Wirtschaft
Familiensinn ist relativ. Es ist auch leicht, sich dahinter zu verstecken.
Familiensinn ist relativ. Es ist auch leicht, sich dahinter zu verstecken.(Foto: picture alliance / dpa)

Propaganda im Abgasskandal: VW-T-Shirts sind der blanke Hohn

Ein Kommentar von Diana Dittmer

In schlechten Zeiten sollen Familien zusammenstehen. Bollwerke gegen Angriffe von außen sein. Wenn Volkswagen das Motto "Ein Team. Eine Familie" vor sich herträgt, ist das nicht nur heuchlerisch, die Bosse wollen sich drücken.

Höhepunkt der nichtöffentlichen Betriebsversammlung bei VW, auf der die Konzernführung am Mittwoch den Schulterschluss mit der Belegschaft probte, war der Auftritt von Betriebsratschef Bernd Osterloh. Nach seiner Rede vor rund 20.000 Mitarbeitern verteilte er T-Shirts mit der Aufschrift "Ein Team. Eine Familie". Nicht an alle, das war schon bei der vorherigen Betriebsversammlung geschehen, sondern an die VW-Aufsichtsratsmitglieder Wolfgang Porsche, Louise Kiesling und Hans Michel Piech. Auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der anwesend war, soll eins abbekommen haben. Die Geste wundert.

Betriebsratschef Bernd Osterloh mit VW-Chef Matthias Müller.
Betriebsratschef Bernd Osterloh mit VW-Chef Matthias Müller.(Foto: picture alliance / dpa)

Was soll das heißen? Die Belegschaft steht nun für den jahrelangen Betrug der Konzernführung gerade? Das Motto "Ein Team - eine Familie" ist in vielerlei Hinsicht unpassend. Die Sorge der Beschäftigten vor dem Jobverlust und die Kluft zwischen Belegschaft und Management waren nie größer als heute. Die jahrzehntelange autokratische Herrschaft der Familien Porsche und Piëch über ihre Mitarbeiter - darunter rund 7000 Leiharbeiter, die wahrhaftig nie zur VW-Familie gehörten - hat sich schlimm gerächt. Die "Kultur der Angst" im Konzern, wie Mitarbeiter es selbst beschreiben, das Duckmäusertum unter den Beschäftigten, die von der Schwindel-Software wussten, das alles spricht dafür, dass es im Konzern nie ein Team-Bewusstsein und nie "eine" verantwortungsvolle Familie gab.

Wenn Wolfgang Porsche, der heute den Sonderausschuss zur Dieselaffäre leitet, an die Belegschaft mit den Worten appelliert: "Wir wissen: Arbeitsplätze sind ein hohes Gut", ist das der blanke Hohn. Auch Sätze wie: "Die Familien Porsche und Piech stehen zur Beschäftigungssicherung bei Volkswagen durch ein stabiles und erfolgreiches Unternehmen", sind der reinste Spott. Osterloh kündigte selbst auf der Betriebsversammlung bereits die Suche nach Beschäftigungsmöglichkeiten außerhalb des Konzerns für Leiharbeiter an, deren Jobs jetzt in Gefahr sind. Der Wegfall üppiger Boni vor Weihnachten, verlängerte Werksferien und Produktionspausen, das alles schürt Existenzängste. Stabile und erfolgreiche Unternehmen fügen sich nicht selbst Milliardenschäden zu. Verantwortungsvolle Unternehmen halten Schaden von sich ab und schützen ihre Mitarbeiter.

Kuschen und Vertuschen

Volkswagen hat sich mit der Schreckensherrschaft dieser beiden "Ausnahmefamilien" in die Sackgasse manövriert. Noch ist völlig unklar, wie viele Mitarbeiter ihren Job wegen der Manipulationen verlieren werden. Im Nutzfahrzeugwerk in Hannover sollen Ende Januar 300 Verträge auslaufen. 500 weitere Jobs von Leiharbeitern sollen zudem lediglich um drei Monate verlängert werden. Angeblich hat das mit der Diesel-Affäre nichts zu tun. Trotzdem dürfte es nur der Anfang sein. In der Chefetage sind bisher nur vereinzelte Verantwortliche geflogen. Vielmehr gab es nur munteres Stühlerücken. Der Abgasskandal ist der ultimative Corporate-Governance-Gau. Wo ist da der Familiensinn?

Sicherlich, Familienleben bedeutet nicht nur Harmonie. Es gibt auch Hauen und Stechen. Aber die Idee ist, einander nicht loszulassen. Auf jeden Fall Verantwortung zu übernehmen. Befehl und Gehorsam waren das Motto der Gesellschaft der Kaiserzeit.

Nimmt Wolfgang Porsche das Wort Mitbestimmung in den Mund, die sich bei VW bewährt habe und mit der man "in den vergangenen Jahren nicht schlecht gefahren sei", lobt er das jahrelange Kuschen und Vertuschen im Abgasbetrug auch noch. Eigentlich sollten die Verantwortlichen inzwischen klüger sein. Was soll das Motto "Ein Team. Eine Familie" bedeuten? Bitte keine Kritik? Vertraut uns weiter blind? Irgendwie waren wir ja alle ein bisschen schuld?

Die Belegschaft sollte sich diesen Schuh nicht anziehen. Sie sollte die Verantwortung weit von sich weisen. Wiedergutmachung und Schadenersatz verlangen. Das wäre angemessen. Von einem Betriebsratschef mit jahrelanger Erfahrung wie Osterloh hätte man mehr Sensibilität erwarten können. Diese T-Shirts sind das Sinnbild einer verlogenen Vergangenheit.

Quelle: n-tv.de

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