Wenn selbst Kane verzweifelt

Erstaunliche Torwart-Nobodys schreiben die Heldengeschichten der WM

imageVon Martin Armbruster
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Lionel Mpasi erwischte gegen England einen absoluten Sahnetag. (Foto: REUTERS)
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02.07.2026 | 19:34 Uhr
Alle reden über Messi, Mbappé, Kane. Und gewiss: Die Superstars und Torgiganten liefern in Amerika brutal ab. Aber die XXL-WM ist auch das Turnier der unbekannten Torhüter.

Ein Torwartfehler, der zu einem Treffer führt, hat Folgen. Unmittelbare. Und dauerhafte. "Seit 50 Jahren zahle ich für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe. Selbst einem Verbrecher wird, wenn er seine Schuld bezahlt hat, irgendwann vergeben. Mir wurde nie vergeben", klagte der Brasilianer Paulo Moacir Barbosa Nascimento einmal. Seine Straftat: Bei der Weltmeisterschaft 1950 im eigenen Land hatte er im entscheidenden Spiel einen Schuss der Uruguayer ins kurze Eck flutschen lassen. 200.000 Menschen im Maracana weinten, der Coupe Jules Rimet war verloren - und Barbosa der Sündenbock einer ganzen Nation. "Ich denke ununterbrochen an dieses Tor", sagte der Torwart, der im Jahr 2000 starb: "Selbst wenn ich schlafe, träume ich von diesem Tor. Ich habe es Tausende Male in meinem Kopf wieder abgespielt." 50 Jahre lebte Barbosa mit seinem Albtraum.

Auch Oliver Kahn weiß um die Bürde, die ein jeder Schlussmann unweigerlich trägt. Die Bilder, wie er nach dem verlorenen WM-Endspiel der DFB-Elf gegen Brasilien 2002 in Yokohama untröstlich am Torpfosten kauert, haben sich tief ins deutsche Fußball-Gedächtnis eingebrannt. Sollte sich Kahn heute schweißgebadet im Bett wälzen, dann, weil da dieser Rivaldo-Schuss wieder auf ihn zukommt. Dieser so haltbare Ball in Minute 67, den er prallen lässt und Ronaldo vor die Füße serviert. Deutschland verzieh seinem "Titan" damals schnell, Kahn hatte seine Mannschaft mit dutzenden Heldentaten schließlich überhaupt ins Finale paradiert. Barbosa litt ein Leben lang.

Neuers Aura ist verschwunden, jetzt hexen andere

Auf keiner anderen Position ist der Grat zwischen Held und Depp, Strahlemann und Loser, derart eng wie auf der des Torwarts. Bei der WM in den USA, in Kanada und Mexiko ist das nicht anders. Uruguays Rekord-Keeper Fernando Muslera schoss beim 0:1 gegen Spanien einen schlimmen Bock - der zweimalige Weltmeister musste die Koffer packen. Deutschlands reaktivierte Ikone Manuel Neuer patzte derart offensichtlich nicht, mindestens aber subtil. Gegen Ecuador agierte Neuer beim 1:2 zu zögerlich, gegen Paraguay faustete der 40-Jährige vor dem 0:1 einen Eckball unbedrängt in die Mitte, statt die Kirsche einfach zu pflücken. Neuers Aura war im Flieger über den Großen Teich geblieben. Das deutsche Tor wird er nie mehr hüten.

Während Neuer oder auch Real Madrids Startorwart Thibaut Courtois weit von ihrem (einstigen) Optimum entfernt spiel(t)en, wird die Welt dieser Tage Zeuge anderer Heldengeburten. Weil die WM in Amerika qua Aufblähung auf 48 Teams einige David-Goliath-Duelle, zumindest aber viele Partien der Kategorie Favorit gegen Außenseiter parat hält, schlägt regelmäßig die Stunde der Torleute. Lionel Messi, Kylian Mbappé oder Harry Kane mögen sich ein faszinierendes Wettschießen um den goldenen Schuh des besten Angreifers liefern. Genauso spektakulär ist aber das, was die "Torwächter" (Günter Netzer) der Außenseiter als letzte Bastion aufbieten.

Da ist Lionel Mpasi, Torwart der DR Kongo. Nach dem unglücklichen 1:2 im Sechzehntelfinale gegen England wurde der 31-Jährige zum "Man of the Match" gekürt - was angesichts der x-ten Torshow von Superstar Kane eigentlich alles über die Leistung Mpasis sagt. Reihenweise brachte die etatmäßige Nummer 2 des französischen Ligue-1-Klubs Le Havre AC die anstürmenden Three Lions zum Verzweifeln. Mpais flog, Mpasi riss seine Pranken hoch, als die englischen Geschosse anrasten, Mpasi stand, wo er stehen musste. "Ich war hochmotiviert", sagte der Hexer hinterher. Trotz des Ausscheidens sei er "sehr stolz auf das, was wir erreicht haben". Ein "positives Bild von Afrika und dem Kongo" habe er mit seinen Teamkameraden vermitteln wollen. Das gelang eindrucksvoll. Die Bilder, wie die Kongolesen Thomas Tuchels Engländer in den roten Bereich treiben, wie Mpasis den Einschlag verhindert -, sie werden bleiben von dieser WM.

Kongo-Keeper lässt England-Stars verzweifeln

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Torhüter der Fußball-Zwerge trumpfen auf

Genauso wie die 15 Paraden von Curacaos Torwart-Nobody Eloy Room. Der 37-Jährige hielt beim historischen 0:0 des Fußball-Zwergs gegen den späteren Deutschland-Bezwinger Ecuador einfach alles, was der haushohe Favorit abfeuerte. Seit Beginn der Datenaufzeichnung hat kein Torwart in der regulären Spielzeit mehr Bälle abgewehrt - no Room for Ecuador. "Etwas ganz Besonderes" sei das Spiel gewesen, "aber gleichzeitig ist es auch einfach mein Beruf. Deshalb habe ich versucht, der Mannschaft zu helfen", gab Room später schlicht zu Protokoll. Das habe diesmal "perfekt funktioniert".

Auch an der unerwartetsten Nullnummer der jüngeren WM-Geschichte hatte ein Torwart einen Bärenanteil. Vozinha, 40-jähriger Torwart-Oldie der Kap Verden, nahm beim 0:0 gegen Topfavorit Spanien die Rolle des Bollwerks ein. Wann immer die Iberer den Ball gefährlich aufs Tor brachten, war Vozinha zur Stelle. Die Ruhe, mit der er im Verlauf des Spiels gegen die anrennende Furia Roja agierte, beeindruckte Fußball-Fans weltweit. Der brasilianische Sender Caze TV rief seine Zuschauer schon während der Halbzeitpause auf, dem Tormann bei Instagram zu folgen. Die Zielmarke von 100.000 Followern war schnell pulverisiert, eine halbe Stunde nach Schlusspfiff waren es 1,5 Millionen, mittlerweile verzeichnet "vozinha1" 17,5 Millionen Anhänger.

Dem Insel-Helden liefen nach dem Schlusspfiff Tränen des Glücks, aber auch der Melancholie über die Wangen. "Ich habe wegen meiner Großeltern geweint", sagte der Torwart. "Ich bin mit ihnen aufgewachsen und traurigerweise sind sie vor ein paar Jahren gestorben. Sie haben alles für mich getan." Auch die Situation seiner Mutter brachte Vozinha zum Weinen. "Sie konnte heute nicht hier sein, weil wir die Kaution für das Visum nicht rechtzeitig zahlen konnten", berichtete er. (Von Personen aus bestimmten Staaten verlangt die US-Regierung eine Kaution für ein Visum, im Fall von Kap Verde liegt diese zwischen 5.000 und 15.000 Dollar)

Wenig später löste sich der Visums-Ärger in Luft auf. Vozinhas Mama landete in Miami. Die Heldenreise ging weiter. Nächster Halt: Sechzehntelfinale. Kap Verde gegen Argentinien. Vozinha gegen Messi. Diese WM hat Hand und Fuß.

Verwendete Quelle: ntv.de