Siegerin Pirovano fassungslosEmma Aicher verliert den italienischen Hunderstel-Krimi

Emma Aicher verpasst den nächsten Coup hauchdünn, doch sie holt wertvolle Punkte im doppelten Kugel-Kampf. Im ersten Moment aber ist Aicher das egal. Dabei trauen zahlreiche Experten ihr jetzt alles zu.
Emma Aicher blickte ungläubig auf die Anzeigetafel, dann stieß der deutsche Ski-Shootingstar ein bedauerndes "Ahhh" aus. Winzige 0,01 Sekunden fehlten Aicher bei der ersten von zwei Weltcup-Abfahrten in Val di Fassa zum sechsten Weltcup-Sieg. Wenige Meter von ihr entfernt schlug Lokalmatadorin Laura Pirovano auf dem Stuhl der Führenden nach eineinhalb bangen Minuten erleichtert die Hände vors Gesicht.
Umgerechnet 0,28 cm lag die Zweite Aicher nach 2274 m Streckenlänge hinter der Italienerin, die ihren ersten Weltcuperfolg feierte. Kira Weidle-Winkelmann verpasste das "Stockerl" hinter Olympiasiegerin Breezy Johnson aus den USA als Vierte auch nur um 0,03 Sekunden.
"Kann nicht verstehen, was passiert ist"
Aicher hatten schon bei Olympia nur Winzigkeiten zu zweimal Gold statt Doppelsilber gefehlt, doch sie nahm ihr anhaltendes Hundertstel-Pech mit etwas Abstand locker - und Pirovano lächelnd in den Arm. "Ja, ich bin wieder ganz zufrieden mit meiner Fahrt", sagte die 22-Jährige gewohnt lakonisch: "Ich habe es oben ganz gut getroffen, und unten im Steilen war es auch okay."
Pirovano dagegen konnte ihr Glück kaum fassen. "Ich kann noch nicht ganz verstehen, was passiert ist", sagte die 28-Jährige im Siegerinnen-Interview, "aber heute ist alles einfach nur grandios." Dass sie Aicher den vierten Saisonsieg wegschnappte, bedeuteten für die Deutsche 20 Punkte weniger im doppelten Kugel-Kampf. Ihr achter Podestplatz in diesem Winter brachte sie in der Disziplinwertung aber bis auf 14 Punkte an die schwer verletzte Speed Queen Lindsey Vonn heran.
Experten sehen Aicher ganz oben
Weidle-Winkelmann, die von einem "guten Ergebnis" sprach, fiel mit jetzt 94 Zählern Rückstand auf Vonn auf Rang vier hinter Pirovano zurück. Mit der zweiten Abfahrt in Val di Fassa am Samstag (10.45 Uhr) und jener beim Weltcupfinale am 21. März in Kvitfjell/Norwegen stehen noch zwei Rennen in der Königsdisziplin aus.
Im Gesamtweltcup schob sich Aicher auf Rang zwei vor, ihr Rückstand auf Ski-Königin Mikaela Shiffrin beträgt dort noch 139 Zähler. Noch acht Rennen sind in diesem Winter zu fahren. Nach Val di Fassa, wo am Sonntag auch ein Super-G auf dem Programm steht, geht es in Aichers schwedische Heimat nach Are zu Riesenslalom und Slalom. Beim Saisonfinale in Norwegen wird in jeder der vier Disziplinen ein Rennen ausgetragen.
Obwohl Technikspezialistin Shiffrin zumindest im Slalom nur schwer zu schlagen ist, trauen die Experten Aicher alles zu - auch den ganz großen Wurf. "Die Shiffrin", sagte Maria Riesch dem SID, "muss auch erst mal beide Slaloms gewinnen." Die Chance für Aicher also, ergänzte Felix Neureuther, "ist auf alle Fälle da". Erst recht, wenn sie noch die Hundertstel auf ihre Seite zieht.