Plötzlich ist Nmecha da

Nagelsmann wagt das 36-Minuten-Experiment

us-passbildVon Sebastian Schneider, Winston-Salem
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Die Doppelsechs: Nmacha und Pavlovic. (Foto: picture alliance / Kirchner-Media)
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17.06.2026 | 12:16 Uhr
Pünktlich zur Weltmeisterschaft hat Bundestrainer Nagelsmann sein Mittelfeld gefunden. Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha haben vor der WM nicht viel Zeit auf dem Platz verbracht. Reicht es trotzdem?

Es ist eine Aussage, die beim ersten Hören wenig kontrovers ist: Am Wochenende, noch vor dem WM-Auftakt gegen Curacao, schwärmte Aleksandar Pavlović von seinen Tiki-Taka-Sequenzen mit Felix Nmecha. Und von dem grundsätzlich tollen Zusammenspiel. Doch nach längerem Überlegen stellen sich Fragen. Und zwar einige: Welches Zusammenspiel? Wann denn? Spielen sie noch irgendwo gemeinsam außerhalb der deutschen Fußball-Nationalmannschaft?

Es ist ähnlich überraschend wie der Fund der Giftschlange im DFB-Camp: Bundestrainer Julian Nagelsmann hat sich (Stand jetzt) für ein Duo im Mittelfeldzentrum entschieden, das vor der unmittelbaren WM-Vorbereitung keine ganze Halbzeit zusammengespielt hat. In Luxemburg standen beide im vergangenen November mal 36 Minuten gemeinsam auf dem Platz. Das DFB-Team gewann mit 2:0, viel mehr Zusammenspiel gab es danach aber nicht mehr.

Das macht die Aussagen von Pavlovic so überraschend. Praktisch hat der Bundestrainer das Mittelfeld-Duo nach dem Speed-Dating einige Monate später für die Weltmeisterschaft verheiratet. Nach den 36 Minuten spielten sie danach nur die beiden Testspiele gegen Finnland (4:0) und die USA (2:1) miteinander. Das ist durchaus riskant, schließlich ist die sagenumwobene Sechserposition normalerweise ein Politikum im DFB-Team. Die beiden Spieler vor der Abwehrkette entscheiden meist zumindest in der Nachbetrachtung mit über Triumph und Misserfolg eines Turniers.

"Pavlo", Stiller, Goretzka, Groß, Kimmich

Bei der Heim-Europameisterschaft 2024 war das noch eine unkompliziertere Angelegenheit. Man erinnert sich: Nagelsmann hatte Toni Kroos aus der DFB-Rente geholt. Der ehemalige Regisseur von Real Madrid stellte alleine durch seine Vita einen natürlichen Machtanspruch. Und wurde dem auch erwartungsgemäß gerecht. Mit Robert Andrich bekam er einen fußballerischen Arbeiter an die Seite gestellt, der die unschönen Aufgaben übernahm.

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Damit machte das DFB-Mittelfeld in dem Heim-Turnier keine großen Probleme. Bis zum EM-Viertelfinale: Nagelsmann zerriss es selbst, als er Emre Can gegen Spanien an die Seite von Kroos stellte. Das DFB-Team verlor die Partie. Kroos verabschiedete sich danach final in die Rente und dieser Spielertyp fehlte der Nationalelf.

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Und so klaffte im Mittelfeld eine Lücke. Nagelsmann experimentierte herum: Es folgten wilde Kombinationen aus Pascal Groß, Andrich, Pavlovic, Angelo Stiller und Leon Goretzka. Der Bundestrainer war auf der Suche, auch weil Pavlovic vom Verletzungspech verfolgt war. In die WM-Saison startete Nagelsmann sogar mit Joshua Kimmich im Zentrum. Doch nach der 0:2-Blamage in der Slowakei beendete er diesen Versuch wieder.

Eigentlich, das dachten nicht wenige Beobachtende, würde sich nach der Heim-EM das Duo aus Stiller und Pavlovic für die Zukunft etablieren. Der Stuttgarter wäre ein Kandidat, eben gemeinsam mit "Pavlo", von der "Altersstruktur eigentlich perfekt für die WM", sagte Nagelsmann noch im März 2025. Doch anders als Pavlovic, die Passmaschine vom FC Bayern, konnte sich Stiller nicht durchsetzen - auch weil Nagelsmann beide Spielertypen zu ähnlich sind und er sich für Pavlovic entschied.

Und plötzlich ist er da

Stattdessen taucht da jetzt jemand auf, der erst vor drei Jahren debütiert hat und bei erst neun Länderspielen steht: ebenjener Nmecha. Doch sein Ruf eilt ihm voraus: Nagelsmann unterstellte dem Dortmund-Profi schon etwas überraschend "Weltklasse". Nathaniel Brown sagte, die Fähigkeiten des 25-Jährigen hätten ihn im Training beeindruckt. Und auch Kapitän Kimmich hielt am Dienstag noch eine Lobrede auf Nmecha: "Ich habe schon vor dem Turnier gesagt: Er ist einer der talentiertesten Spieler, die wir haben."

Was sie alle meinen, konnte die Fußballöffentlichkeit dann am Sonntag im texanischen Houston begutachten: Beim 7:1-WM-Auftakt gegen Curacao legte Nmecha an der Seite von Pavlovic ein bemerkenswertes WM-Debüt hin. Er eröffnete den Torregen des DFB-Teams mit einer schnellen Doppelpass-Kombination mit Florian Wirtz (Stichwort: Tiki-Taka) und schlenzte den Ball dann ins Tor. Auch sonst war er an vielen guten Aktionen des DFB-Teams beteiligt. Seine Physis, Schnelligkeit, technischen Fähigkeiten hob auch Kimmich einige Tage später hervor.

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Damit hat Nmecha jemanden vorerst aus dem Mittelfeld vertrieben, der im Februar noch als gesetzt galt. Goretzka hatte sich nach seinem DFB-Comeback in der Nationalelf festgespielt. Anders als beim FC Bayern spielte er dort eine Rolle, die deutlich offensiver, deutlich körperlich fordernder ist. Doch immer wieder hatte er Probleme bei den spielerischen Phasen. Zuletzt fehlte ihm dann auch noch die Spielzeit im Klub.

Während der Zeit konnte Nmecha ihm keine Konkurrenz machen, er fehlte dem BVB und der Nationalelf ab Ende März wegen einer Knieverletzung. Seine Rückkehr schaffte er erst im Bundesliga-Endspurt. Unter Instagram-Posts wünschen Fußball-Profis einander gerne "Come back stronger" nach Verletzungsankündigungen. Nmecha hat das offenbar wörtlich genommen: Nagelsmann berichtete, dass sein Knie nun austrainierter sei als noch vor dem Außenbandriss.

Der Höhenflug von Nmecha fängt gerade erst an. Rekordnationalspieler Lothar Matthäus prophezeite, dass er einer der Spieler sein könnte, der das Turnier für das DFB-Team prägen könnte. Und doch geht es bei Nmecha nie nur um den Sport: Er gehört zum Umfeld der "Ballers in God", eine evangelikale Gruppierung im Fußball. Der "Spiegel" bezeichnete ihn als einen "Gotteskicker". Beim BVB fiel er mit Likes für christlich-konservative Posts auf, die als trans- und homophob ausgelegt werden können. In der Fan-Szene sorgte das für Unmut.

All diese Themen schwingen bei Nmecha mit, ploppen vermutlich aber erst auf, wenn es sportlich nicht läuft. Gemeinsam mit Pavlovic steht er nun vor einer härteren Prüfung: am Samstag im kanadischen Toronto gegen die Elfenbeinküste (22 Uhr/Magenta, ZDF und der ntv.de-Liveticker). Da treffen die Tiki-Taka-Fähigkeiten noch mehr auf Widerstand als gegen Curacao. Immerhin haben die beiden dadurch weitere 90 Minuten auf dem Konto - und stehen damit bei 273 Minuten.

Verwendete Quelle: ntv.de