Die umstrittenen spätabendlichen und nächtlichen Dopingkontrollen bei der Tour de France gehen weiter. Am späten Montagabend hat es nun auch den deutschen Rennstall Red Bull-Bora-hansgrohe erwischt. "Auch wir sind heute Nacht besucht worden. Die Fahrer haben teils schon geschlafen und haben die Kontrollen mitgemacht", berichtete Team-Manager Ralph Denk im ZDF. Die Kontrolle fand gegen 22 Uhr statt.
"Es hindert natürlich schon die Regeneration", betonte Denk, signalisierte aber auch sein Verständnis für die Maßnahme: "Primär haben wir eine schwarze Vergangenheit im Radsport und deshalb ist es gut, dass hier kontrolliert wird", sagte der Vorgesetzte von Hoffnungsträger Florian Lipowitz und dem Gesamtzweiten Remco Evenepoel. "Dass tief in der Nacht kontrolliert wird, gibt das Reglement her. Es sorgt dafür, dass unser Sport sauber ist, dass er glaubhaft ist und deshalb gehört das auch dazu."
Der Zeitpunkt ist für das Team durchaus unglücklich. Am Dienstag steht das einzige Einzelzeitfahren der Rundfahrt an. Olympiasieger Evenepoel gilt als hoher Favorit auf den Tagessieg - er will seine Ambitionen im Kampf um das Podium in Paris untermauern.
Das deutsche Team ist nicht das erste, das bei der laufenden Tour zu später Stunde kontrolliert wurde. Bereits am Tag vor dem zweiten Ruhetag am Montag hatte das Thema für Aufsehen gesorgt. In der Nacht auf Sonntag waren sowohl Titelverteidiger Tadej Pogacar als auch der inzwischen mit einem Schlüsselbeinbruch ausgeschiedene Jonas Vingegaard aus dem Schlaf gerissen worden, um eine Probe abzugeben. Die nächtlichen Kontrollen bei den beiden Stars hatte einem Bericht der "L'Equipe" zufolge ein Gericht in Paris genehmigt. Es sei die erste Anwendung einer 2015 in das französische Recht eingeführten Bestimmung.
Nächtliche Dopingkontrollen sind seit 2016 zwar auch möglich, unterliegen aber strengeren Richtlinien. Demnach muss der Richter das Vorliegen "schwerwiegender und übereinstimmender Verdachtsmomente" prüfen, wonach der betreffende Radrennfahrer gegen Anti-Doping-Regeln verstoßen hat oder dies unmittelbar bevorsteht. Zudem muss der Richter feststellen, ob die "Gefahr eines Beweisverlusts" besteht.
Anschließend übten mehrere Tour-Teilnehmer offen Kritik an dem Vorgehen der Kontrolleure. Pogacar drückte sein grundsätzliches Verständnis aus, bezeichnete die Kontrollen nach der 15. Etappe am Sonntag aber auch als "inhuman" und mutmaßte, dass der Schlafmangel zu Vingegaards folgenschweren Sturz in den Alpen beigetragen haben könnte.
Die verantwortliche "International Testing Agency" (ITA) verteidigte in einer Stellungnahme ihr Vorgehen. Auch nächtliche Kontrollen seien für ein wirksames Anti-Doping-Programm notwendig. Sie dienten dem Schutz der Integrität des Radsports, hieß es in einer Stellungnahme der Organisation.

