Was gab es vor der Fußball-WM für Kritik und Aufregung: Aufgeblähtes Turnier, 48 Teams, also auch viel "Fallobst" dabei. Nun, die Kritik an der WM ist in vielen Punkten berechtigt. Curacao zum Beispiel hatte wenige Chancen bei diesem Turnier. Aber alle Underdogs chancenlos? Nein, ein kleiner Inselstaat mit gut 500.000 Einwohnern - also ungefähr so groß wie Dresden oder Nürnberg - bäumt sich mächtig auf. Kap Verde beweist in diesem Sommer, dass die ziemlich großen Fußball-Wunder, die Fußball-Märchen, tatsächlich noch möglich sind.
Denn wer hätte denn vor dem Beginn der WM auch nur einen Cent darauf getippt, dass der Inselstaat die Gruppe mit Spanien, Uruguay und Saudi-Arabien überstehen würde? Und das als Gruppenzweiter! Die meisten hätten den "blauen Haien" wohl nicht mal einen einzigen Zähler zugetraut. Nun stehen sie sensationell im Sechzehntelfinale dieser Weltmeisterschaft in Nordamerika und wussten nach dem 0:0 gegen Saudi-Arabien selbst nicht so richtig, wohin mit all den großen Emotionen.
"Das ist ein sehr besonderer Moment. Ich glaube, so etwas habe ich auf dem Platz noch nie gefühlt. Ich wollte fast weinen. Es war so emotional", sagte Deroy Duarte nach einer gigantischen Ehrenrunde im Stadion von Houston, Texas. Dann fasste er den einzigartigen Spirit des Teams zusammen: "Wir haben es so sehr verdient. Wir sind ein kleines Land, eine kleine Bevölkerung. Aber wir haben ein großes Herz."
Schon die Teilnahme ist ein riesiger Erfolg
Die Reise der Kap Verden bei dieser WM ist schier unglaublich. Allein die erfolgreiche Qualifikation war eine große Überraschung. Sieben Siege in zehn Partien spülten die blauen Haie vor Kamerun, Libyen und Angola an die Spitze der Gruppe D.
Trotzdem ging es als einer der größten Underdogs überhaupt zu einer Fußball-Weltmeisterschaft. Und siehe da: Schon zum Auftakt setzten sie ein riesiges Ausrufezeichen und trotzten den hoch eingeschätzten Spaniern ein 0:0 ab. Selten hat eine Nullnummer derart nachgehallt wie diese. Gefeiert wurde vor allem der bis dato unbekannte Keeper Vozinha. Mit 40 Jahren ist er sehr erfahren, spielte bislang aber vor allem in den Niederungen des Fußballs. Seine Paraden auf der größten Bühne des Fußballs machten ihn plötzlich zum Helden. Jetzt hat er Millionen Follower auf Social Media und überholte dort sogar Keeper-Ikone Manuel Neuer.
Eine ganze Nation zittert am Handy und verfällt in Ekstase

Floskel-Alam, aber trotzdem wahr: Das kannst du dir nicht ausdenken. Um das Ganze noch märchenhafter zu machen, wurde flugs noch seine Mutter Cândida Évora eingeflogen. Nach dem Spanien-Coup hatte Vozinha erklärt, dass diese wegen Visa-Problemen nicht vor Ort sein konnte. Die Worte flogen um die Welt, dann die Mutter selbst.
Kap Verde bejubelt erstes WM-Tor
Im zweiten Spiel saß sie also auf der Tribüne und sah begeistert, wie Kap Verde erneut über sich hinauswuchs und sogar das erste Tor der WM-Geschichte erzielte. Held des Tages war diesmal Torschütze Kevin Pina. Der Defensivspieler aus der russischen Liga knallte einen 25-Meter-Freistoß direkt ins Tor. Und trotz anschließendem Rückstand schlugen die Kap Verden wieder zurück. Nach dem 2:2 gegen Uruguay war die Tür zum Weiterkommen so richtig offen.
Und gegen Saudi-Arabien trat Kap Verde sie tüchtig ein. Wieder mit einer Nullnummer, aber wen interessiert das hinterher denn schon? Und außerdem: Die Auswahl von Trainer Pedro Leitão Brito war gegen Saudi-Arabien die bessere Mannschaft. Vor allem in der zweiten Halbzeit deutlich näher am Führungstreffer, er wäre verdient gewesen.
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Nach dem Schlusspfiff verfolgte das Team gemeinsam auf dem Handy die Ergebnisse der Spanier. Dank des knappen Erfolgs von Lamine Yamal und Co. gegen Uruguay steht Kap Verde als Gruppenzweiter fest. Der Jubel gerät grenzenlos. Völlige Ekstase. "Für mich wird ein Traum wahr", sagte Mittelfeldspieler Deroy Duarte, den die Emotionen packten. "Ich war kurz davor, zu weinen."
Diese Momente lassen "niemanden unberührt"
Die Presse staunte weltweit: "Manchmal gibt es im Fußball solche Momente, die schwer zu erklären sind, die aber, wenn sie eintreten, niemanden unberührt lassen", erklärte "Mundo Deportivo" aus Spanien. Die italienische "Gazzetta dello Sport" stellte fest: "Ein historisches Ergebnis, geprägt von Herzblut, Stolz und purem Mut, das am Ende eines dominierten Spiels zustande kam. " Der französische Welt- und Europameister Thierry Henry bekannte, dass er wegen dank des Kap-Verde-Märchens "Gänsehaut" habe. "Das ist die WM, du musst große Träume haben. Das ist die Story des Turniers bislang", erklärte der TV-Experte.

Der Erfolg reiht sich schon jetzt weit vorne in die größten Sensationen der WM-Geschichte ein. Man muss lange suchen. Kamerun feierte 1990 einen Auftaktsieg gegen Weltmeister Argentinien und zog ins Viertelfinale ein, Nordkorea schlug 1966 Italien und kam ebenfalls ins Viertelfinale, die Türkei stürmte 2002 zum dritten Platz. Keiner aber war derart Underdog wie die Kap Verden.
Und jetzt? Geht es gegen Argentinien. Den Weltmeister, Titelverteidiger. Mit Messi. Größer wird’s eigentlich nicht mehr. Die Spiele Argentiniens habe er früher immer selbst im TV gesehen, erklärte Duarte. "Für mich ist das ein Traum, der wahr wird", sagte er. Den Titelverteidiger zu fordern, sei eine "Ehre und Belohnung". "Wir sehen es als eine weitere Chance, Geschichte zu schreiben. Also warum nicht? Wir werden alles geben. Und am Ende des Spiels werden wir sehen."
Richtig: Denn was hat dieser kleine Inselstaat schon zu verlieren? Er hat ja schon so gut wie alles gewonnen bei dieser WM. Nicht zuletzt die meisten, eigentlich alle Herzen aller Fußball-Fans. WM kann so schön sein.
