Politik

Genauer Ort ist geheim Gaddafi in Wüste beigesetzt

Nach tagelanger Zurschaustellung wird Gaddafis Leichnahm an einem geheimen Ort in der Wüste begraben. Der libysche Übergangsrat verspricht aber, den Tod des früheren Machthabers aufzuklären. Die Anzeichen auf eine gezielte Tötung verdichten sich. Derweil versucht Gaddafis Sohn Saif al-Islam offenbar, aus Libyen zu fliehen.

Der frühere libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi ist am Morgen bei Sonnenaufgang in der Wüste begraben worden. Das berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira. Er sei an einem geheim gehaltenen Ort beerdigt worden. Es werde ein "einfaches Begräbnis" in Anwesenheit muslimischer Kleriker werden, hatte im Vorfeld ein Vertreter der Übergangsregierung gesagt. Gaddafis Sohn Motassim werde mit seinem Vater beigesetzt. Grund für das einfache Begräbnis sei, dass mit dem Stamm des Herrschers keine Einigung über eine Überstellung der Leichname erzielt werden konnte.

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Straße in der Hauptstadt Tripolis: Libyen steht vor einem schwierigen Neubeginn.

(Foto: AP)

Zuvor waren die Leichen Gaddafis, seines Sohnes Motassim und seines Armeechefs aus einem Kühlraum in der Stadt Misrata an einen unbekannten Ort gebracht worden. Sie waren dort tagelang zur Schau gestellt worden. Die Ausstellung der verwesenden Körper hatte bei ausländischen Verbündeten des Übergangsrates Befremden ausgelöst. Nach islamischer Tradition müssen Muslime normalerweise binnen 24 Stunden beigesetzt werden.

Gaddafi wurde am Donnerstag vergangener Woche gefasst und starb wenig später unter Umständen, die noch immer nicht geklärt sind. Viele Anzeichen deuten aber darauf hin, dass ihn Kämpfer des Übergangsrates nach seiner Gefangennahme gezielt erschossen hatten.

Sohn bereitet Flucht vor

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Saif al-Islam ist auf der Flucht.

(Foto: dpa)

Derweil bereitet Gaddafis Sohn Saif al-Islam offenbar seine Flucht aus Libyen vor. Er befinde sich an der Grenze zu Niger und Algerien und wolle mit Hilfe eines gefälschten Passes das Land verlassen, sagte ein Vertreter der Übergangsregierung. Gaddafis früherer Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi sei in die Pläne involviert. Die Region sei extrem schwierig zu überwachen und einzugrenzen. Deshalb sei es schwierig, die Flucht Saif al-Islams zu verhindern.         

Saif al-Islam ist der letzte von Gaddafis Söhnen, dessen Verbleib unklar ist. Zwei flohen nach Algerien, einer ist in Niger. Zwei starben während der Kämpfe zwischen Gaddafis Anhängern und den Truppen der Übergangsregierung.

In Sirte hat es zudem eine schwere Explosion gegeben, durch die mehrere Dutzend Menschen ums Leben gekommen sind. Nach ersten Hinweisen handelte es sich nicht um einen Anschlag, meldete der Nachrichtensender Al-Arabija. In ersten Schätzungen war von 100 Toten die Rede. Augenzeugen berichteten, am Morgen habe es auf einem Gelände des staatlichen Energiekonzerns großes Gedränge gegeben, als Bewohner der Stadt dort nach Kraftstoff und Gaszylindern für ihren privaten Bedarf gesucht hätten.

Massaker der Rebellen?

Die Milizen des Übergangsrates geraten unterdessen zunehmend ins Zwielicht. Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch fanden Anhaltspunkte für ein Massaker unter 53 Gaddafi-Anhängern in Sirte. Das wäre das schwerste Kriegsverbrechen der neuen Machthaber. Bei einigen der Toten waren die Arme mit Plastikbändern hinter dem Rücken zusammengebunden, hieß es in dem Bericht, den die Organisation am Montag veröffentlichte. Mit Hilfe von Bewohnern der Umgebung konnten einige der Männer als örtliche Gaddafi-Kader und -Anhänger identifiziert werden.

Die USA forderten eine umfassende Untersuchung. Die Vorwürfe seien "außerordentlich beunruhigend", erklärte das Außenministerium in Washington. Außerdem rief die US-Regierung die neue Führung in Libyen zur Einhaltung der Menschenrechte auf.

Gaddafis Tod wird untersucht

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Vorsitzender Dschalil unter Druck: Die Kritik am Übergangsrat wird lauter.

(Foto: AP)

Der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, gerät damit bereits am ersten Arbeitstag nach dem Neubeginn in Libyen weiter unter Druck. Weil die Vorwürfe einer gezielten Tötung Gaddafis nicht verstummen wollen, kündigte Dschalil eine seit Tagen geforderte Untersuchung an.

"Alle Libyer brannten darauf, Gaddafi wegen seiner Verbrechen vor Gericht zu sehen", erklärte Dschalil auf einer Pressekonferenz in Bengasi. "Die Libyer wollten ihn im Gefängnis und gedemütigt sehen", fügte er hinzu. Am Tag zuvor hatte der führende Politiker der Nach-Gaddafi-Ordnung das Land für befreit erklärt. Darüber hinaus hatte er zu Toleranz und Respekt sowie zur Einhaltung von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit aufgerufen. Die neuen Machthaber wollen sich außerdem an der islamischen Rechtsprechung Scharia orientieren.

NATO: Ziele erreicht

Die NATO sieht das Ziel ihres Militäreinsatzes in Libyen erreicht. Alle Gebiete Libyens seien heute unter Kontrolle des Nationalen Übergangsrates, sagte der Kommandeur des Einsatzes, der kanadische General Charles Bouchard, am Montag in seinem Hauptquartier in Neaple. "Die Gefahr organisierter Angriffe von Resten des Gaddafi-Regimes ist vorbei."

Zugleich verteidigte Bouchard den Angriff auf einen Konvoi von 175 Fahrzeugen, mit dem Gaddafi am Donnerstag versucht hatte, aus Sirte zu flüchten. "Wir hatten die Befürchtung, dass die Kämpfer aus Sirte sich mit Resten der Kämpfer aus Bani Walid zusammenschließen und dann Zivilisten in einer Stadt als Geiseln nehmen könnten", berichtete Bouchard. "Wir haben daher beschlossen, den Konvoi aufzubrechen und in kontrollierbare Teile aufzuspalten. Wir haben unsere Waffensysteme zweimal auf den Konvoi gerichtet und dieses Ziel erreicht." Auf einigen Pickup-Fahrzeugen hätten sich Raketen und Maschinengewehre befunden: "In unserer Einschätzung war das eine eindeutige potenzielle Bedrohung der Zivilbevölkerung."

Quelle: ntv.de, dpa/rts