Politik

Von außen nach innen Wie der IS im Klein-Klein voranschreitet

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Der "Islamische Jugendrat" aus der ostlibyschen Stadt Derna hat dem IS die Treue geschworen. In Libyen setzt sich die Gruppe gerade fest.

(Foto: REUTERS)

Der Islamische Staat ist längst nicht mehr nur das sogenannte Kalifat in Syrien und im Irak. Aus der Peripherie kreisen die Dschihadisten langsam das Gebiet ein, das sie einmal beherrschen wollen. Doch der Plan ist das eine, die Umsetzung das andere.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) versucht nicht nur von Syrien und dem Irak aus, größer zu werden. Von mehreren sogenannten Provinzen aus arbeiten sich Untergruppen inzwischen in Richtung des Kerngebietes vor. Am Ende soll ein Großreich entstehen, das sich von Marokko bis Indien und von der Türkei bis nach Subsahara-Afrika hinein erstreckt. Als Provinzen ("wilayat") sind bereits Algerien, Libyen, Sinai, Arabische Halbinsel, Jemen und Gebiete in Zentralasien benannt. Entsprechende Karten werden immer wieder auf Twitter verbreitet, nicht immer ist die Echtheit der teils von Sympathisanten geposteten Grafiken gesichert.

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Auffällig ist dennoch, wie sich Attentate, bei denen sich die Täter auf den IS berufen, weit entfernt vom IS-Kerngebiet häufen. In dieser Woche überfielen Milizionäre in der libyschen Hauptstadt Tripolis ein Luxushotel und töteten sechs Menschen. Am Donnerstag tötete der ägyptische Ableger des IS mindestens 20 Menschen auf dem Sinai. Überall dort, wo die staatliche Ordnung im andauernden Chaos nach dem längst vergangenen "Arabischen Frühling" versagt, finden Dschihadisten Rückzugsgebiete.

Alles östlich von Persien

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Damit ist die Expansion noch nicht abgeschlossen. Auch das Al-Kaida-Mutterland auf dem Gebiet von Afghanistan und Pakistan steht auf der Liste. So berichtet etwa die "Hindustan Times" online, der IS habe seine Ansprüche auf das Territorium angemeldet. In Dschihadistensprache nennt sich diese Region "Chorasan", historisch ist damit das Gebiet östlich von Persien, dem heutigen Iran gemeint. Es erstreckt sich bis in Teile von Nordindien.

Die "Washington Post" schrieb in dieser Woche, die Expansionsstrategie des IS unterscheide sich trotz scheinbarer Parallelen erheblich von der der geschwächten Al-Kaida. Al-Kaida arbeitete demnach in den 2000ern mit einer Art Franchise-System. Doch die Gruppen, die sich Al-Kaida anschlossen, taten dies häufig deshalb, weil sie zuvor nicht erfolgreich gewesen waren. Der Name sollte sie bedrohlicher wirken lassen. Die Mitgliedschaft wurde geradezu beliebig, die Gruppen waren für die Mutterorganisation nicht mehr beherrschbar, es gab interne Querelen. Das System Al-Kaida ist nicht zuletzt deswegen inzwischen nicht mehr das, was es einmal war.

Nur im Jemen ist die Terrororganisation außerhalb von Afghanistan noch fest verwurzelt. Dort vollführt sie den Urauftrag aller regionalen Al-Kaida-Gruppen: die Schwächung arabischer Regierungen, die mit dem Westen zusammenarbeiten. Der IS dagegen hat vor allem den Plan, das Kalifat auszuweiten und zu sichern. Der Schlachtspruch lautet "baqiya wa tamaddud", was so viel heißt wie "Bleiben und Fortschreiten". Damit ist die Strategie schon gut umrissen. In den eroberten Gebieten wird dann wie jetzt in Syrien eine rudimentäre staatliche Ordnung installiert, bevor es weitergeht.

Der Plan ist das eine, der Erfolg das andere

In Syrien ist der IS derzeit an einem Wendepunkt, da sein Fortschreiten durch die Anti-IS-Koalition und kurdische Kämpfer, aber auch durch die Assad-Truppen deutlich gebremst worden ist. Auch andere Staaten, die sich im erträumten zukünftigen Kalifat befinden, haben längst Maßnahmen getroffen, um die Dschihadisten aufzuhalten. Eines davon ist Saudi-Arabien, das sich inzwischen sogar von zwei Seiten bedroht sieht, von Norden aus dem Irak und von Süden aus dem Jemen.

Der selbsternannte Kalif Al-Baghdadi hat schon vor Monaten zu Attentaten in Saudi-Arabien aufgerufen. Die Gefahr, vom IS infiltriert zu werden, ist eine der größten Herausforderungen, denen sich das Königreich gegenübersieht. Der Fall Saudi-Arabiens wäre für die Region eine Katastrophe, da der wegen seiner Menschenrechtspolitik vielgescholtene Ölstaat sicherheitspolitisch viele Fäden in der Hand hält.

Der IS wurde lange Zeit als eine äußerst gefährliche, aber regional operierende Terrorgruppe gesehen. Inzwischen ist überdeutlich, dass die Dschihadisten von Al-Kaida kopieren, indem sie mit lokalen Gruppen die Arabische Halbinsel einkreisen. Doch anders als Al-Kaida verlieren sie sich nicht nur im lokalen Klein-Klein, sondern verfolgen trotz lokaler Aktivitäten ihre große Vision eines Kontinente übergreifenden Kalifats.

Allerdings: Dieser Plan muss erst einmal umgesetzt werden. Bis auf in Libyen und auf dem Sinai - zwei weitgehend rechtlos gewordene Gebiete - sind die IS-Zellen außerhalb von Irak und Syrien noch recht gesichtslos. Die "Washington Post" schreibt: "Die Provinzen Algerien, Saudi-Arabien und Jemen müssen erst einmal zeigen, dass sie überhaupt aktiv sind."

Quelle: n-tv.de

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