Erschreckend unspektakulär endete der besondere Abend des Deniz Undav im kanadischen Toronto. Zumindest, wenn man dem Bericht von Jamie Leweling traut, der sich selbst strahlend, weil erfolgreich eingewechselt, in Richtung des DFB-Mannschaftsbusses bewegte und sich noch kurz mit den Medienschaffenden unterhielt.
Die Frage war: Wie feiert man das eigentlich? Zurzeit Topscorer bei seiner ersten Fußball-Weltmeisterschaft zu sein? Und dann auch noch nach zwei Spielen bei drei Treffern zu stehen? Und dann auch noch "Man of the Match"? Tja, laut Leweling gar nicht groß. Undav habe es "heute mal ganz ruhig" angehen lassen. "Er hat am Handy gesessen und hat eigentlich nichts gemacht."
Schon kurz danach stand Undav (dann wieder ohne Handy) den anwesenden Journalistinnen und Journalisten selbst Rede und Antwort. Den Pokal für den "Man of the Match" locker in der Hand wurde ihm die Frage gestellt, die wohl in den nächsten Tagen noch öfter kommen wird: Herr Undav, müssen sie nicht eigentlich von Anfang an spielen? Schließlich traf er als Superjoker in begrenzter Spielzeit sehr häufig für die deutsche Nationalmannschaft.
Matthäus adelt Undav - "Neuer Bomber der Nation"

Fans haben klare Meinung
Die Frage ist keineswegs abwegig. Sie ist sogar sehr einfach und offensichtlich. Nur ist die Antwort etwas komplizierter. Undav steckt in einer Zwickmühle: Trifft er vielleicht deshalb so oft, weil er eben von der Bank kommt? Weil Undav dann meist schon müden Verteidigern begegnet, wenn er seinen Arbeitstag erst nach der 60. Minute beginnt. Ist seine Rolle gleichermaßen Fluch und Segen?
Auch beim 2:1-Erfolg gegen die Elfenbeinküste war das wieder so. Die DFB-Elf hatte sich vor allem nach der Pause in Toronto schwergetan. Die Nagelsmannschaft lag mit 0:1 hinten und war in ihrer eigenen Zwickmühle: Sollte man schon alles nach vorne werfen und dafür konteranfällig wegen der D-Züge aus der Elfenbeinküste sein?
Die Antwort des überwiegend deutschen Publikums war klar: Sie forderten lautstark ebenjenen Undav. Nagelsmann, der noch einen Tag vorher sagte, er lasse sich nicht durch öffentliche Meinungen treiben, reagierte prompt: Der Bundestrainer wechselte - hätte er vermutlich auch ohne das Publikum gemacht - dreifach und offensiv: Er brachte Leweling, Nadiem Amiri - und Undav.
Der Stuttgarter brauchte keine lange Akklimatisierungszeit: Undav kam in der 60. Minute und traf schon acht Minuten später. Dabei leitete er das Tor sogar noch selbst ein: Pass auf Amiri, der schlug den Ball dann aus dem Halbfeld auf den nach vorne geeilten Undav. Wie in einem kitschigen Märchen vollendete der zum 1:1. Wie ein echter "Killer", wie Amiri im Anschluss die Szene bewertete.
Sorgen um Schlotterbeck, Undav schon wieder in Aktion

Zu kitschig
Und klar, wie das in Märchen so ist, manchmal wirken sie zu kitschig, um wahr zu sein. Es lief mittlerweile die Nachspielzeit. Da nimmt Undav noch einmal Augenkontakt mit Felix Nmecha auf. Der schickt den Angreifer mit einem langen Ball auf die Reise. Je nachdem, wen man fragt, war die Annahme entweder "nicht so gut" (Undav) oder "sensationell" (Nagelsmann). Das Ergebnis war dafür aber eindeutig: Der Ball lag nach dem Abschluss im Tor. 2:1. Spiel gedreht. Undav ist mal wieder der Held. Nach Abpfiff stürmte Nagelsmann auf den Superjoker zu und herzte ihn ausgiebig.
Damit ist das Thema für die nächsten Tage gesetzt: Die deutsche Nationalelf hat wieder einen richtigen "Bomber". Jemand, der weiß, wo das Tor steht, wie es so schön heißt. Die Lobeshymnen ließen nicht lange auf sich warten. Antonio Rüdiger formulierte es so: Was Undav besonders mache, ist, "dass er nicht viel nachdenkt. Man merkt ihm nichts an. Er kommt, macht seinen Job - und geht wieder."
Nagelsmann steht damit mal wieder vor einer Frage: Soll er seine Mannschaft für den Superjoker umbauen oder besser nicht? Ein "Bomber" nur von der Bank? Man kann nur hoffen, dass der Bundestrainer der Versuchung nicht verfällt, dem öffentlichen Druck nachzugeben und seine Startformation an diesem Punkt zu verändern. Im März war seine Antwort klar: Undavs beste Phase beginnt ab der 70. Minute, wenn die gegnerische Verteidigung schon mürbe gelaufen ist. Auch, weil es Zweifel an seiner körperlichen Verfassung gibt.
Drei Monate später erwischt man Nagelsmann nach dem Spiel gegen die Elfenbeinküste beim lauten Nachdenken. "Es gibt verschiedene Ansätze: Warum soll ich seinen Flow jetzt brechen? Jetzt kam er zweimal rein, hat zweimal Tore gemacht und das letzte Mal auch Tore vorbereitet." Das sei die eine Sichtweise: "Da kann man sagen, behalt deinen Flow. Noch häufiger bei einer WM auf der Anzeigetafel zu stehen, geht gar nicht."
"Jeder will natürlich …"
Auf der anderen Seite: "Man kann aber auch sagen: Super Leistung, den lassen wir von Beginn an spielen", sagte Nagelsmann. In der kommenden Woche, vor dem Spiel am Donnerstag gegen Ecuador (22 Uhr/ARD, Magenta und im ntv.de-Liveticker), werde man mit allen Beteiligten sprechen: Undav und dem Trainerteam.
Spielen Sie bald von Anfang an, Herr Undav?

Nagelsmann sagte aber auch noch einen anderen Satz, der zwar ein Kompliment ist, aber darauf deutet, dass sich an seiner grundlegenden Einschätzung nichts geändert hat: "Sobald die Räume aufgehen, ist er superschlau in der Bewegung." Solche Räume öffnen sich in den seltesten Fällen schon von Beginn an, sondern eher, wenn der gegnerischen Verteidigung Luft und Konzentration ausgehen. Wenn sie von Kai Havertz, Jamal Musiala, Florian Wirtz und Leroy Sané vorher schon müde gelaufen wurden.
"Jeder Spieler will natürlich von Beginn an spielen", erläuterte Nagelsmann, "aber im tiefen Herzen ist er auch ganz zufrieden, wie es gerade läuft. Weil er schon auch eine tragende Rolle hat." Das klingt nicht so, als würde sich alsbald etwas an Undavs Rolle ändern. Weil er in der aktuellen Funktion so wertvoll für die DFB-Elf ist. Wenn Undav von Beginn an spielt, wen wechselt man dann ein? Der Stuttgarter ist ja dann schon auf dem Feld.
Und was sagte der Protagonist selbst? Undav stand auf dem Podium, mit seinem Pokal in der Hand. Und sagte das, was er schon seit Wochen in der Frage sagt. Der Bundestrainer entscheide am Ende. Er macht nur seine Aufgabe - eben Tore. "Und es sei auch wichtig, dass jeder sieht, dass auch Spieler von der Bank aus Spiele entscheiden können." Dann war der Job von Undav erledigt und er verschwand wieder.

