Gemeinsam stiegen Remco Evenepoel und Florian Lipowitz am Sonntagmorgen in den Teambus Richtung Etappenstart in Tarragona. Diesmal musste der belgische Olympiasieger nicht auf seinen deutschen Kollegen warten. Dies hatte Evenepoel allerdings auch am Vortag im Teamzeitfahren der Tour de France in Barcelona nicht getan. Vorerst schienen die Rollen bei Red Bull-Bora-hansgrohe danach verteilt: Remco vorne, Lipo im Schatten des Stars - doch das kann dem ruhigen Ulmer nur recht sein.
"Es ist immer hart, in eine Tour reinzukommen. Die Tage davor sind immer stressig", sagte Lipowitz nach einem Auftakt, der ihm zwar etwas frühzeitigen Rückstand, aber auch wertvolle Erkenntnisse brachte: "Ich bin happy. Jetzt kann die Tour starten." Fahren Sie weiter - hier ist nichts passiert! Wirklich? Denn auch beim Sieg des mexikanischen Pogacar-Helfers Isaac del Toro auf der zweiten Etappe büßte Lipowitz etwas Zeit auf Evenepoel ein.
Armstrong sieht Lipowitz hinten - Ullrich nicht
"Das Team hat gesagt, wir lassen die Straße entscheiden", sagte der frühere Tour-Herrscher Lance Armstrong: "Und auch wenn wir nicht wissen, ob das ein Lippenbekenntnis war, hat die Straße entschieden. Und Remco wird daraus eine Menge mitnehmen." Und damit, so der Texaner, nun teamintern vor Lipowitz liegen. Armstrongs alter Rivale Jan Ullrich sagte hingegen bei Eurosport, die Zeitfahr-Leistung habe "nichts damit zu tun, wer nachher im Gebirge der stärkere ist".
45 Sekunden liegt Lipowitz nach den ersten beiden Etappen hinter Auftaktsieger Jonas Vingegaard, der am Sonntag das Gelbe Trikot erfolgreich verteidigte. 30 Sekunden büßte er auf Evenepoel ein. Das ist einerseits nicht tragisch - 2025 hatte sich Lipowitz auf der ersten Etappe 39 Sekunden Rückstand eingehandelt und lag nach Etappe fünf 2:31 Minuten hinter Gelb zurück. Andererseits ist der Rückstand nun "etwas mehr, als wir erhofft haben", sagte Red-Bull-Teamchef Ralph Denk.
Auch Evenepoel wunderte sich nach dem Zeitfahren, in dem er seinen "Co-Kapitän" am letzten Anstieg abhängte: "Keine Ahnung, was mit Florian passiert ist." Als Evenepoel sprach, war er von einer Horde internationaler Journalisten umzingelt, für seinen Teamkollegen interessierten sich vornehmlich deutsche Medien.
Das Projekt "Evenewitz" könnte holprig werden
Lipowitz kann aus einer Position relativer Ruhe agieren, Starzugang Evenepoel zieht den Rummel an. Und auch deshalb war er es, der nach dem Auftakt eher enttäuscht sein musste. Der weltbeste Zeitfahrer war angetreten, erstmals Gelb zu holen - davon blieb er als Tagesfünfter recht weit entfernt. Lipowitz indes kann darauf setzen, dass er auf den kommenden langen Anstiegen Vorteile haben sollte. "Wir haben das Maximum als Team herausgeholt", sagte Evenepoel. Aber: Es deutete sich dabei an, dass das Agieren mit zwei gleichwertigen Kapitänen - das Projekt "Lipopoel" oder "Evenewitz" - erwartet kompliziert werden kann.
Auffällig war, dass sich Evenepoel den Großteil seines Zeitverlusts auf den ersten flachen Kilometern einhandelte. Über zehn Sekunden lag der RB-Zug bei der ersten Zwischenzeit hinter Vingegaards Visma-Team zurück. Das RB-Oktett wirkte nicht perfekt abgestimmt. Das musste dem höchst ehrgeizigen Evenepoel missfallen, dies gefiel auch Denk nicht.
"Die mannschaftliche Homogenität hättet besser sein können", sagte der Teamchef. Ein altes Problem seiner Equipe, die taktisch oftmals nicht so stringent agiert wie Visma oder UAE (Pogacar). So fuhr bei der 2025er-Tour der im Gesamtklassement chancenlose RB-Star Primoz Roglic in der Schlusswoche plötzlich gegen den ums Podest kämpfenden Lipowitz.
Dieser setzt nun wie im Vorjahr ganz auf den Faktor Zeit. "Es sind noch lange drei Tour-Wochen", sagt Lipowitz.


