Wirtschaft
Glasröhren für Leuchtstoffröhren in der Produktion eines Lampenherstellers.  Rund ein Viertel des deutschen Bruttoinlandsproduktes (BIP) wird von den deutschen Industrieunternehmen erwirtschaftet.
Glasröhren für Leuchtstoffröhren in der Produktion eines Lampenherstellers. Rund ein Viertel des deutschen Bruttoinlandsproduktes (BIP) wird von den deutschen Industrieunternehmen erwirtschaftet.(Foto: picture alliance / dpa)

Das letzte Aufbäumen: Deutschland steht vor wirtschaftlicher Zäsur

Von Diana Dittmer

Deutschland steht wirtschaftlich gut da. Die Frage ist nur, wie lange noch. Der Wachstumsmotor beginnt zu stottern. Die Weichen für die Zukunft müssten jetzt gestellt werden. Sonst wird das Land abgehängt.

Gut ein Jahr nach der Bundestagswahl macht die deutsche Industrie der Bundesregierung die Rechnung auf: Die Große Koalition trage die Mitschuld an der derzeitigen Schwächephase der heimischen Wirtschaft, sagt der Verbandschef der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo. Regierung habe zu wenig getan, um die Rahmenbedingungen zu verbessern.

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Die deutsche Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre ist eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Noch vor wenigen Monaten sagten die Fachleute der Bundesbank Deutschland für die Jahre 2014 bis 2016 ein Wirtschaftswachstum von jährlich zwei Prozent voraus. Aber die Ampel für das deutsche Wachstum steht inzwischen auf "gelb". Und demnächst droht sie auf "rot" umzuspringen. Immer mehr Konjunkturinstitute warnen, dass Deutschlands Wachstumsgeschichte bald zu Ende sein könnte.

Trübe Aussichten

Der Ifo-Geschäftsklimaindex, der wichtigste Frühindikator Deutschlands, ist mittlerweile den vierten Monat in Folge gesunken. Eigentlich gelten schon drei hintereinander rückläufige Monate als Rezessionssignal, doch das Ifo Institut will bislang nicht davon sprechen. Das könnte sich allerdings ändern, sollte der Index jetzt stärker als erwartet zurückgehen. Frische Daten gibt es am Mittwoch.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nahm ihre Prognosen für Deutschland jüngst von 1,9 auf 1,5 Prozent für das laufende Jahr und von 2,1 auf 1,5 Prozent für 2015 zurück. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) verringerte seine Erwartung für dieses Jahr von 2,0 ebenfalls auf 1,5 Prozent und für nächstes von 2,2 auf 1,8 Prozent. Von einer beginnenden Rezession wollten auch die RWI-Ökonomen nicht sprechen. Sie beließen es bei der Wendung: Die konjunkturelle Dynamik in Deutschland habe sich abgeschwächt.

Auch der BDI rechnet für 2014 nur noch mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,5 Prozent. Bislang hielten die Forscher ebenfalls 2,0 Prozent für möglich. "Die Aussichten sind nicht allzu rosig", sagt Grillo dann auch mit Blick auf zahlreiche internationale Krisen, wie die in der Ukraine. "Allerdings besteht auch kein Anlass zur Schwarzmalerei."

Sonder- statt Hochkonjunktur

Richtig ist, dass die deutsche Wirtschaft vergleichsweise gut da steht. Deutschland profitiert von günstigen Rahmenbedingungen wie kein anderes Land. Die Zinsen sind rekordniedrig. Unternehmen können sich extrem günstig Geld leihen, und die Konsumenten geben ihr Geld aus, weil es sich nicht lohnt, zu sparen. Die Sparquote befindet sich mittlerweile auf dem niedrigsten Niveau seit mehr als zehn Jahren. Dazu hat die Politik offensichtlich in der Vergangenheit einiges richtig gemacht. Das niedrige Lohnkostenniveau in einer Zeit, in der die späteren Krisenländer rundherum geprasst haben, hat die Exportwirtschaft angekurbelt.

Ausschlaggebend für die deutsche Konjunktur war vor allem das rasante Wachstum in China - die deutsche Exportwirtschaft war genau richtig aufgestellt mit ihren Schwerpunkten im Auto- und Maschinenbau. Die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt hat sich ebenfalls besser entwickelt als erwartet. Der Abbau der Arbeitslosigkeit von fünf auf drei Millionen gilt - selbst wenn man die Bereinigungen in der Statistik berücksichtigt -, als Riesenerfolg. Vor zehn Jahren hätte niemand darauf zu hoffen gewagt.

Demografie-Problem und China-Skepsis

Nicht nur die geopolitischen Spannungen - allen voran die Krise in der Ukraine - hinterlassen jedoch mittlerweile ihre Spuren. Die große Wirtschaftsnation Deutschland hat von einer Sonderkonjunktur profitiert, getrieben von Faktoren, die bald auslaufen oder sich in ihr Gegenteil verkehren. Das Land steht vor einem riesigen demografischen Problem. Die Bevölkerung schrumpft, trotzdem wird immer noch nicht mit großen Programmen versucht, die notwendigen Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben.

Ein Akademiker aus einem Nicht-EU-Land muss für eine Blue Card immer noch einen Job mit einem Jahresgehalt von 47.600 Euro nachweisen. Die  Produktivitätszuwächse sinken. Zwischen 2000 und 2013 lag das Produktivitätswachstum nur noch bei durchschnittlich 1,2 Prozent. Und die Tendenz ist weiter fallend. Für Wachstum müsste entweder jeder Einzelne mehr arbeiten, um die Wertschöpfung zu steigern oder mehr Menschen müssten in Lohn und Brot stehen.

Was Deutschland bräuchte, wäre eher eine Fortsetzung der Agenda 2010. Doch statt hieran anzuknüpfen, führt die schwarz-rote Regierung in Berlin die Rente mit 63 ein – in einem Land, in dem die Zahl der Erwerbstätigen in absehbarer Zeit immer weiter zurückgehen dürfte.

Hinzu kommt die Unsicherheit wegen des schrumpfenden chinesischen Konjunkturwachstums. Trotz des lahmenden Wachstums erteilte die chinesische Regierung weiteren Konjunkturhilfen eine Absage. China ist der grüßte Automarkt der Welt und der wichtigste deutsche Absatzmarkt. Wenn China seinen Markt abschotten sollte oder die Konjunktur einbricht, würde das die deutsche Automobilindustrie im Mark treffen.

Investitionsoffensive hat oberste Priorität

Deutschland müsste bereits an diesem Punkt dringend strukturelle Veränderungen einleiten, damit auf Sicht von ein paar Jahren auf die fetten nicht die mageren Jahre folgen, appelliert der BDI. Die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung habe bislang nicht Vertrauen stärkend gewirkt. Die Verunsicherung schlage auf die Investitionstätigkeit. Eine Investitionsoffensive sei die oberste Herausforderung für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands.

Der Appell wirkt umso dringender, wirft man einen Blick zurück. Der momentane Eindruck trügt. Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren auch nur gefühlt weit gekommen. Tatsache ist, dass die deutsche Konjunktur von 1993 bis 2013 nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) lediglich um knapp 1,3 Prozent gewachsen ist. Damit rangiert Deutschland nicht weit vor dem maladen Japan (0,8 Prozent), aber deutlich hinter Ländern wie Großbritannien und Finnland (je 2,4 Prozent) oder Schweden (2,5 Prozent). Grund sich auf den Erfolgen ein paar weniger Jahre auszuruhen, gibt es demnach nicht.

Quelle: n-tv.de

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