Leben

Mandelas Enkel erinnert sich "Madiba sprach die Herzen der Menschen an"

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Die Ausstellung zeigt Madibas und Südafrikas Geschichte.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nelson Mandela wurde von 25 Jahren Südafrikas erster schwarzer Präsident. Der Friedensnobelpreisträger beendete die Apartheid und gilt auch nach seinem Tod als Symbolfigur für Freiheit und Gerechtigkeit. Für Mandla Mandela war sein Großvater lange ein Unbekannter, heute pflegt er sein Vermächtnis.

Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela wurde vor 25 Jahren Südafrikas erster schwarzer Präsident. Er beendete die Apartheid und gilt weltweit als Symbolfigur für Freiheit und Gerechtigkeit. Noch bis zum 15. März 2020 ist die Ausstellung "Mandela - The Official Exhibition" im Bikini-Haus in Berlin zu sehen. Unser Autor traf sich dort mit Mandelas Enkelsohn Mandla, dem heutigen Oberhaupt der Familie und Co-Produzenten der Schau. Der volle Name des 45-Jährigen lautet His Royal Highness Nkosi Zwelivelile Mandela. Der hochgewachsene Mann mit den lebhaften Augen sieht seinem berühmten Großvater verblüffend ähnlich.

n-tv.de: Wie alt waren Sie, als Sie Ihren Großvater das erste Mal trafen?

Mandla Mandela: 1983, im Alter von neun Jahren, habe ich ihn das erste Mal im Pollsmoor-Gefängnis in Kapstadt besucht. Für mich war er damals ein Fremder. Ich bin in den staubigen Straßen von Soweto aufgewachsen. Die Kinder und Jugendlichen riefen dort oft "Amandla!" und "Viva Mandela!". Es bedeutet so viel wie "die Macht dem Volke!" Anfangs dachte ich, dass ich in unserem Township ganz schön populär sein muss, wenn die alle meinen Namen rufen. Als ich das meinem Vater erzählte, musste er über meine Naivität lachen. Daraufhin schickte er mich unter Mithilfe des Aktivisten Dullah Omar nach Kapstadt, damit ich dort den Mann hinter diesem Namen kennenlernen sollte.

Wie war das erste Treffen mit Ihrem Großvater im Hochsicherheitsgefängnis in Kapstadt?

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Die Ausstellung zeigt anhand viele persönlicher Gegenstände das Leben von Madiba.

(Foto: imago/i Images)

Ich weiß noch genau, wie ich im Wartezimmer gemeinsam mit Dullah und Frida Omar saß. Sämtliche Fenster und Türen waren verriegelt. Es gab keinen Zweifel, ich befand mich in einem Gefängnis. Und dann betrat Madiba den Raum, eine gigantische Persönlichkeit. Es war ein sehr emotionaler Moment, als er mich mit folgenden Worten ansprach: "Du musst mein Enkel sein!" Niemand hatte mich auf diesen Moment vorbereitet. Ich dachte, mein Großvater sitzt im Knast, weil er Schande über unsere Familie gebracht hatte. Madiba spürte meine Fragen und schrieb später einen Brief an eine nette weiße Unterstützerin namens Helen Joseph. Er bat sie, mich über den Befreiungskampf zu unterrichten. Es war der einzige Brief meines Großvaters, der nicht zensiert wurde - und er war codiert. Helen und viele andere Aktivisten haben mich politisiert.

Wie oft haben Sie Ihren Großvater während seiner 27-jährigen Haft besucht?

Die Familie durfte ihn einmal pro Jahr für eine Stunde und 45 Minuten sehen. Später waren zwei Besuche erlaubt. Bis zu seiner Freilassung in 1990 hatte ich ihn dreimal gesehen. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade mit der Schule in Swasiland fertig und durfte ihn Zuhause wiedertreffen. Dieses Wiedersehen dauerte drei Tage. In der Küche sagte er zu mir: "Junger Mann, warum bist du heute nicht in der Schule?" - "Großvater, ich habe die Schule abgeschlossen" - "Unsinn, du musst da sofort wieder hin!" Ihm war immens wichtig, dass wir Nachgeborenen die neue Politik verstanden und dass wir eine effektive Rolle beim Übergang zur Demokratie spielten.

In der Berliner Ausstellung erfährt man, dass Nelson Mandela im Gefängnis die Werke von William Shakespeare studierte. Sie waren als Bibel getarnt.

Mein Großvater las im Gefängnis gerne Geschichtsbücher und Klassiker der Literatur. Er ist mit traditioneller afrikanischer Kultur aufgewachsen und wollte so viel lesen, wie er konnte.

Haben Sie diese Ausstellung coproduziert, weil Sie der Meinung sind, dass noch nicht alles über Nelson Mandela gesagt worden ist?

Ja. Das Leben meines Großvaters wird oft auf seine politische Arbeit reduziert. Auf den Staatsmann und Friedensmacher. Auf die globale Ikone. Wir als Familie wollen sein Leben aber einmal aus einer anderen Perspektive nacherzählen. Als Kind wurde er durch afrikanische Rituale geformt. Er wurde in einem traditionellen Rundhaus geboren. Er hütete Tiere, fing Fische und kämpfte mit Stöcken. In den 1950er Jahren gab es in Südafrika keine gleichen Rechte für alle. Madiba begann, für die Freiheit und die Rechte zu kämpfen. Dafür wurde er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. 1990 wurde er schließlich entlassen und 1994 wurde er der erste schwarze Präsident. Bis zuletzt hat er nicht weggeschaut, wenn Unrecht geschah. Diese Ausstellung ist ein Aufruf zum Handeln. Wir müssen seine Arbeit fortsetzen!

Die DDR hat die Freiheitsbewegung in Südafrika unterstützt, in dem sie ANC-Kämpfer militärisch ausbildete. Nach einem Aufruf in einer Zeitschrift schickten 87.000 DDR-Kinder Mandela beziehungsweise Madiba Postkarten ins Gefängnis. Hat Ostdeutschland zu seiner Freilassung beigetragen?

Absolut. Die Menschen in Deutschland spielten eine tragende Rolle für unsere Befreiungsbewegung. Südafrika blickt auf eine sehr lange Beziehung zu Deutschland zurück. Dank der katholischen und der evangelischen Kirche, die in meinem Land den Bau von Krankenhäusern, Schulen und Entwicklungsprogrammen ermöglicht haben. Städtenamen wie Hannover, Hamburg und Nürnberg belegen das. Auch in unserem Freiheitskampf haben wir Unterstützung aus Deutschland erfahren, indem viele Südafrikaner im Exil für unser Programm ausgebildet wurden. Es gab in der DDR staatliche und gesellschaftliche Gruppen, die sich gegen die Apartheid und für die Freilassung von Nelson Mandela einsetzten.

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Die Ausstellung in Berlin läuft noch bis zum 15. März 2020.

(Foto: imago images/Future Image)

Einer der schönsten Momente war für meinen Großvater, als er im Pollsmoore-Gefängnis diese vielen Postkarten von jungen Menschen aus Ostdeutschland erhielt. In den 27 Jahren in Gefangenenschaft wurde ihm der Kontakt zu seinen eigenen Kindern verwehrt. Wir hoffen, dass ein Teil dieser Kids von damals sich jetzt unsere Ausstellung ansehen und erneut dazu beitragen wird, dass sich etwas ändert.

Ist das der Grund, weshalb die Ausstellung zuerst in Deutschland gezeigt wird, bevor sie dauerhaft ins Mrezo Komkhulu Museum in Nelson Mandelas Geburtsort einziehen wird?

Absolut. Die Ausstellung ist anlässlich des 100. Geburtstages meines Großvaters im vorigen Jahr konzipiert worden. Wir wollen, dass sie um die Welt geht. Viele Menschen weltweit waren Aktivisten in der Anti-Apartheidsbewegung. Bei denen wollen wir uns gern bedanken. Die Premiere hat in London stattgefunden. Als Kind war ich mit Oliver Tambo vom ANC in London, wo wir das Südafrikahaus am Trafalgar Square besuchten. Dorthin kamen hunderttausende Demonstranten, um unseren Kampf zu unterstützen.

"Mandela - The Official Exhibition" in Berlin

Die Ausstellung ist bis zum 15. März 2020 im Bikini Berlin, Budapester Str. 38-50, 10787 Berlin zu sehen. Montag bis Samstag 10 bis 20 Uhr, Sonntag und an Feiertagen 11 bis 18 Uhr. Erwachsene: 10 Euro (an Wochenenden und Feiertagen 12,50 Euro) Kinder 6 bis 14 Jahre: 8,50 Euro (an Wochenenden und Feiertagen 11 Euro)

Ich bin mit politischen Popsongs wie "Free Nelson Mandela" von den Specials aufgewachsen. Wann haben Sie diese Nummer das erste Mal gehört?

Das ist mein Lieblingssong! Ich durfte meine Mutter in London regelmäßig besuchen und dort Aktivisten wie Oliver Tambo und Mary Benson treffen. Auf diese Weise habe ich mitbekommen, was außerhalb von Südafrika passierte. Ich war extrem aufgeregt, als ich "Free Nelson Mandela" das erste Mal hörte. Immer, wenn dieser ikonische Song irgendwo gespielt wird, kommen meine Erinnerungen hoch. 1988 fand anlässlich des 70. Geburtstags meines Großvaters im Wembley Stadion ein großes Festival statt. Es machte die Anti-Apartheidsbewegung weltweit bekannt.

Waren Sie persönlich dabei?

Nein. Meine Mutter war das einzige Familienmitglied, das in London lebte und dort hingehen konnte. Sie hat uns immer über alles, was meinen Großvater und den Kampf betraf, auf dem Laufenden gehalten.

Auch die Simple Minds und Bono widmeten ihm Songs. Nelson Mandela ist später sogar einmal zu Johnny Clegg auf die Bühne gekommen.

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Mandla Mandela, das neue Oberhaupt der Mandela-Familie, sieht seinem Großvater erstaunlich ähnlich.

(Foto: picture alliance/dpa)

Möge seine Seele in Frieden ruhen! Als Johnny Clegg bei einem Konzert in Paris gerade die Hymne "Asimbonanga (We have not seen him)" angestimmt hatte, schritt mein Großvater plötzlich auf die Bühne. In dem Moment kamen Johnny die Tränen. Zur der Zeit, als Madiba noch im Gefängnis saß, widmete Johnny ihm immer wieder Songs, die allesamt in Südafrika verboten wurden. Man durfte sie nicht einmal erwähnen. Johnny Clegg und Madiba waren miteinander verflochten. Sie wurden beide zu Legenden unseres Landes. Für uns schwarze Südafrikaner war Johnny Clegg der "Zulu Boy". Ein weißer Junge, der die Zulu-Kultur total in sich aufgesogen hatte. Er konnte sprechen, tanzen und singen wie ein schwarzer Afrikaner. Selbst Mitglieder des Volkes der Zulu hatten ihn als einen der ihren akzeptiert. Seine Musik wird man in Südafrika noch in Jahrzehnten hören.

Anfang der 1960er-Jahre erklärte Nelson Mandela die Zeit der friedlichen Umwälzungsversuche für beendet. War er bereit, mit Waffen gegen das Apartheitsregime zu kämpfen?

Lassen Sie mich das korrigieren. Madiba war niemals ein wütender schwarzer Mann, aber er war resolut. Ihm war immer klar, welche Ungerechtigkeiten unserem Volk widerfuhren. Mein Großvater war ein gebildeter Mann, er hat Jura studiert und war von einigen der größten Denker unseres Landes umgeben: Helen Joseph, Lilian Ngoyi, Albertina Sisulu, Adeleide Tambo, Oliver Tambo, Duma Nokwe. Diese Architekten des Freiheitskampfes wurden nicht von Wut angetrieben, sondern von Leidenschaft.

Dank seiner außergewöhnlichen Ausstrahlung bekehrte Nelson Mandela viele Feinde - Apartheidspolitiker wie die Präsidenten P.W. Botha und Frederik Willem de Klerk, rassistische Offiziere und Gefängniswärter. Wie hat er das genau getan?

Madiba hat es verstanden, die Menschen nicht in ihrem Kopf, sondern in ihren Herzen anzusprechen. Um seinen Feinden näher zu kommen, hat er ihre Sprache gelernt. Er hat zu uns gesagt, dass wir akzentfreies Afrikaans sprechen müssten. Die weißen Südafrikaner waren immer sehr beeindruckt von seinen Sprachkenntnissen, besonders die Politiker und Journalisten.

Als im Jahr 2007 Nelson Mandelas Kräfte zu schwinden begannen, hat er die Rolle des Familienoberhaupts an Sie übertragen. Warum hat er ausgerechnet Sie ausgewählt?

Ich würde nicht sagen, dass mein Großvater ausgerechnet mich ausgewählt hat. Immer wenn in unserer Familie die Rede von Häuptlingschaft ist, dann überwiegt dabei die Tradition. Der Vater meines Großvaters hatte 51 Kinder von vier Frauen. Als der viertgeborene Sohn war Madiba nicht der natürliche Nachfolger seines Vaters. Aber er rückte nach, weil seine älteren Brüder früh starben. Da Madibas Söhne ebenfalls schon gestorben sind, besagt die Tradition, dass der älteste männliche Enkel der neue Häuptling wird. Und das war ich.

Mit Mandla Mandela sprach von Olaf Neumann

Quelle: ntv.de