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Fast wie früher. Kurz nach dem Auftritt mit Obama musste Merkel nach Brüssel - zu Trump.
Fast wie früher. Kurz nach dem Auftritt mit Obama musste Merkel nach Brüssel - zu Trump.(Foto: AP)

Merkel und Obama beim Kirchentag: Hoffnungsvoll geht nur ohne Trump

Von Hubertus Volmer

Angela Merkel und Barack Obama sind sich einig, dass die Welt eigentlich immer besser wird. Einer passt in dieses Bild der Hoffnung, das die beiden auf dem Kirchentag entwerfen, allerdings nicht hinein. Deshalb wird er auch nicht erwähnt.

Wäre er Deutscher und dürfte an der nächsten Bundestagswahl teilnehmen, er würde wohl Angela Merkel unterstützen, hatte Barack Obama am 17. November 2016 gesagt, als er zum Abschied im Kanzleramt vorbeischaute. Er wisse aber nicht, ob ihr das helfe. Dabei hatte Obama kokett gelächelt. Klar würde ihr das helfen, da war er sich vermutlich sicher.

Ein gutes halbes Jahr später sitzen die beiden auf einem Podium am Brandenburger Tor: die ostdeutsche Bundeskanzlerin und der schwarze US-Präsident, mittlerweile Ex-Präsident. "First of all: Guten Tag", sagt Obama ans Publikum gerichtet. Er lächelt noch immer so charmant wie früher und erhält schon für diese simple Begrüßung Jubel und starken Applaus. Zehntausende sind gekommen, um Obama zu sehen, darunter viele junge Leute. Seine Wahlempfehlung spricht er gleich zu Beginn der Veranstaltung aus: Eine seiner Lieblingspartnerinnen in der gesamten Zeit seiner Präsidentschaft sitze jetzt neben ihm, Angela Merkel.

Vier Monate vor einer Bundestagswahl ist diese kleine Talkrunde für die Kanzlerin natürlich eine feine Sache. Auch wenn die Fragen nicht immer leicht sind. Unter dem Applaus des Publikums fragt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, warum auch gut integrierte Menschen nach Afghanistan abgeschoben würden. Merkel antwortet, dies gehöre zu den schwierigsten Themen, wenn man Bundeskanzlerin sei. Sie halte dieses Dilemma aus, indem sie sage, die Entscheidung über einen Asylantrag müsse schnell getroffen werden.

Der Name Trump wurde von Merkel und Obama nicht erwähnt - und auch diese junge Frau vermied ihn.
Der Name Trump wurde von Merkel und Obama nicht erwähnt - und auch diese junge Frau vermied ihn.(Foto: REUTERS)

Aber natürlich wird Afghanistan nicht dadurch sicher, dass deutsche Behörden schneller über die Abschiebung dorthin entscheiden. Also sagt Merkel auch: "Wir müssen denen helfen, die wirklich Hilfe brauchen, und davon gibt es genug auf der Welt." Brauchen Afghanen also keine Hilfe? So würde Merkel das vermutlich nicht sagen. Obama erklärt, was sie meint: "In den Augen Gottes ist das Kind auf der anderen Seite der Grenze nicht weniger wert als mein eigenes Kind. Aber wir sind auch Regierungschefs und haben nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung." Und dabei geht es nicht nur um Geld, sondern wohl auch um die öffentliche Meinung.

"Aber wir können uns auf den Weg machen"

Später kommen vier junge Menschen auf die Bühne, auch sie dürfen Fragen stellen. Ein Student aus Mannheim fragt Obama nach dem Drohnenkrieg, dem auch zahlreiche Zivilisten zum Opfer gefallen seien. "Wie gehen Sie mit den ungewollten Opfern um?", fragt der junge Mann. Obama antwortet, er habe immer versucht, Terrorismus auf eine Art zu bekämpfen, die mit seinen Werten im Einklang stehe, aber das sei nicht immer leicht. Er räumt ein, dass es zivile Opfer gab. Doch der Drohnenkrieg habe weniger Opfer als konventionelle Kriege.

Ähnlich beantworten Merkel und Obama die Frage, wie man das Massensterben im Mittelmeer beenden könne. Merkel sagt, dass man den Schleppern den Kampf ansagen müsse, und sie spricht vom EU-Türkei-Abkommen. Leider gebe es in Libyen keinen Staat, mit dem man ein solches Abkommen vereinbaren könne. Obama sagt, man werde es nicht schaffen, alles Leid über Nacht abzuschaffen. "Aber wir können uns auf den Weg machen."

Neben der Wahlkampfhilfe für Merkel ist dies der zweite Grund, warum Obama nach Berlin gekommen ist: Er will, wie schon im November, seine Botschaft von Hoffnung und Optimismus verbreiten. Als Bedford-Strohm ihn auf den gigantischen Militäretat der USA anspricht und dies in Beziehung zum Hunger in der Welt setzt, spricht Obama zunächst über Entwicklungshilfe und darüber, dass man Menschen nicht nur Fische geben dürfe, sondern ihnen beibringen müsse, wie man fischt. Aber eigentlich will er etwas anderes sagen: Man müsse sich darauf konzentrieren, was schon geschafft sei, wie viele Menschen nicht mehr im Hunger leben müssten. Nie sei die Welt gesünder, wohlhabender und besser ausgebildet gewesen als heute. Wenige Sätze dürfte Obama in den vergangenen Jahren häufiger gesagt haben.

"Man muss nach vorne gucken"

Zu Merkel passt diese Botschaft gut. Ihr wird gelegentlich vorgeworfen, Krisen nur zu verwalten, nicht zu lösen. Sie selbst sieht sich als Politikerin, die Schritt für Schritt vorgeht. Ihr fehlt Obamas Charisma, um dessen bedingungslosen Optimismus zu verbreiten, und vielleicht ist das auch viel zu amerikanisch für die Deutschen. Aber auch sie hat ein Beispiel, das zeigt, dass Veränderung möglich ist. In der Zeit der Teilung seien viele Menschen verlacht worden, die gesagt hätten, dass die Deutsche Einheit kommen werde. Es gebe immer auch Rückschläge, "aber man muss nach vorne gucken".

"Zynisch zu sein und zu sagen, alle Politiker seien korrupt und alle Institutionen seien korrupt – wenn das deine Haltung ist, ja, dann werden die Dinge immer schlimmer werden", sagt Obama. Seine eigene Aufgabe sieht er jetzt darin, mit seiner Stiftung "die nächste Generation von Führungskräften auszubilden", was im Deutschen viel technokratischer klingt als im Englischen, wo bei "leader" auch ein bisschen "Vorbild" mitschwingt. Für diese Stiftung sammelt er jetzt Geld ein. 65 Millionen Dollar bekommen er und seine Frau für zwei Bücher, die sie noch schreiben müssen. 400.000 Dollar verlangt er für eine Rede, der erste Auftritt ist für den kommenden September gebucht. So viel hat nicht einmal Hillary Clinton in ihren besten Zeiten bekommen.

Der Zufall will es, dass Merkel noch heute Nachmittag beim Nato-Gipfel in Brüssel auf Donald Trump trifft. Man kann es sich kaum vorstellen: Es ist erst vier Monate her, dass Trump ins Weiße Haus eingezogen ist, dieser Mann, von dem man noch nicht weiß, ob er als Lachnummer oder Katastrophe in die Geschichte eingehen wird. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass er höchst seltsame Dinge tut. Er verbreitet Verschwörungstheorien, prahlt vor dem russischen Außenminister mit seinen Geheimdienstinformationen, behindert möglicherweise das FBI bei seinen Ermittlungen, biedert sich Saudi-Arabien an und scheint von der täglichen Arbeit als Präsident überfordert zu sein. Seine Mitarbeiter und selbst die Staats- und Regierungschefs der Verbündeten stellen sich in ihrem Verhalten auf Trumps Eigenarten ein. Sie geben ihm eine Extra-Kugel Eis, loben ihn, umschmeicheln – wie Merkel vor gut einem Monat – seine Lieblingstochter Ivanka und beschränken ihre Redebeiträge auf dem Nato-Gipfel auf wenige Minuten, um seinen attention span nicht zu sehr zu strapazieren.

Merkels und Obamas Diskussion am Brandenburger Tor ist nach anderthalb Stunden beendet. Obama hat viel Applaus bekommen, als er seine Frau Michelle erwähnte, mit der er jetzt endlich wieder viel Zeit verbringen könnte. Merkel hatte die Lacher auf ihrer Seite, als sie eine ihrer üblichen trockenen Bemerkungen macht. Nicht ein einziges Mal ist der Name Trump gefallen. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass Merkel mit diesem Mann noch ein paar Jahre zu tun haben könnte. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sein Wahlerfolg alles infrage stellt, für das Obama so eloquent steht. Es gebe eine konkurrierende Erzählung von Angst, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus, sagt Obama. Stimmt: In den USA hat diese konkurrierende Erzählung unlängst eine Wahl gewonnen, dort sagen noch immer 40 Prozent der Wähler, dass der Protagonist dieser Erzählung einen guten Job macht. Man kann Trump als "Rückschlag" abtun, als künftige Fußnote der Geschichte. Aber dann macht man es sich ganz schön einfach.

Quelle: n-tv.de

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