüchtlinge nicht bereit gewesen seien, Drogen für die Gangster zu schmuggeln.

Der Franziskanermönch Tomás González Castillo machte es sich zur Aufgabe, immer wieder an diese Toten, von denen bis heute nicht alle identifiziert worden sind, zu erinnern. Er baute eine Herberge für Migranten aus Zentralamerika und gab ihr den symbolhaften Namen.

Der Ordensbruder prägte die Philosophie, dass es nicht nur darum gehen könne, Almosen zu verteilen, sondern darum gehen müsse, Zeichen zu setzen, offensiv Menschenrechte einzufordern, nicht nur für jene 72, sondern für alle Migranten - obwohl das in dieser Gegend Mexikos gefährlich ist. Für die organisierte Kriminalität und die kleineren lokalen Banden sind die Migranten eine Geldquelle. Für die Behörden sind sie eine Belastung, für die das Land Mexiko möglichst abschreckend wirken soll.

Die Mitarbeiter von "La 72" bekommen eigenen Angaben zufolge im Schnitt ein bis zwei Morddrohungen pro Jahr. Mal steht jemand vorm Tor, mal liegt ein Brief im Briefkasten und mal klingelt das Telefon. Rein statistisch dürfte es in diesem Jahr bald wieder so weit sein.

Trump wiegelt lokale Bevölkerung auf

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich reist derzeit durch Mexiko. Er begibt sich auf die Spuren von Migranten, die mit dem Ziel USA nach Norden drängen. Und er trifft die Menschen, die versuchen, genau das zu verhindern. In seinem Tagebuch berichtet er für n-tv.de regelmäßig von seinen Erlebnissen bei der Recherche.

Was ich bei der Vorrecherche über "La 72" lese, lässt mich vorsichtig werden. Ich kenne mich mit Migration aus, aber ich bin kein Mexiko-Experte. Ich frage etliche lokale Kollegen, erkundige mich, worauf ich achten muss. Vor Ort bin ich dann umso überraschter, wie friedlich alles wirkt.

Die meisten Wände im Inneren der Anlage haben Künstler in bunten Farben bemalt, es gibt einen Fußballplatz, auf dem sich Jungs austoben. An kleinen Sitzinseln mit Strohdächern am Rande kuscheln Paare. Kurz vorm Essen wuseln die Bewohner mit Besen und Schaufeln über das Gelände und putzen.

Dass jenseits der dicken Außenmauern Gefahren lauern, vor allem für Migranten, ist trotzdem unübersehbar. Ich entdecke einen Mann mit Bandagen um den Arm. "Die Bestie" hat ihn gebissen. Tenosique liegt nur 60 Kilometer von der Grenze Guatemalas entfernt und nur ein paar Hundert Meter von einem kleinen abgewrackten Güterbahnhof. Hier beginnt für viele die Fahrt mit "La Bestia", den Frachtzügen, auf denen Migranten in Richtung USA reisen. Die Züge fahren seit der Auflage eines Regierungsprogramms im Jahr 2014 schneller. Zu schnell für den Mann, der einen schweren Rucksack trug. Er verlor drei Finger und den Daumen seiner rechten Hand, als er aufspringen wollte.

Ich sehe auch einen Mann mit einem zertrümmerten Bein. Er fiel bei einer Kontrolle der Behörden vom Dach eines Waggons. Eine Situation, die sich oft zu wiederholen scheint. "La 72" versorgt die Menschen, die von der "Bestie" fallen und protestiert lautstark gegen das rigorose Vorgehen der Behörden.

Seit Donald Trump US-Präsident ist und lauthals vor Gangstern aus Zentralamerika warnt, nimmt laut Ramón Márquez, der seit drei Jahren Direktor der Einrichtung ist, auch die Feindseligkeit der Bürger von Tenosique gegen Zuwanderer zu. Obwohl die Menschen, die bei "La 72" Unterschlupf suchen, doch genau vor diesen Gangstern fliehen.

75.000 Menschen geholfen

Ramon Márquez.
Ramon Márquez.(Foto: Issio Ehrich)

Die Menschen, die hier teils zum ersten Mal seit Jahren zur Ruhe kommen, erzählen Geschichten von Morddrohungen, Entführungen und Folter - in ihren Heimatländern Guatemala, El Salvador oder Hondoras, aber auch in Mexiko. Im "La 72" fühlen sich viele, mit denen ich spreche, nach langer Zeit wieder richtig sicher. Zu Recht, wie mir Direktor Márquez versichert.

Seit das Projekt über Mexiko hinaus Aufmerksamkeit genießt, sei der Druck auf die hiesige Regierung groß, dass dort über Drohungen hinaus auch in Zukunft weiter nichts passiere. Vor dem Eingang steht immer eine Polizeistreife. Der Gründer, Ordensbruder Tomás, hat Personenschützer, und das ganze Areal wird videoüberwacht. Márquez fügt allerdings hinzu: "Sobald du da draußen bist, weißt du nicht, was passieren kann." Die Situation sei zwar keinesfalls mit der Lage im Nordosten des Landes zu vergleichen, wo Drogen-Kartelle einige Landstriche völlig kontrollierten. "Aber wir leben hier absolut in einem feindseligen Umfeld."

Ein Flüchtling aus Honduras erzählt mir, dass die berüchtigte Organisation Mara Salvatrucha (MS13) versucht, Spione in dem Unterschlupf einzuschleusen, um besser abschätzen zu können, wann welche lukrative Ziele sich wieder nach draußen begeben. Direktor Márquez schließt solche eingeschlichenen Banden-Mitglieder trotz scharfer Einlasskontrollen angesichts der großen Zahl an Menschen, die hier ein und aus gehen, zumindest nicht aus. "La 72" hat seit 2011 rund 75.000 Menschen geholfen - mit einem Platz zum Schlafen, etwas zu essen, Kleidung, juristischer, psychologischer und medizinischer Beratung.

Mit dem feindseligen Umfeld meint Márquez trotz des Drucks durch internationale Institutionen auch noch immer die mexikanischen Behörden. Die gehen mit unverminderter Härte gegen Migranten vor. Aber nicht nur das. Im vergangenen Jahr, so berichtet er es mir, wurden einige seiner Mitarbeiter von Angestellten der Migrationsbehörde schikaniert, weil sie Flüchtlinge aus der Nachbarschaft im Auto mit in den Unterschlupf genommen haben.

Mich erinnert das sofort an die Situation im Mittelmeer, in der Nichtregierungsorgansationen, die Menschen aus Seenot retten, als Menschenschmuggler gebrandmarkt und kriminalisiert werden.

Die Leute von "La 72" werden trotz derartiger Erlebnisse nicht müde, auf die Missstände im Umgang mit Flüchtlingen und Migranten in Mexiko hinzuweisen. Auch nicht auf die, die der Staat mitverantwortet. Sie veröffentlichten Berichte über korrupte Polizisten, die Migranten aufgreifen und an die Lösegelderpresser aus der organisierten Kriminalität übergeben. Es ist ein gutes Gefühl, dass sich "La 72" nicht einschüchtern lässt.

Quelle: n-tv.de