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"Sin Nombre" - Namenlos Auf der Flucht in ein besseres Leben

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Ein Leben für die Mara: Willy aka El Casper.

(Foto: ProKino)

Brutaler Gang-Alltag in Lateinamerika und abenteuerliche Liebesgeschichte: "Sin Nombre" bietet beides. Ein atemberaubender Filmtrip mit beeindruckenden Bildern und Darstellern.

Die Wege der Menschen auf der Suche nach dem Glück sind so vielfältig wie die Vorstellungen davon, was Glück überhaupt ist. Die Hauptpersonen in "Sin Nombre" ("Namenlos") versuchen durchaus ihr Glück - eigentlich geht es aber in erster Linie um eine Flucht: aus dem Elend, der Hoffnungslosigkeit, der Gewalt. Verheißungsvolles Ziel dabei: "El Norte", der Norden, die USA.

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Auf dem Zug illegal Richtung reicher Norden: Sayra und Casper auf der Reise in ein besseres Leben.

(Foto: ProKino)

Die Fluchtmotive der beiden Hauptpersonen sind dabei ganz unterschiedlich: die junge Honduranerin Sayra lebt bei ihrer Großmutter in Tegucigalpa, umgeben von Armut und Verzweiflung, ohne Aussicht auf eine anständige Arbeit, ein Leben in Würde. Ihr Vater, den sie seit Jahren nicht gesehen hat – er hatte das Land und die Familie aus denselben Gründen verlassen und in den USA mit einer anderen Frau ein neues Leben begonnen - will sie zu sich holen ins gelobte Land "Estados Unidos".

Verrat ist lebensgefährlich

Gemeinsam mit ihrem Onkel besteigen sie – im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie reisen illegal auf dem Dach – einen Zug Richtung Mexiko, um von da aus in die USA zu gelangen.

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El Casper muss vor der Mara flüchten.

(Foto: ProKino)

Dort begegnet sie Casper (alias Willy), Mitglied der berüchtigten Bande Mara Salvatrucha, der ihr zu Hilfe kommt, als ein Mitglied seiner Gang sie vergewaltigen will. Damit besiegelt er sein eigenes Todesurteil: Untreue oder Verrat an der Mara sind unverzeihlich und werden mit dem Leben bezahlt. Fortan sind sämtliche Bandenmitglieder in ganz Mexiko hinter ihm her, die Schlinge zieht sich immer enger zu ...

Aus Dankbarkeit für seine Hilfe, verbunden mit den hormonellen Schwankungen des Teenagerdaseins, verlässt Sayra entgegen aller Vernunft heimlich Vater und Onkel und hängt sich an Casper – ein dramatisches Versteckspiel beginnt.

Die Maras sind überall

Denn die Maras haben überall ihre Leute: Die Mara Salvatrucha ist eine perfekt organisierte Verbrecherorganisation, der schätzungsweise etwa 100.000 Mitglieder angehören. Als Ursprungsland zählt El Salvador. Sie hat ihre größte Verbreitung in Lateinamerika, aber auch in Nordamerika und sogar in Europa – hier vor allem in Spanien – bilden sich immer mehr "Clikas" (kleine Gruppen von 10 bis 70 Mitgliedern). Auch in Deutschland soll es mittlerweile um die 200 Mareros geben.

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Sayra sucht aus Dankbarkeit die Nähe zu Casper.

(Foto: ProKino)

Die Mara gilt als gewaltbereiter und gefährlicher als andere Gangs. Sie macht Milliarden mit Erpressung, Prostitution, Drogen-, Menschen- und Waffenhandel ... dem gesamten Arsenal dunkler Machenschaften, die vor allem auf dem Boden von Armut, Korruption und politischer Instabilität so gut gedeihen.

Der Film verbindet zwei große Problemfelder miteinander, die wiederum eng zusammenhängen: Das wirtschaftliche Nord-Süd-Gefälle, welches die enormen Flüchtlingsströme von Süd- nach Nordamerika und von Afrika nach Europa zur Folge hat, und das kriminelle Netzwerk der Maras, das in einem wirtschaftlich zerrütteten System scheinbar Sicherheit und Zusammenhalt bietet – aber nur bei absoluter Unterordnung, ohne eine Möglichkeit des Ausstiegs. Dazu eine zarte Liebesgeschichte, die kaum den Hauch einer Chance hat in dieser von Gewalt und Überlebenskampf geprägten Welt, am Zug vorbeiziehende Bilder einer atemberaubend schönen Landschaft – und ebenso des trostlosen Elends, dem die Hunderten von Menschen auf dem Zug zu entfliehen versuchen, untermalt von lateinamerikanischer Musik, die ebenso pendelt zwischen Verzweiflung und Jubel.

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Zarte Gefühle in einer erbarmungslosen Umgebung: Sayra und Casper nähern sich an.

(Foto: ProKino)

Der Film wurde produziert von Focus Features, Amy Kaufmann ("21 Gramm", "Lost in Translation") und den mexikanischen Stars Gael García Bernal und Diego Luna. Regie führte der US-Amerikaner Cary Joji Fukunaga, gedreht wurde in Mexiko.

"Sin Nombre" wurde ausgezeichnet mit einigen Festival- und Kritikerpreisen, unter anderem mit dem Regiepreis sowie dem Preis für die Beste Kamera in Sundance. Deutschlandpremiere hatte der Film bereits im Oktober 2009 bei den Internationalen Hofer Filmtagen. Er kommt am 29. April 2010 in die deutschen Kinos. Eine Empfehlung.

Quelle: ntv.de