Wahrsager wusste alles

Mein Gott, Messi: Rekord-Meisterwerk lässt Kansas fassungslos zurück

imageVon David Bedürftig, Kansas City
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17.06.2026 | 06:18 Uhr
Messi. Messi. Messi. Der Superstar erzaubert mit seinem Rekord-Hattrick einen der größten Momente der WM-Geschichte - und ein komplettes Stadion verneigt sich. Doch argentinische Wahrsager wussten zuvor bereits genau, aus welchem speziellen Grund Messi die Albiceleste wieder zum Titel führt.

Die Wahrsager wissen es natürlich schon längst. Zwischen den Iguazú-Wasserfällen im Norden Argentiniens und dem Fitz-Roy-Gletscher tief im Süden flüstert man sich zu: 202, das ist die magische Zahl. Denn Achtung: So lautet die Zimmernummer von Lionel Messi im Hotel in Kansas City. Und sie wird Argentinien nach Katar 2022 den zweiten Weltmeister-Titel in Serie bescheren.

Warum das stimmt, dazu gleich mehr. Erstmal regiert an diesem Abend die Zahl 16: Denn Messi zaubert beim 3:0 (1:0) gegen Algerien mit einem Spiel für die Ewigkeit einen legendären WM-Moment in das Arrowhead Stadium - und in die Geschichtsbücher. Der bald 39-Jährige erzielt einen fulminanten Hattrick und zieht mit insgesamt 16 Toren mit WM-Rekordtorschütze Miroslav Klose gleich.

Fenomenal. Espectacular. Historico.

Messi will einfach "nur Fußball spielen"

"An den Rekord denke ich eigentlich nicht", sagt ein bescheidener Messi mit dem Pokal des Spieler des Spiels nach dem großen Sieg vor einer Traube von Journalisten in den Katakomben des Stadions. Das bedeute nicht so viel, weil etwa Kylian Mbappé ihm akut auf den Fersen sei. "Es ist aber eine Ehre, mit solch großen Namen wie [Miroslav] Klose und Ronaldo genannt zu werden. Ronaldo ist für mich immer noch der Größte."

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"Ich will nur Fußball spielen. Das ist meine Passion, seit ich klein bin. Wenn ich spiele, gebe ich einfach immer alles." Dennoch müsse die Albiceleste "weiterarbeiten", so der Rekordtorschütze. "Bei dieser WM sind alle Mannschaften sehr stark."

Eine heilige Dreifaltigkeit von Toren. Messi dreht nicht etwa die Zeit zurück, sondern zeigt allen Kritikern und Zweiflern, dass er einfach immer noch so gut ist wie kaum ein anderer. Die Gegner an den TV-Bildschirmen dürften gewarnt sein, während im Stadion die "Messi"-Rufe und Verbeugungen nehmen kein Ende. Die Fassungslosigkeit und Ekstase im Rund zeigen, dass hier eine Fußball-Legende einen der größten Augenblicke ihrer Karriere - und der WM-Geschichte zelebriert.

Die Sache mit der Zimmernummer

Zurück zur Wahrsagung. Aberglaube? Claro que no, dahinter steckt eine belegbare Geschichte. Bei der WM in Katar wohnte Messi, der sich anders als seine Teamkollegen das Zimmer nicht teilte, in der Nummer 201. Zwei Titel hatte die Albiceleste vor dem Turnier bereits, einer kam mit dem Superstar dazu. Nun folgt, so die logische Gleichung, natürlich der zweite unter Messis Regie. Wissenschaftlich belegt, versteht sich. Der argentinische Adam Riese schwört. Und der argentinische Rasenzauberer liefert.

Selbst das Warmmachen wird zu einer großen Show. Tosender Applaus brandet auf, als Messi aufs Feld schlurft. Die argentinischen Fans tanzen schon, hauen auf die mitgebrachten Pauken und Glocken, und haben das riesige Arrowhead-Stadium klar in ihrer Hand. Messi geht vor die argentinische Kurve, um sich im Dreieck einzuspielen, und erstmals muss bei den Anhängern beinahe der Notarzt einfliegen. "Messi, Messi"-Rufe hallen in den Abendhimmel, der die Farben der Albiceleste angenommen hat.

Messi eröffnet Tor-Gala gegen Algerien

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Die Messi-Mania ist in vollem Gange. Im Heartland der USA, im geerdeten Kernland, können die Amis in Kansas City, an der Grenze von Missouri und Kansas, es kaum fassen, welchen Hype es um den Ausnahmekönner gibt . Die argentinischen Fans spielen seit Tagen verrückt, belagern Parks mit Grill-Orgien und Gesängen, überall sieht man das weiß-himmelblaue Trikot. Im "Kansas City Star" beschreiben Anhänger der Albiceleste die Atmosphäre in der Stadt als "magisch" und "typisch argentinisch".

So klingt Vergötterung

Sogar die Journalisten auf den Tribünen flippen vor und während des Spiels aus und schießen in einem Fort Selfies mit dem Messi-Spielfeld im Hintergrund. So etwas erlebt man weltweit bei keinem anderen Fußballer. Gerade übt Messi Freistöße von seiner Lieblingsposition, als er bei der Spielervorstellung mehr als das Dreifache an Applaus im Vergleich zu seinen Teamkollegen erhält.

So klingt Vergötterung. Er ist der Messias, der Heilsbringer, der Auserwählte. Selbst für die oft höchst religiösen Gauchos. 20 Minuten vor Spielbeginn schlurft der Weltstart dann noch einmal in die Kabine.

"Die ganze Welt will ihn spielen sehen", hatte Trainer Lionel Scaloni gesagt. Messi. Den Weltmeister. Den Floh, der vor seinem Spitznamen "La Pulga" im heimischen Rosario im Kindesalter wegen seiner leicht rötlichen Haare als "Coloradito" bekannt war. "Er hat nicht nur Einfluss auf die argentinischen Fans, sondern auf alle Menschen weltweit", so Scaloni weiter. "Er ist für uns unverzichtbar, und das wird auch so bleiben."

Wie recht er hat. Genau fünf Minuten dauert es bis zur ersten Komplett-Eskalation: Messi schiebt nach einem schlauen Lauf aus wenigen Metern ins kurze Eck ein, aber schnell wird auf Abseits entschieden. Nur eine Minute später folgt der kurze Schock, der wiederum die algerischen Kollegen auf der Medientribüne fast ins Koma bringt: das vermeintliche 1:0 der Algerier, das wegen einer Schulterbreite ebenfalls zurückgepfiffen wird. "Por un milimétrico" abseits, atmet die argentinische Zeitung "Clarin" auf.

Dann mutiert Messi wieder zum Super-Schleicher. So wie er das seit Jahren erfolgreich praktiziert. Es wirkt so, als schleppe er sich über den Platz, wenn er nicht den Ball am Fuß hat. Doch dabei kreist Messis Kopf wie bei einem Vogel in alle Richtungen. Links. Rechts. Vorn. Hinten. Wieder links. Wie ein Kartograf nimmt er alles um sich herum wahr und auf, analysiert in Echtzeit und weiß vor allen anderen, wo die Schwachstellen in der gegnerischen Defensive liegen.

Und Messi weiß genau, wann er seine beinahe schläfrigen Spaziergänge gegen Slalomläufe, präzise Pässe und eiskalte Abschlüsse eintauschen muss. Erhält er den Ball, folgt eine Tempoverschärfungen aus dem Nichts. Das Spielgerät eng am Fuß geführt. Unnachahmlich. Typisch. Und hochgefährlich.

Wie sieht das aus? Bitteschön: Messi lässt sich im Mittelfeld zurückfallen, baut mit auf, schleicht dann weiter nach vorn und wird dabei ein einziges sträflich allein gelassen. Rodrigo De Paul spielt einen zentimetergenauen Pass aus der Abwehr durch die gegnerischen Reihen. Das sind anderthalb Assists. Messi spurtet auf einmal wie vom - Achtung: Floh gebissen in den offenen Raum. Jeder weiß, was jetzt passiert, niemand kann es verhindern.

Der erste Messi-Moment der WM

Der Auserwählte legt sich die Kugel auf den linken Fuß - und dann heißt es: "GOLAZOOOOOO DE MESSI!" ("Clarin"). 140 Dezibel, völlige Ekstase im Stadion. Die minutenlangen "Messi"-Schlachtrufe werden diesmal mit Verbeugungen begleitet. 202. Die Wahrsager haben alles gewusst.

Nur 16 Minuten braucht es für den ersten Messi-Moment der WM. Er ist immer noch ein Phänomen. Algerien spielt munter mit und ist keinesfalls chancenlos, dreht vor der Pause sogar noch mal richtig auf. Die Mannschaft hat zwar den Leverkusener Youngster Ibrahim Maza in den eigenen Reihen, nur blöderweise keinen Lionel Messi.

Und so folgt in Halbzeit zwei der nächste Streich (60.). Einen langen Ball von Torhüter Emi Martinez pflückt er traumhaft aus der Luft, um ihn direkt weiterzuspielen. Über Umwege kommt die Kugel zu Alexis Mac Allister, der humorlos abzieht. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Messi bereits seelenruhig in den Strafraum geschlichen, gedankenschneller als alle anderen, um eiskalt abzustauben.

Die "Messi-Verbeugungen" finden diesmal kaum ein Ende. Bis der nächste Linksschuss in den Winkel knallt (76.). Hattrick. WM-Rekordtorschütze. Unglaublich. Selbst die algerischen Journalisten schütteln mit den Köpfen und schließen sich den Verbeugungen für diesen Außerirdischen an. Bei der anschließenden Auswechslung steht jeder - aber wirklich jeder - im Stadion auf.

Alle wissen, dieses Turnier ist wirklich das letzte Hurra des großen Maestros. Es könnte wieder ein außerordentliches Konzert werden, denn Messi spielt nun befreit auf, ohne die Last, für Argentinien unbedingt diesen WM-Pokal gewinnen zu müssen. Er könnte es aber durchaus ein zweites Mal in Folge tun. Das wird allen an diesem historischen Abend klar.

Schmeißt die Grills an, holt das Rindfleisch aus dem Keller und den Fernet Branca mit Cola aus dem Schrank: Diese Gaucho-Party in Kansas City geht niemals vorüber. Bis sich Messi irgendwann in den Morgenstunden in sein Bettchen kuschelt. Im Hotelzimmer 202.

Verwendete Quelle: ntv.de