Politik
Pittoresk bis zum Umfallen: die Sächsische Schweiz
Pittoresk bis zum Umfallen: die Sächsische Schweiz(Foto: imago/Hanke)
Samstag, 26. Mai 2018

Diffuse Ängste im Paradies: Die Sächsische Schweiz gehört der AfD

Von Julian Vetten, Bad Schandau

Eine der schönsten Regionen Deutschlands ist fest in der Hand der Alternative für Deutschland: 35,5 Prozent haben in der Sächsischen Schweiz für diese Partei gestimmt - Spitzenwert. Dabei scheint es im Elbsandsteingebirge wenig zu geben, mit dem man unzufrieden sein könnte.

Ein Ausflug in die Sächsische Schweiz ist wie eine Reise in die Vergangenheit: Kaum hat der Eurocity 170 Richtung Budapest die Außenbezirke Dresdens hinter sich gelassen, rumpelt er in besserem Schritttempo die Elbe entlang, die hier anmutig durch die Landschaft mäandert. Der altmodische Waggon mit den gemütlichen Sechserabteilen quietscht und schaukelt wie verrückt, während draußen ein Naturwunder nach dem anderen vorbeizieht, immer wieder aufgelockert durch menschengemachte Landmarken wie die berühmte Basteibrücke oder Königstein. Es ist, als ob jemand versucht hätte, so viel Schönheit wie möglich auf engstem Raum unterzukriegen - und es geschafft hat.

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Besonders für Freunde entschleunigter Wanderurlaube ist das Elbsandsteingebirge mit seinen bizarren Felsformationen, verschlafenen Nestern und versteckten Mühlen in den vergangenen Jahren zu einem Sehnsuchtsziel avanciert: Trotz ihrer zunehmenden Beliebtheit kann man sich in der Sächsischen Schweiz auch heute noch fühlen wie anno dazumal, was für einschlägige Wanderdestinationen in den Alpen und anderswo - wenn überhaupt - nur noch eingeschränkt gilt.

Allerdings beschränkt sich das Gefühl einer Reise in die Vergangenheit nicht allein auf reine Wandervogel-Romantik, auch politisch hat das Gestrige hier Hochkonjunktur: Stolze 35,5 Prozent der Stimmen entfielen im Wahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge bei der Bundestagswahl 2017 auf die AfD, so viele wie nirgendwo sonst in Deutschland. Wie kann das sein in einem der schönsten Landstriche Deutschlands, dem es noch dazu mit einer vergleichsweise niedrigen Arbeitslosigkeit von 5,2 Prozent und dem boomenden Tourismus wirtschaftlich gut geht?

Altlasten ideologischer Art

Reportageserie Mittelstädte

Rund 70 Prozent der Deutschen leben in Städten oder Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohnern, überregionale Nachrichten kommen aber traditionell fast ausschließlich aus den Großstädten. Doch auch andernorts finden Dinge statt, die uns alle etwas angehen. Deshalb besucht n-tv.de unabhängig vom Tagesgeschehen jeden Monat eine deutsche Mittelstadt und berichtet über die Dinge, die die Region am stärksten beschäftigen. Im Juli waren wir zu Gast im brandenburgischen Gartz (Oder).

"Die Sächsische Schweiz war lange eine Schwerpunktregion des Rechtsextremismus: Hier entstand die Wikingjugend, die später in die mittlerweile verbotene SSS überging", sagt Michael Nattke, der sich als Fachreferent beim Kulturbüro Sachsen schon lange mit dem Thema auseinandersetzt. Die Skinheads Sächsische Schweiz, kurz SSS, waren so etwas wie die rechte Urkatastrophe der Region: In den 1990er-Jahren verbreiteten die rund 80 Mitglieder "Angst und Schrecken" in ihrer Heimat, wie der Dresdner Oberstaatsanwalt beim Verbot der Gruppierung 2001 in seiner Rede ausführte. Die Skins schreckten bei ihrer Mission, "die Sächsische Schweiz von Ausländern, Drogenabhängigen und Linken zu säubern", vor nichts zurück, Gewalt war an der Tagesordnung.

"Damals gab es, im Gegensatz zu heute, keine Bürgerinitiativen, die sich diesen Leuten entgegenstellten", erklärt Nattke und führt aus: "In den 90ern wurde den Rekrutierungsbemühungen der Rechten extrem wenig entgegengesetzt, die Saat der Skinheads fiel auf fruchtbaren Boden." Boden, der nicht nur von der SSS, sondern auch von anderen Organisationen wie den Freien Kameraden, den Jungen Nationalisten und nicht zuletzt der NPD fleißig beackert wurde. Erst nach dem Verbot der SSS im Jahr 2001 ging eine Schockwelle durch die Region, Bürgerinitiativen wie das Internationale Begegnungszentrum Pirna oder das ebenfalls in Pirna ansässige Alternative Kultur- und Begegnungszentrum Akubiz formierten den ersten organisierten Widerstand gegen Rechts.

Die Schrammsteine gehören zu den vielen Wahrzeichen der Sächsischen Schweiz.
Die Schrammsteine gehören zu den vielen Wahrzeichen der Sächsischen Schweiz.

Jahre zu spät, wie Nattke bedauert: "Es gibt eine Menge Altlasten ideologischer Art durch die NPD und Konsorten, die heute den perfekten Nährboden für die AfD bilden." Der Politikwissenschaftler, der sich in jungen Jahren selbst von rechtem Gedankengut verführen ließ und sich seit seinem Ausstieg aus der Szene Anfang des neuen Jahrtausends gegen Rechts engagiert, möchte allerdings einschränken: "Ein AfD-Wähler ist nicht gleich ein Nazi. Bei den Allermeisten spielt Unzufriedenheit eine entschieden größere Rolle als Ideologie."

Wovor haben die Menschen hier Angst?

Nur, worüber sind die Menschen in der Sächsischen Schweiz eigentlich unzufrieden? Das Leben geht hier, zwischen Bad Schandau und Pirna, schließlich einen geregelten Gang: Es gibt keine industriellen Schandflecke in der weitgehend unberührten Natur, die Lebenshaltungskosten sind niedrig, von überall her strömen die Touristen ins Elbsandsteingebirge. Und die Ausländer, vor denen so viele Angst zu haben scheinen, finden sich auch nach der Flüchtlingswelle hier kaum: 2,7 Prozent beträgt ihr Anteil im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, im Schnitt sind es in der Bundesrepublik 10,5 Prozent.

Bad Schandau ist die inoffizielle Hauptstadt der Region.
Bad Schandau ist die inoffizielle Hauptstadt der Region.(Foto: imago/Westend61)

In Bad Schandau, wegen des Fernverkehrsbahnhofs die inoffizielle Hauptstadt des Landkreises, findet man keine Antworten: Die Menschen im Ort geben sich sehr bedeckt, wenn es um die AfD geht - dazugehören will hier keiner offen, obwohl die Partei in der Stadt 39,8 Prozent der Stimmen gewann. Gundula Strohbach, die Geschäftsführerin der Bad Schandauer Kur- und Tourismus GmbH, bestätigt den ersten Eindruck: "Im täglichen Leben bemerkt man diese Leute zum Glück nicht. Sonst sähe das hier wahrscheinlich ganz anders aus." Und doch müsste alleine rein statistisch gesehen fast jeder Zweite, dem man auf den Bad Schandauer Straßen begegnet, sein Kreuz bei der AfD gesetzt haben.

Mehr Glück hat man ironischerweise mit der Suche nach Antworten ausgerechnet da, wo es der Tourismusverband überhaupt nicht gerne sieht: auf dem Malerweg, dem ikonischen Wanderweg, der einmal quer durch die Sächsische Schweiz führt und schon von Richard Wagner und Caspar David Friedrich begangen wurde. Das Letzte, woran man zwischen den bizarren Felsformationen der Schrammsteine, der beeindruckenden Aussicht von der Felshöhle Kuhstall aus oder an einem der fröhlich dahingluckernden Bergbäche denkt, ist Politik - dabei scheint es genau diese Idylle zu sein, die der AfD zusammen mit der braunen Vergangenheit des Landstrichs zu ihrem Höhenflug verhalf.

Diffuse Angst vor dem Fremden

Auch Schmilka ist fest in AfD-Hand - auch wenn man davon kaum etwas mitbekommt.
Auch Schmilka ist fest in AfD-Hand - auch wenn man davon kaum etwas mitbekommt.(Foto: Julian Vetten)

"Ich kann die AfD-Wähler verstehen: Die haben einfach viel Angst vor Veränderung", sagt Veit und reibt sich seinen geflochtenen Spitzbart. Der nicht mehr ganz junge Erzieher macht mit Bandana, Rockerklamotten und Motorrad ausgerüstet Urlaub in der Sächsischen Schweiz und ist für den Abend in der Neumannmühle eingekehrt, einem beliebten Ziel für Wanderer auf dem Malerweg. Nachdenklich sitzt der Brillenträger vor seinem Bier und sucht nach den richtigen Worten, um seine Positionen zu untermauern. Hat er sie gefunden, bringt er sie nur im Flüsterton heraus - seine Grundsympathie für die AfD ist Veit sichtlich unangenehm.

Je schöner eine Region ist, so seine Theorie, desto mehr Angst haben die Einheimischen davor, dass Veränderung sie zerstören könnte. Die Annahme, dass Unzufriedenheit aus prekären Umständen herrührt, scheint zumindest hier also grundfalsch zu sein - das Gegenteil ist der Fall. Oder, um es mit Veit zu sagen: "Das ist ja das Problem des Ostens: Hier gibt es keine Ausländer, deshalb mag man die ja auch nicht. Die Menschen haben Angst vor Fremdem."

Wer seine Augen offenhält, kann die Signale an vielen Orten in der Sächsischen Schweiz erkennen: Im pittoresken Biodorf Schmilka, das mit seiner Mühle, der Bäckerei und dem Biergarten wie aus einem Märchen gefallen zu sein scheint und trotzdem die höchsten AfD-Zustimmungsraten in der Region hat, genau wie in einem Panoramahotel unterhalb des Papststeins auf der anderen Elbseite. Wanderern, die kurz vom Malerweg ausscheren, um im Hotel ihre Wasserflaschen aufzufüllen, erzählt die Bedienung: "Hier können Sie das Wasser noch trinken. Anderswo geht das wegen der Verschmutzung ja schon nicht mehr." Dass Leitungswasser laut entsprechender Verordnung überall in Deutschland Trinkwasserqualität haben muss, lässt die Frau nicht gelten.

Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht? Das Sprichwort mag in der Sächsischen Schweiz wahrer sein als in anderen Regionen Deutschlands. Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen macht sich trotzdem keine übergroßen Sorgen um die Zukunft des Landstrichs. Es dauere eben lange, die Früchte der Arbeit zu ernten, ist er überzeugt. Und während die AfD nun die Früchte der NPD-Saat einfährt, könnten es in zehn oder mehr Jahren die zivilgesellschaftlichen Gegenströmungen sein, die davon profitieren werden, dass sie hier spätestens seit Mitte der 2000er Graswurzelarbeit leisten - solange sie am Ball bleiben. Und wer weiß: Vielleicht ist es ja auch der florierende Tourismus, der frischen Wind die Elbe hinauftreibt. Die Voraussetzungen sind jedenfalls gegeben: "In Bad Schandau ist Gott sei Dank nichts von einem Rückgang der Besucherzahlen zu spüren", sagt Tourismuschefin Strohbach.

Quelle: n-tv.de