Redelings Nachspielzeit

"Wie Urlaub mit Freunden"Als Manuel Neuer für den WM-Sieg sogar zelten gehen wollte

01.06.2026, 18:43 Uhr Ben-RedelingsVon Ben Redelings
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In weniger als sieben Wochen wissen wir, ob mit dem WM-Quartier "The Graylyn Estate" der deutschen Nationalmannschaft in Winston-Salem ein neuer legendärer Ort hinzugekommen ist. Denn bisher war die Wahl des WM-Hotels "traditionell eine der deutschen Stärken", wie Rudi Völler meint.

"Ich glaube normalerweise nicht an Gespenster, aber an den Geist von Winston-Salem glaube ich gerne." Der Weltmeister von 1990 und heutige DFB-Sportdirektor, Rudi Völler, hat jüngst eine der klassischen Legenden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beschworen. Seitdem im Jahr 1954 während der WM in der Schweiz der berühmte "Geist von Spiez" im Hotel am Thuner See geboren wurde, waren es immer wieder die Unterkünfte des DFB-Teams, die im Nachhinein zur Urzelle des Erfolges erklärt wurden. Und für das "The Graylyn Estate" in Winston-Salem in den USA ist Völler auch wieder sehr optimistisch: "Die Basis, damit dieser Teamgeist, für den auch wir Deutschen bekannt sind, entstehen kann, ist dort definitiv gegeben."

Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft von 1990 hatte Kapitän Lothar Matthäus gesagt, dass sich die Zeit mit der Mannschaft im Schloss Castello di Casiglio "wie Urlaub mit Freunden" angefühlt habe. Das Hotel am Comer See mit dem eigens auf Anweisung von Teamchef Franz Beckenbauer sporadisch errichteten Trainingsplatz wurde spätestens durch das historische Material der Hobby-Filmer Bodo Illgner, Pierre Littbarski und Sepp Maier zur Legende. Tatsächlich wie in einem familiären Urlaubsstreifen hielten die drei damals die spezielle Atmosphäre und die vielen kleinen und großen Erinnerungen vor Ort am Schloss und rund um die Spiele der WM fest.

Residieren im mittelalterlichen Burgschloss

Auch dieses Mal wird die deutsche Nationalmannschaft in einem Anwesen nächtigen, das optisch an ein mittelalterliches Burgschloss erinnert und das, wie die Betreiber stolz vermelden, eines der "altehrwürdigsten und begehrtesten Boutique-Hotels der USA" sein soll.

Dass es sich der Fußball-Bund auch dieses Mal mit der Auswahl nicht leicht gemacht hat, beschrieb der Geschäftsführer Sport, Andreas Rettig, als er meinte: "Das Team hinter dem Team aus dem DFB hat mit sehr viel Akribie und Leidenschaft in einem sehr aufwendigen Prozess in drei WM-Ausrichterländern das für uns ideale Teamquartier gefunden." Und was das entscheidende Kriterium bei der Auswahl dabei war, berichtete Bundestrainer Julian Nagelsmann: "Das Allerwichtigste ist dabei aus Trainer- und Mannschaftssicht die Nähe zu den Plätzen."

Ob das am Ende tatsächlich das ausschlaggebende Moment für eine erfolgreiche Weltmeisterschaft ist, wird man in spätestens sieben Wochen nach dem Finale der WM genauso wie die Antwort auf die Frage, die die Sportmoderatorin Laura Wontorra nach einem Besuch des deutschen Basecamps indirekt aufwarf: "Man hat dort sehr wenig Freizeitaktivitäten drumherum. Aber vielleicht ist es auch genau das Richtige, weil man als Team sehr gut zusammenwächst." Tatsächlich sind die Bedenken wegen des berühmten "Lagerkollers" nicht ganz von der Hand zu weisen, auch wenn Rudi Völler diese für überschätzt hält und lieber allgemein betont: "Die Wahl des Turnier-Quartiers ist traditionell eine der deutschen Stärken, und das seit Jahrzehnten."

Fabelort Campo Bahia

Sein Mannschaftskamerad von 1990, Lothar Matthäus, hat da offensichtlich noch etwas genauere Erinnerungen an einen der Erfolgsfaktoren der damaligen WM in Italien: "Franz Beckenbauer hat uns sehr erwachsen behandelt, hat uns auch Freiheiten gegeben. Wenn du sechs bis sieben Wochen zusammen in einem Hotel bist, dann willst du auch mal raus und etwas anderes machen."

Zu früheren Zeiten mussten die Spieler dafür tatsächlich aus Spiez oder Malente vielfach noch ausbüxen, wenn man von Ruderboot-Touren 1954 oder einem Besuch des Legolands (!) bei der WM 1974 absieht. Am Comer See hatte der Teamchef Franz Beckenbauer da schon eine entspanntere und sicherlich auch sinnvollere Lösung.

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Als Deutschland das letzte Mal 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, sollen die Aktivitäten rund um das legendäre Campo Bahia allerdings auch sehr eingeschränkt gewesen sein. Um zum Hotel zu kommen, musste die Nationalmannschaft damals sogar stets mit einer Fähre übersetzen. Die Wahl des Ortes war ohnehin sehr speziell, da das Hotel eigens für die DFB-Elf errichtet wurde. Und das wäre beinahe auch noch komplett schiefgegangen, denn Manager Oliver Bierhoff musste dem Team kurz vor der Abreise mitteilen, dass womöglich noch nicht alle Zimmer fertiggestellt sein würden. Daraufhin soll die Nummer 1 im Tor, Manuel Neuer, damals gesagt haben: "Ist doch kein Problem, Oliver, dann zelten wir!"

Für Bierhoff, den Europameister von 1996, war die Vorstellung von einer gewissen Camping-Atmosphäre tatsächlich allerdings gar nicht so abwegig, wie er einmal erzählte: "Vielleicht kommen wir alle zusammen, irgendeiner holt eine Gitarre raus oder wie auch immer." Bierhoff versprach sich davon sogar eine spezielle Mentalität. Letztendlich waren die Zimmer allerdings alle soweit fertiggestellt, dass die Spieler in ihren WGs nächtigen konnten. Und diese Idee, die DFB-Kicker in gemischte Gruppen - der BVB-Spieler Kevin Großkreutz war zum Beispiel mit zwei Schalkern und dem Bayern-Profi Bastian Schweinsteiger in einem Haus untergebracht - aufzuteilen, hat am Ende schließlich für einen besonderen Teamgeist und Freundschaften fürs Leben gesorgt. Ganz ohne Zelten und Lagerfeuer-Romantik.

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Nun soll es also in den USA das Hotel "The Graylyn Estate" in Winston-Salem richten. Man darf gespannt sein, wie die Geschichte ausgeht. Sollte auch in sieben Wochen noch andächtig von der Unterkunft des DFB-Teams gesprochen werden, kann man davon ausgehen, dass das Turnier und die Wahl des Hotels ein voller Erfolg waren - und in einer Reihe mit Spiez, Malente, dem Castello di Casiglio und dem Campo Bahia in Brasilien stehen.

Quelle: ntv.de